— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Filmfest Dresden 2012

24. Filmfest Dresden International Short Film Festival. D 2012. L: Karolin Kramheller, Katrin Küchler, Alexandra Schmidt.
Dresden, 17. – 22.4.11
01

Auf ein Tänzchen mit der Leinwand

Von Cornelis Hähnel Ein junger Mann läuft, nein, vielmehr tanzt er eine Straße in einem Wohngebiet entlang, er springt über ein Fahrrad, dreht sich waagerecht um eine Laterne und springt behende auf einen Poller, verharrt kurz in einer Standwaage, um dann seine Mischung aus Tanz und Akrobatik fortzusetzen. Bewegungen zwischen Anmut und Körper-Klaus. Es ist das Video zum Song »Überlin« von R.E.M. unter der Regie der englischen Regisseurin Sam Taylor-Wood, der begnadete Tänzer ist ihr Freund Aaron Johnson. Das Musikvideo ist Teil des Sonderprogramms »R.E.M. – Collapse into now«, das alle Kurzfilme zu den Songs des letzten Albums von R.E.M. präsentiert. Und das Video ist mit seinem Grundgefühl ein passender Auftakt des Internationalen Kurzfilmfest Dresden: Gleichsam energiegeladen und unbekümmert präsentieren sich die Kurzfilme und erobern die Leinwand ebenfalls auf ihre ganz eigene Weise. Sechs Tage lang steht Dresden-Neustadt nun unter dem Vorzeichen des Kurzfilms: Sechs internationale, fünf nationale Programme sowie 29 Sonderprogramme laden zum ausgiebigen Verweilen ein. Eines der Sonderprogramme widmet sich in diesem Jahr den filmischen Erneuerungsbewegungen Osteuropas zwischen 1956 und 1970. »Ostwind«, so der Name des Programms, versammelt junges kreatives osteuropäisches Kino, Filme, die mittlerweile nur wohlbehütet in den Archiven ruhen und selten das Licht des Projektors erblicken. Einer davon ist Gratiniertes Hirn von Pupilia Ferkeverk von Karpo Acimovic-Godina aus dem Jahr 1969: Eine junge Frau schaukelt barbusig in einer Wasserlandschaft, fünf junge Männer erscheinen und vollziehen seltsame Rituale. Der Film ist ein eindeutiges Kind seiner Zeit, nicht nur das Hippietum, auch die LSD-Vorliebe ist spürbar, bzw. wird gar zur finalen Botschaft. Ein merkwürdiges, aber ebenso spannendes Stück Kinogeschichte, das im ehemaligen Jugoslawien als »dekadent« verboten wurde.

Um wilde Bewegungen geht es auch in The Centrifuge Brain Project von Till Nowak. Ein Wissenschaftler berichtet über Forschungen aus den 1970er Jahren, nach denen Karussellfahrten positive Auswirkungen auf die Lernkurve haben sollen. Deswegen hat man immer wildere Fahrgeschäfte erfunden, um auch Erwachsene vom Kausalzusammenhang zwischen Gravitation und Denkvermögen profitieren zu lassen. The Centrifuge Brain Project ist eine Mockumentary, die sich relativ spät als solche entlarvt. Der »Wissenschaftler« steht in seiner spröden Nüchternheit im Zentrum, wodurch die Absurdität der abgedrehten (und wirklich gelungen digital bearbeiteten) Fahrgeräte anfangs kaum auffällt. Ein geschicktes Spiel mit Inszenierungen und Wirkungen von Bildern, das mit wunderbar subtilem Humor zu überzeugen weiß.

Ebenfalls im nationalen Wettbewerb läuft auch Long Distance Call von Gregorz Muskala. Ein junger Mann bekommt nachts einen Anruf. Es ist seine Ehefrau. Sie ist auf Reisen und ruft ihn nun betrunken vom anderen Ende der Welt an. Der junge Mann hört, daß sie nicht allein ist und er versucht, mit seinen Möglichkeiten, die Situation zu kontrollieren. Long Distance Call ist sowohl Drama, Krimi als auch Kammerspiel. Gerade weil Muskala bewußt nur an der hiesigen Seite des Telefons bleibt, spinnt er sein feines Netz der Spannung und es liegt am sicheren Spiel von Arno Frisch, daß man sich als Zuschauer darin verfängt. Ein Film über Machtspiele und Vertrauen, Verlustängste und Übermut, der letztlich auf die Kraft der Worte vertraut.

Autopsie von Pauline Goasmat, der im Internationalen Wettbewerb läuft, verläßt sich hingegen auf die Bilder. Ohne Dialoge erzählt der Film von einem Vater und seinem Sohn, die das Haus einer verstorbenen Person aufräumen. Goasmat arbeitet mit großen Tableaux, in ihren langen Einstellungen wird das Verschwinden des Lebens sichtbar, sie seziert mit ihren Bildern die Reste eines Lebens, das Materielle, das als Erinnerung an die Verstorbene zurückbleibt. Spuren, die langsam verschwinden. Ein klug inszenierter Film, der grade durch seine verkopfte Herangehensweise an die Thematik zu berühren weiß. Und auch dieser Film verkörpert wiederum einen Grundzug des Filmfests Dresden, wo sich Herz und Hirn zum Tanz auffordern und über die Leinwand wirbeln. 2012-04-19 11:50

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap