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Diagonale 2012

Festival des österreichischen Films.
A 2012. L: Barbara Pichler.
Graz, 20. – 25.3.12
01

Spanische Eröffnung

Von Christine Dériaz Kein Festival ohne feierliche Eröffnung, ohne geladene Gäste, und besonders: ohne Eröffnungsrede durch die Festivalleitung. In Barbara Pichlers zorniger Rede kreiste dann auch vieles um die ökonomischen Aspekte von Kunst und Kultur, oder eigentlich eher um den Rückgang der finanziellen Unterstützung in Österreich, ein Rückzug der die Gesellschaft ärmer macht, weil die Kultur dabei an Raum verliert. Aktueller Anlaß: der Ausstieg einer der Hauptsponsoren, aber auch allgemeine Kürzungen im Kulturetat. Polemisch gezeichneten Gegensatzpaare wie »Kultur oder Kindergärten« darf man so nicht stehen lassen, alle verlieren, wenn die Kunst im öffentlichen Blickfeld schrumpft; eröffnet wurde mit dem bereits in Berlin gezeigten Film Spanien von Anja Salomonowitz, eine nicht ganz überzeugende Wahl. Der Film ist zum Teil schleppend langsam, gefühlsmäßig von Anfang bis Ende mit bedeutungsschwerer Musik unterlegt und die Konstellation der Figuren ist teilweise alles andere als überzeugend. Was den Film »rettet« ist die schöne Kamera von Sebastian Pfaffenbichler, und das durchweg großartige Schauspielerensemble, allen voran Tatjana Alexander und Cornelius Obonya, der als Mistkerl unschlagbar ist.

Die Kürzungen im Sponsoring machten sich auch bei der anschließenden Party bemerkbar, was hinnehmbar ist, wenn dafür mehr Geld für Filme bleibt.

Bemerkenswertes aus Tag 1: 13 Minuten Österreichische Geschichte im Experimentalfilmprogramm, Heldenkanzler von Benjamin Swiczinsky; der äußeren Form nach ein Animationsfilm, mit eingestreuten Wochenschau Bildern, in seiner Erzählform eine Satire, und am Ende hat man verstanden wie Kanzler Dollfuß 1933 den Austrofaschismus »erfand«. Großartig, gelernt und gelacht, so macht Kino Spaß.

Ein Lehrstück zu Filmschnitt und Filmsprache ist Conference (Notes On Film 05) von Norbert Pfaffenbichler: 65 Schauspieler, Hitler-Darsteller, sind in irrwitziger Weise zueinander geschnitten und treten so in einen scheinbaren Dialog, unterlegt mit Musik von Bernhard Lang und Schnipseln von Originaltönen. So entsteht ein dynamischer Film, rein aus der Auswahl und Positionieren seiner »gefundenen« Bilder.

Der neue Film von Arash T. Riahi Nervenbruch.Zusammen ist eine liebevolle, behutsame Annäherung an Frauen am Rande der Gesellschaft. Arash zeigt Bewohnerinnen eines Wiener Übergangswohnheims für obdachlose Frauen, in dem er vor zehn Jahren seinen Zivildienst abgeleistet hat. Durch die langsam, fast fließenden Kamerabewegungen entsteht der Eindruck, man bewege sich auf leisen Sohlen durch das Haus, um dann zu schauen, wo man zuhören, wo man teilhaben darf, am Leben, an den Problemen der Frauen. Und auch wenn die Kamera nah ist wirkt sie nie aufdringlich, sie wahrt, trotz Nahaufnahmen, eine Distanz, die das Interesse, die Neugierde des Zuschauers befriedigt, ohne den Protagonisten ihre Würde, ihre Privatheit zu nehmen, ohne sie bloßzustellen, aber auch ohne auf plumpe Art um Mitleid zu heischen.

Zu guter Letzt der neue Film von Mara Matuschka Quid Tum. Schwierig, da eine Kategorie zu finden: ein experimenteller Thriller mit Gesang und Tanz? Die Geschichte eines verwunschenen Hauses, seiner eigenartigen Bewohner, ihrer noch eigenartigeren Vorlieben und Beschäftigungen nebst Tanz- und Gesangseinlagen? Nun, wahrscheinlich braucht er kein Etikett, er ist schlichtweg sensationell, spannend, berührend und dabei so eigenwillig, daß man schlecht und auch ungern eine Inhaltsangabe geben möchte. Also bleibt es beim Bejubeln und der dringenden Empfehlung den Film bei erster Gelegenheit anzusehen. 2012-03-23 17:07

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