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Der Buschpilot

L'Africain. F 1983. R,B: Philippe de Broca. B: Gérard Brack. K: Jean Penzer. S: Henri Lanoë. M: Georges Delerue. P: Renn Productions. D: Philippe Noiret, Cathérine Deneuve, Joseph Mono, Vivian Reed u.a.
100 Min.

Die Kinder und die Leguane

Von Daniel Bickermann »Ich habe dich sehr geliebt, das ist wahr«, gesteht der entfremdete Ehemann. »Und ich werde dich nie vergessen, das stimmt auch. Aber du mußt dir endlich eines klarmachen: Je weniger man sich sieht, desto besser versteht man sich!« Ganz diesem deutlich formulierten Grundsatz der Screwballkomödie folgend, begutachtet Philippe de Broca amüsiert die seit 5 Jahren brachliegende Ehe zwischen Victor und Charlotte. Sie ist eine hosentragende Großstädterin aus Paris und selbstbewußte Reiseverantalterin und wird gespielt von Catherine Deneuve. Er ist Auswanderer und dient im zentralafrikanischen Dschungel als Postflieger, Naturschützer und Maskottchen der schwarzen Bevölkerung und wird gespielt von Philippe Noiret. Zusammen führen die beiden eine Ehe, die im Fegefeuer geschlossen worden sein muß.

Und wenn man dann noch bedenkt, daß Charlotte in Victors unberührten Fleck Erde kommt, um den Bambuti-Pygmäen einen großtouristischen Hotelklotz vor die Nase zu bauen, dann versteht man vielleicht, warum er gerne ein paar Extraloopings dreht, damit seine Gattin auf der Rückbank des Flugzeuges ein schweres Schütteltrauma davonträgt. Kurz danach setzt er sie kurzerhand mitten im Buschland ab und fliegt alleine weiter; später bewirft er ihren Jeep auch schon mal mit selbstgebastelten Handgranaten. Deneuve, von all der Bitterkeit sichtlich wenig überrascht, schlägt eisenhart zurück, wenn sie ihren Mann bei einer Konfrontation mit wilden Pygmäen als »reaktionären Rassisten« beschimpft oder ihn völlig unvermittelt (und offenbar wenig beeindruckt von einem um sie herum tobenden Feuergefecht mit russischen Elfenbeinschmugglern) fragt: »Wie kommt es eigentlich, daß Du mir nie ein Kind machen wolltest?«

Zur Absicherung wurde dieser Film noch gewürzt mit grandiosen Tableaus der atemberaubenden mittelafrikanischen Landschaft, mit ausgefallenen Nebencharakteren in den unterschiedlichsten Formen und Größen, mit Tieraufnahmen, Luftbildern und einem reißerischen Plot um Wilderei und Weißes Gold – aber gottseidank braucht man auf all das nicht zurückzugreifen. Denn die erwähnten wunderbaren Gemeinheiten, die man sich erst nach einigen Jahren Ehe antun kann, die Regisseur de Broca in unerbittlichem Stakkato auf den Zuschauer feuert, tragen als Hauptattraktion den Film mühelos. Das Szenario mag eines der ältesten der Filmgeschichte sein, es ist immer noch wahr und amüsant: Die beiden waren fünf Jahre getrennt, und nach ihrem Wiedersehen dauert es 20 Sekunden, bis sie beginnen, sich anzukeifen; nach einer Minute fliegen die ersten Gläser; und nach einem Tag schlafen sie miteinander.

Unbezahlbar ist in solchen Filmen die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern, und die zwischen Noiret und Deneuve fällt so funkensprühend aus, daß ihre Haßliebe keine Sekunde lang unglaubhaft wirkt. Im Gegenteil: Freudig erwartet man, daß sie ihn immer noch einen Schlappschwanz nennt, nachdem er sie aus den Händen einer Schmugglerbande gerettet hat. Andererseits ist man auch seltsam gerührt, daß die beiden auch dann noch miteinander schlafen, nachdem der eine den anderen fast an wilde Krokodile verfüttert hätte. Obwohl Victors Leguane ihrem häuslichen Staubsauger zum Opfer fielen, würde er sich nie eine andere Frau nehmen. Und obwohl die beiden im Streit auseinandergehen, läßt Charlotte ihn zwischendrin noch schnell wissen, daß er jederzeit vorbeikommen könnte, falls er ihr nicht doch noch ein Kind machen wolle.

Man ist sich sicher, daß ein solches Vorhaben nicht ohne größere verbale und körperliche Grausamkeiten vonstatten gehen würde, trotzdem ist es irgendwie ein tröstlicher Gedanke. 1970-01-01 01:00
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