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Berlinale 2012

62. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2012. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 9. – 19.2.12
03

Ungeschminkt

Von Marieke Steinhoff Auch wenn der Wettbewerb dieses Jahr mit Filmen wie Barbara, Cesare deve morire oder Jayne Mansfields's Car zu Recht viel positive Resonanz findet, die kleinen Besonderheiten trifft man oftmals jenseits des roten Teppichs im Internationalen Forum des Jungen Films. Zwei US-Independent-Filme, über die die Autorin eher zufällig stolperte, blieben dabei besonders im Gedächtnis haften.

In For Ellen begibt sich ein junger Rockmusiker namens Joby auf eine Reise in seine Vergangenheit – zu seiner Ex-Freundin und Noch-Ehefrau und deren gemeinsamer sechsjährigen Tochter, zu der er bis dato nie Kontakt hatte. Die Scheidungspapiere liegen auf dem Tisch, unterschreibt er sie, wird ihm der Kontakt auf ewig verwährt bleiben. Joby stellt fest, daß er die fremde Tochter noch nicht verlieren will und bittet um ein Treffen. Bis es zu diesem kommt, verstreicht viel Zeit. Zeit, in der Joby in seinem Auto durch eine winterliche Landschaft fährt, Zigaretten raucht, immer wieder sein reichlich derangiertes Äußeres im Spiegel betrachtet, versucht, sich herzurichten. Daß diese vermeintlich »leeren« Routinemomente bis aufs Äußerste gefüllt wirken, ist zu einem großen Teil der One-Man-Show Paul Danos zu verdanken. Auf ihm ruht die Kamera, läßt ihm Platz für seine Performance, ohne dabei etwas vorzugeben. Ein kongeniales Gegenüber findet sich in der jungen Shaylena Mandigo, die der Tochterrolle eine für ihr Alter fast schon unverschämte Tiefe und Wahrhaftigkeit verleiht. Das Zusammenkommen von Vater und Tochter ist einer der berührendsten filmischen Momente der diesjährigen Berlinale, wird hier doch ohne viele Worte die Erkenntnis eines Verlustes erzählt, der vorher nicht als solcher empfunden werden konnte. Der große Verdienst des Films liegt dabei darin, Jobys Geschichte aus seiner eigenen Perspektive zu erzählen – der Perspektive eines Vernachlässigers und Losers, den wir trotz der offensiven Zurschaustellung seines Scheiterns zu mögen und zu verstehen beginnen.

Das Scheitern an der eigenen Existenz durchzieht auch Francine. Hier ist es eine Frau in den Vierzigern, die nach Verbüßung einer Haftstrafe versucht, in der nordamerikanischen Provinz Fuß zu fassen. Wie fühlt sich das Draußen an, wenn man lange Zeit eingesperrt war? Für Francine schein alles erst mal eine unglaubliche Anstrengung zu sein, der Straßenlärm, Menschen, die mit ihr reden wollen. Einzelne Momente von Glück lassen sich erkennen, wenn sie mit Natur und Tieren konfrontiert ist. So werden es auch Tiere sein, bei denen sie den ersehnten Halt findet – eine Entwicklung, die im Exzess endet und Francines Versuch, in der Freiheit zu überleben, schmerzlich abschließt. Melissa Leo lebt diese Figur, die sich jenseits aller Konventionen bewegt, mit all ihren Konsequenzen. Das ist manchmal nur schwer zu ertragen, wird man als Zuschauer doch mit den eigenen Grenzen dessen, was man noch nachvollziehen möchte, konfrontiert. Ohne psychologische Erklärungsmuster ausgerüstet durchlebt man Francines zum Scheitern verurteilten Versuch, die Gefangenschaft abzustreifen – ein intensiver Kraftakt, der einen lange nicht losläßt. 2012-02-15 14:38

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