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Muttis Liebling

D 2007. R,K: Xaver Schwarzenberger. B: Ulrike Schwarzenberger. S: Helga Borsche. P: TeamFilm, BR, ORF. D: Monica Bleibtreu, Gregor Bloéb, Marie Bäumer, Friedrich von Thun, Ulrike Beimpold u.a.
89 Min.

Ödipussis Handwerk

Von Oliver Baumgarten Xaver Schwarzenberger ist ein Phänomen. Ganze 33 Filme hat er als Regisseur und fast immer auch gleichzeitig als Kameramann in den letzten 15 Jahren gedreht und dies – ob für Fernsehen oder Kino – ausnahmslos auf 35mm. Gemeinsam mit seiner Editorin Helga Borsche, Hommage-Trägerin beim Kölner Montageforum Film+ 2007, schneidet er die Filme auch analog am Schneidetisch – das, so sagt er, hält er »unverändert für kreativer als am Avid«. Seit 1983 inszeniert er Spielfilme, zuvor war er durch seine Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder zu Ruhm gelangt, dessen Spätwerk er fotographiert hatte, u.a. die legendär finsteren Bilder zum Berlin Alexanderplatz, nach Fassbinders Tod dann filmte er Kassenhits mit Jean-Paul Belmondo und Otto, Loriots Ödipussi und Helmut Dietls Schtonk. Der gebürtige Wiener Xaver Schwarzenberger kann also auf eine Filmographie verweisen, die komplett unterschiedliche Werke versammelt, deren einzige wirklich eindeutige Gemeinsamkeit im großen Erfolg beim Publikum besteht. Historisches Epos, verrauchte Schwarzweiß-Elegie, turbulente Action, geradlinige Komik, düstere Romantik: Schwarzenbergers Vielseitigkeit ist verblüffend.

Hält man sich diese Karriere vor Augen und die Tatsache, daß er mit der so erfahrenen Editorin Helga Borsche seit Jahrzehnten ein kreatives Team bildet, verwundert die Leichtigkeit und der geschmeidige Erzählfluß einer routinierten Komödie wie Muttis Liebling kein bißchen. Trotzdem der Plot keineswegs spektakulär ausfällt, fühlt man sich als Zuseher von der ersten Minute an bestens aufgehoben – wieder einmal ein schöner Beweis für die These, daß es nicht immer so sehr darauf ankommt, was erzählt wird, sondern wie. Und so nimmt die Komödie um »Ödipussi« Wolferl seinen Lauf, der noch mit Ende 30 bei Mama wohnt, bis er Eva Krupke aus Sachsen kennenlernt, die seine Familie und sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen vermag. Eine bestens bekannte Geschichte also, die allerdings so flott erzählt und vor allem so gut gespielt wird, daß sie in keinem Moment langweilt. Muttis Liebling ist in erster Linie natürlich ein ausgewachsenes Monica Bleibtreu-Vehikel: Als bitterböse und sich verzweifelt an den Sohn klammernde Mutti liefert sie – immer den schmalsten Grat zwischen Sympathie und Verachtung balancierend – eine Galavorstellung ab, während Marie Bäumer als liebreizend sächselnde Eva Krupke Mut zur extrem lustigen Knallcharge zeigt.

All das ist wie ein Exempel besten Boulevardtheaters: ein bißchen altmodisch, ein bißchen derb, aber jederzeit grundehrlich, unterhaltsam und vor allem handwerklich auf höchstem Niveau. Auf dem Gebiet der familientauglichen Komödie gehört eine TV-Produktion mit diesen Qualitäten im deutschen Fernsehen wohl noch immer zu den Ausnahmen. 1970-01-01 01:00
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