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Out of Sight

USA 1999. R: Steven Soderbergh. B: Scott Frank. K: Elliot Davis. S: Anne V. Coates. M: David Holmes. P: Jersey Films. D: George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle u.a.
123 Min. UIP ab 17.9.98

Erotik findet im Schnitt statt

Von Daniel Bickermann Manchmal geht das Schicksal seltsame Wege. Mitten in seiner Avantgardefilmphase, nachdem sich Steven Soderbergh im Anschluß an seinen Debüterfolg mit Sex, Lügen und Video mit unauffälligen bis unverdaulichen Nachfolgeprojekten wie Kafka, Gray’s Anatomy und Schizopolis vollständig und scheinbar dauerhaft selbst aus der Liste potentieller amerikanischer Starregisseure getilgt hatte, kam Out of Sight und änderte alles. Das Schicksalhafte an diesem Film aber bestand nicht nur darin, daß Soderbergh auch nur als zehnte Wahl für den Regiestuhl ins Rennen ging (und dank zahlreicher Absagen diesen auch erklimmen durfte), daß ihn überhaupt noch jemand auf dem Radar hatte oder daß man ihm dann gleich dieses kleine, aber vielversprechende Indie-Drehbuch überließ, an dem mit Clooney und Lopez zwei offensichtlich aufsteigende Stars hingen, sondern das Wunder bestand in der so entstehenden Zufallsfreundschaft von Clooney und Soderbergh, die ein ganzes Filmjahrzehnt in und außerhalb von Hollywood prägen sollte.

Clooney hatte früh einige smarte Entscheidungen getroffen, die ihn aus dem Pulk hübscher TV-Stars abhoben, aber einer wie Soderbergh hatte ihm gefehlt: Gemeinsam drehten sie fünf weitere Filme, gründeten die enorm einflußreiche Produktionsfirma »Section 8« und, vielleicht am wichtigsten, legten einen filmischen Wertekanon fest, der mainstreamkompatibel, aber dennoch subversiv und qualitativ hochwertig war und den Clooney auch als Produzent und Regisseur mit großem Erfolg umsetzen konnte.

Wieviel davon ist in Out of Sight schon zu spüren? Nun, der lässige Ausbrecherkrimi fällt nicht so sehr unter die politisch ambitionierten Filme, die Soderbergh oder Clooney selbst später drehen sollten, und geht statt dessen eher in Richtung ihres Sparschweins Ocean’s Eleven, das immer dann wieder hervorgeholt und geschlachtet wird, wenn mal wieder etwas Erholung, Urlaub mit Freunden und Produktionsgeld vonnöten ist. Doch technisch findet Soderbergh für den vermeintlich simplen Räuber-und-Gendarm-Plot überraschende Stilmittel, die sein späteres Schaffen prägen würden. Von der sprunghaften Erzählkontinuität über die jazzigen Freeze Frames bis zu einer raffinierten raumzeitlichen Orientierung durch Farbdramaturgie ist hier zum ersten Mal die sehr distinkte Stilistik vorhanden, die Soderbergh später ins Herz des Hollywoodsystem tragen würde.

Die meisten Filmemacher würden für einen Stil mit so raffiniertem Wiedererkennungswert schon ihre rechte Hand geben, aber Soderbergh ist damit noch lange nicht am Ende seiner Kräfte. Zusätzlich gelangen ihm mindestens zwei Szenenauflösungen, die noch Jahre später diskutiert wurden. Die Entstehungsgeschichte der berüchtigten Kofferraumszene, die seinerzeit als One-Shot durchgeführt wurde, dem Testpublikum auf diese Weise aber zu eindrücklich war, ist ein Musterbeispiel für die Kraft des Filmschnitts: die von Editorenlegende Anne Coates schließlich doch in verschiedene Takes aufgelöste Szene zeigt, wie man eine Sequenz zugleich zugänglicher und intensiver machen kann. Raffiniert baut die Montage schrittweise Intimität auf, ohne klaustrophobisch zu wirken oder den Zuschauer zu überfordern, zwischendurch tritt sie immer wieder einen Schritt zurück, um sich den Figuren und ihrem unerwarteten Flirt doch wieder zu nähern. Das zweite Schnitt-Meisterstück in diesem technisch makellosen Film ist natürlich die Parallelmontage des Flirts in der Hotelbar mit der anschließenden Sexszene. In einem direkten Zitat auf Graeme Cliffords legendäre Sex/Bekleidungs-Montage in Nicols Roegs Don’t Look Now kanalisiert der Schnitt hier die erstaunliche Chemie der beiden Hauptdarsteller bei einem abendlichen Umtrunk direkt in die sonst so schwierig zu inszenierende Verführung im Hotelzimmer und verschmilzt beide Szenen, völlig zurecht, zu einem einzigen Vorgang.

Viele solcher Entdeckungen würzen dieses Werk, das alles so einfach und locker aussehen läßt, als hätte der Regisseur aus dem Handgelenk inszeniert, die Schauspieler wären einfach nur sie selbst gewesen und die Editorin hätte zum wippenden Jazzrhythmus der überragenden David Holmes-Musik einfach ein bißchen mit dem Material herumgespielt. In Wirklichkeit ist diese Leichtigkeit die komplizierteste Aufgabe der Welt, und es brauchte viele meisterliche Mitarbeiter und die Hilfe eines verrückten Schicksals, damit alles zusammenkam. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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