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Diagonale 2012

Festival des österreichischen Films.
A 2012. L: Barbara Pichler.
Graz, 20. – 25.3.12
03

Peters Seitenwechsel

Von Christine Dériaz Gleich zwei Ikonen, für manche eher enfants terribles der österreichischen Kultur, nämlich Peter Kern und Peter Handke, sind Thema dokumentarischer Betrachtung. Kern von Veronika Franz und Severin Fiala ist ein sensibles, polterndes, fuchtelndes, lustiges peterkerniges Portrait. In den knapp zwei Jahren, in denen dieser Film über ihn entstand, drehte Kern selbst gleich vier eigene Filme. Und so mischt er sich auch während des gesamten Films in die Dramaturgie ein, hält den Filmemachern vor, konzeptlos zu sein, ihn zu stören, ihn zu sezieren, ihm bildzeitungsgleich auf die Pelle zu rücken, faucht in die Kamera, daß niemals sein wahres Ich zum Vorschein kommen würde, und dabei entsteht ein Kern-Film mit allen Stärken und Facetten des Portraitierten, der Zuschauer lacht mit ihm, zuckt bei Wutausbrüchen zusammen, um gleich darauf befreit aufzulachen: »Alles nur Komödie«.

Peter Handke ist in Griffen allgegenwärtig, aber nicht präsent. Bernd Liepold-Mosser begibt sich in die Heimat Handkes, läßt Dorfbewohner über den berühmten Sohn des Ortes reden und macht so den Autor sichtbar, ohne ihn je zu zeigen. Einer der brüllend komischen Höhepunkte des Films: »Der Handke, der hat doch nie Fußball gespielt, weder im Tor noch sonst wo, was weiß der denn über die Angst des Tormanns beim Elfmeter?!«

Aber nicht nur Handkes Welt, sondern auch Österreichische Provinz und Provinzpolitik, Kärntens umstrittene Zweisprachigkeit (Deutsch – Slowenisch) sorgen für absurde Situationen, für Komik und für fassungsloses Kopfschütteln; heiter verläßt man das Kino, mit dem Gedanken mal wieder in ein Handke-Buch zu schauen.

Lähmende Öde in Stillleben von Sebastian Meise, lange Einstellungen, in denen die Darsteller nahezu erstarrt in Posen stecken, eine Langsamkeit, von der man sich wünscht, daß sie wenigstens einem erlösenden Knall am Ende zustrebt, aber nein, auch am Ende erstarrt alles in bedeutungsschwerer Pose. Sicherlich ist es schwierig, dem Thema Pädophilie (mit Zusatz Inzest) nahe zu kommen, und sicher herrschen Schweigen und Sprachlosigkeit, wenn man plötzlich entdeckt, daß der Vater sexuelles Interesse an der Tochter hat. Da er dieses nicht an ihr auslebt, sondern statt dessen bei Huren den Inzest spielen geht, oder im stillen Kämmerlein mit Bildern der Tochter onaniert, ist er, juristisch, kein Straftäter. Die Frage, ob man für seine Gedanken bestraft werden kann, bestraft werden soll, schwebt im Raum, verliert sich aber in den lähmenden Situationen, in denen es eher um den Umgang der Familie mit der Entdeckung geht ohne daß da aber mehr als Pose herauskommt. Es steckt viel Potential in der Konstellation, aber herausgekommen ist nur uninteressante Stille.

Der letzte Tag ist nun angebrochen, einige Filme warten noch auf das Auge des Betrachters, und am Abend werden dann die Preise verliehen, man darf gespannt sein. 2012-03-25 17:18

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