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Filmfest Dresden 2012

24. Filmfest Dresden International Short Film Festival. D 2012. L: Karolin Kramheller, Katrin Küchler, Alexandra Schmidt.
Dresden, 17. – 22.4.11
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Filmen, was nicht gesehen werden kann

Von Matthias Wannhoff Im Volksmund ist ein Hundeleben nicht viel wert. Der arbeitslose Rolf würde jedoch sein letztes Hemd dafür geben. Seit seine Frau tot ist, ist die wichtigste Person im Leben des Mittfünfzigers ein Hund namens Piet. Laufen kann das Tier nicht mehr, weil es an einer Fehlbildung der Hüfte leidet, und bloß eine teure OP könnte den drohenden Tod ein wenig aufschieben. Davon, wie Rolf sich das benötigte Geld ausgerechnet mit Wetten an der Pferderennbahn verdient, erzählt Thomas Stubers Abschlußfilm Von Hunden und Pferden – einer der stärksten Beiträge im nationalen Wettbewerb des 24. Filmfestes Dresden.

Rühren, ohne kitschig zu sein, dies vermag der in kontrastreichem Schwarzweiß gedrehte Halbstünder bravourös. Daher erübrigt sich auch die Empfehlung des berühmten Tiertrainers Boone Narr, daß man im Grunde niemals mit Tieren oder Kindern drehen sollte, weil diese jede Szene an sich reißen würden, hier völlig: Zum einen ist der Hund, seiner Krankheit geschuldet, zu keinerlei Tricks mehr imstande. Und zum anderen wird man in Stubers Film Zeuge einer wahrhaft symbiotischen Beziehung zwischen Mensch und Tier – zum Beispiel wenn Rolf den vierbeinigen Pflegefall die Treppenstufen hochträgt oder mit ihm schmusend auf dem Teppichboden liegt. Hier begegnen sich Mensch (wunderbar gespielt vom Theaterschauspieler Matthias Brenner) und Tier tatsächlich auf Augenhöhe.

»Eine Liebeserklärung an das scharzweiße Kino von Fritz Lang bis Wim Wenders« nannte die Jury des Deutschen Kurzfilmpreises im letzten Jahr Stubers Film, als sie ihn zum besten Beitrag in der Kategorie Spielfilm erklärte. Tatsächlich aber weist Von Hunden und Pferden viel weiter in die Vergangenheit, nämlich in die Vorgeschichte des Mediums überhaupt: Im Jahr 1878 stellte der Engländer Eadweard Muybridge zwölf Momentkameras an einer Pferderennbahn auf, um sie im Abstand von 40 Millisekunden nacheinander auszulösen. Damit war bewiesen, daß Pferde in einem kurzen Moment des Galoppierens mit keinem ihrer Hufe den Boden berühren. Ein Bild eben dieses Moments hängt auch in Rolfs Zimmer, allerdings nicht photographiert, sondern gezeichnet – und falsch obendrein. Denn, wie Rolfs Wett-Partner weiß: Kein Menschenauge kann sehen, wo genau sich die Beine in der sogenannten Traumgallopp-Phase befinden. Daß am Ende Zeitlupe (auf Seiten des Films) und Fotobeweis (auf Seiten der Rennrichter im Film) über Rolfs Gewinn und damit auch Piets Schicksal zu entscheiden haben, ist denn eine wunderbar plastische Erinnerung daran, daß das Medium Film – allen Simulations-Simulakren und dem Auteur-Aberglauben zum Trotz – sich immer auch über seinen Naturbezug definiert hat.

Eine ähnliche Philosophie hat die Kanadierin Sophie Goyette. Ihr Film La Ronde läuft gleich an zwei Orten im Dresdner Programm, im Internationalen Wettbewerb sowie im Rahmen einer Sonderrolle über die Kurzfilmszene in Quebec. Es ist ein stimmungsvoll photographiertes Drama auf, dies muß mittlerweile gesondert erwähnt werden, 35mm-Film, das Themen wie Sterbehilfe und Schizophrenie streift und doch nicht dem eigenen Gewicht erliegt. Was die gelernte Mikrobiologin (La Ronde ist ihr vierter Kurzfilm) dann im Filmgespräch erzählte, hört man von Filmemachern leider viel zu selten: Erstens weigerte sie sich, ihr eigenes Werk zu interpretieren, und gab die Frage stattdessen ans Publikum weiter. Und zweitens formulierte sie ein wunderbar bodenständiges Credo: Filme das, was die Realität dir anbietet. Und so findet sich in La Ronde Regen dort, wo das Drehbuch eigentlich gar keinen geplant hatte, und der doch fehlen würde, hätte der Zufall ihn nicht ans Set gebracht. So führt eine geistige Verbindungslinie vom Filmpionier Muybridge zur sympathischen Kurzfilmerin aus Montreal: eine Freude und ein Glauben daran, was Siegfried Kracauer die Errettung der äußeren Wirklichkeit nannte.

Eine andere Strategie verfolgt der niederländische Nachwuchsfilmer Aaron Rookus. Dessen Beitrag Woensdagen (Wednesdays), ebenfalls im Wettbewerb, beginnt ganz unverdächtig mit den Bildern eines Jungen und eines Mannes, man könnte sie für Sohn und Vater halten, wie sie einen Nachmittag im Schwimmbad verbringen – bis der Mann beim gemeinsamen Duschen plötzlich auf Oralsex drängt. Bestechend ist, daß das Opfer dabei zwar zweifellos als Opfer, aber doch und vor allem auch als Mensch in Erscheinung tritt, mit eigener Würde und kindlichem Eigensinn. Rookus arbeitet mit Aussparungen sowohl narrativer wie auch optischer Art, was seinem Sujet vollkommen angemessen ist: Denn jene »äußere Wirklichkeit«, die das Medium Film zu retten vermag, sie hält auch Abgründe bereit, die nicht errettet werden sollen und dürfen. Sie dennoch zum Thema zu machen, dies gelingt Woensdagen meisterhaft. 2012-04-21 21:26

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