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Diagonale 2012

Festival des österreichischen Films.
A 2012. L: Barbara Pichler.
Graz, 20. – 25.3.12
02

Bauernopfer

Von Christine Dériaz Österreich entwickelt sich, seit geraumer Zeit schon, zu einem Lieferanten großer und starker Dokumentarfilme, und auch dieses Jahr ist der Anteil der Dokus auf der Diagonale wieder gewachsen und übersteigt mittlerweile die Zahl der Spielfilme. Bleibt zu fragen, inwieweit das einer echten Vorliebe für Dokumentarisches entspringt oder auch der stetig sinkenden Filmförderung zuzuschreiben ist, sind doch Dokumentarfilme leichter mit kleinem Etat und viel Selbstausbeutung zu verwirklichen als Spielfilme. Für den Zuschauer ist das natürlich egal, kann er sich doch an leinwandfüllenden Filmen freuen, die ihn mit einem Plus an Wissen in seine Realität zurückschicken.

Evolution der Gewalt von Fritz Ofner ist so ein Film: Schonungslos, jedoch ohne auf Schockeffekte zu setzten, portraitiert er die exzessive Gewalt, die in Guatemala herrscht, zeigt, wie die Gewalt so alltäglich geworden ist, daß sie nur noch beiläufig wahrgenommen wird; Gewalt beherrscht die Menschen in Guatemala, sie leben damit, und auch Versuche, ihrer Herr zu werden, geraten schnell zu neuer Gewalt. Stück für Stück arbeitet sich Ofner in die jüngere Geschichte des Landes vor, stößt auf der Suche nach den Wurzeln dieser Gewalt auf Bürgerkrieg, Genozid an der indigenen Bevölkerung, Ausbeutung des Bananen liefernden Landes, Traumatisierung – alles mögliche Ursachen. Er läßt den Betroffenen Raum und Platz, sich ihre Gedanken zum Thema zu machen, verzichtet auf Kommentare, auf interpretierende, wertende Musikeinsätze, und entläßt den Zuschauer informierter, aber ratlos ob dieser Entwicklung.

Stets ein Garant für spannende Dokumentarfilme ist Nikolaus Geyrhalter, sein neuster Film Donauspital, 80 Minuten kurz, koproduziert mit ORF und arte, also eher für eine Fernsehauswertung gedacht, funktioniert, wie immer möchte man sagen, auch auf der großen Leinwand. In gewohnt ruhigen, langsamen Bildern, beobachtet Geyrhalter ein Großkrankenhaus in Wien, ungeschönt führt er den Zuschauer durch alle Abteilungen, und läßt auch eher Unappetitliches wie Pathologie, Operationssaal und Großküche nicht aus. Als strukturierender Refrain tauchen Aufnahmen automatischer Transportwagen auf, sie wirken wie aus einer anderen Welt, einem altmodischen Science Fiction Film entnommen, eine nette, kalte Computerstimme warnt »Achtung! Automatischer Transport!« während kleine gelbe Wagen durch endlose, tiefgaragenartige Gänge zu schweben scheinen. Sehr schön ist das, wie ein langes elegisches Gedicht, bei dem auch gelacht werden darf.

Enttäuschend der neue Peter Kern Film Glaube, Liebe, Tod: Zu viel hat Kern seine Wut, seine Verzweiflung ob der Grausamkeit gegen Flüchtlinge, der Massaker im Namen der guten Gesinnung, mit einer Mutter-Sohn Beziehung mischen wollen. Entstanden ist ein Film mit guten Ansätzen, mit einer sensationellen Traute Furthner, aber mit einer hölzern staksenden Geschichte, einerseits zu unglaubwürdig andererseits zu wenig radikal und grotesk (an sich eine Kern Stärke) um zu überzeugen. Das ist schade.

Soweit wenig Überraschendes, oder gar Überwältigendes auf der Diagonale, aber es bleiben ja noch zwei volle Tage. 2012-03-23 19:48

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