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Ein spätes Mädchen

D 2007. R,B: Hendrik Handloegten. K: Armin Alker. S: Stefan Blau. P: HR. D: Fritzi Haberlandt, Matthias Schweighöfer, Justus von Dohnanyi, Oona von Meydell u.a.

Die Ballettlehrerin

Von Daniel Bickermann Wiesbaden ist schon ein selten ekelhaftes Loch. Der Geldadel gibt sich hier in der Oper, im Nobelrestaurant, bei der gediegenen Hausfeier oder gleich im Kasino die wohlpolierte Klinke in die Hand, Kontakt zu den Restbewohnern besteht gar nicht erst. Hendrik Handloegten findet hier das perfekte Umfeld für seine Geschichte über die junge Ballettlehrerin Henriette Sachs, die sich nach einem Leben in professioneller Selbstkontrolle quasi als Seiteneinsteigerin in ihrer eigenen Gefühlswelt verheddert. Der Jungregisseur, dessen unaufhaltsamer Aufstieg schon nach seinem unbedingt empfehlenswerten Diplomfilm Paul is Dead absehbar war, zeigt mit dieser Tragikomödie erneut (nach Drehbucharbeit an Good Bye, Lenin! und Was nützt die Liebe in Gedanken sowie seinem äußerst unterhaltsamen Kinoerfolg Liegen lernen), in welche Höhen er den deutschen Film bringen kann – und was im oft gescholtenen deutschen Fernsehen an Qualität alles möglich ist.

Zentrum des Films ist natürlich diese unnachahmliche Hauptfigur, dieses zwiespältige, vielschichtige Konstrukt von einer Frau. Henriette Sachs trägt hochgeschlossene Kleidung und hat ihr Leben perfekt durchkoordiniert, keine unbedachte Bewegung, kein verräterischer Gesichtsausdruck verirrt sich in ihre maschinenhafte Selbstkontrolle, die sie in ihrer Funktion als Ballettlehrerin gleich noch an die nächste Generation weitergibt. Sie hat ihr Leben vorzeitig abgeschlossen, ins Bett legt sie sich steif, mit angelegten Armen, wie in einen Sarg. Daß sie sehr wohl Gefühle hat, zeigt sich in ihrer etwas ungesunden Anbetung eines zeitgenössischen Komponisten – und natürlich in ihrer Begegnung mit einem schweigsamen jungen Gelegenheitsdieb, dessen Annäherung sie erst abblockt, dann zuläßt und schließlich bis ins Manische forciert. Eine Rolle wie diese bietet sich im deutschen Fernsehen nur alle zehn Jahre einmal, und Fritzi Haberlandt feiert ihren nach diesem Film nun endlich unweigerlichen Durchbruch mit einer Tour-de-Force aus radikaler Körperbeherrschung und triumphaler Ausdrucksstärke. Wenn die so angespannte Henriette nach einer Stunde das erste Mal lacht, strahlt der ganze Film auf, und es weht durchaus ein Hauch von Ninotschka durchs Bild.

Aber Ein spätes Mädchen ist viel mehr als nur ein Film über das Erwachen einer emotionalen jungen Frau aus dem Körper eines zugeknöpften Kontrolljunkies – geschickt webt Handloegtens angenehm ruhige Erzählweise mit schwebender Kamera und langen, sorgfältig gewählten Einstellungen auch Zweifel an der neuen Emotionalität in seine Geschichte hinein. Am Ende steht ein großes, melancholisches Gesellschaftsbild von der Unmöglichkeit der Nähe und der feinen emotionalen Balance, die man finden muß, wenn man sich abends nicht mit angelegten Armen in sein Bett legen möchte wie in einen Sarg. 1970-01-01 01:00
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