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Berlinale 2012

62. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2012. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 9. – 19.2.12
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Die Macht des Körpers

Von Marieke Steinhoff Nachdem man üblicherweise zu Beginn der Berlinale noch voller Energie und Euphorie Richtung Potsdamer Platz fährt, ist drei Tage später zumindest von ersterem nicht mehr viel übrig: Der Magen verdorben (Sandwich, Kaffee, Sandwich, Kaffee), die Augen rot, der Blick schon leicht getrübt. Die Kollegen husten und sehen ähnlich zerstört aus. Der Körper wehrt sich, der Kopf versucht der Müdigkeit zu trotzen.

Viel Körpereinsatz gab es derweil auf der Leinwand zu sehen. In dem Panorama-Beitrag Elles von der polnischen Regisseurin Malgoska Szumowska kämpft sich Anne, gekonnt selbstironisch gespielt von Juliette Binoche, durch ihren enervierenden Alltag als Ehefrau, Mutter und erfolgreiche Journalistin. Ihre neueste Reportage führt sie zu zwei jungen Frauen, die sich neben ihrem Studium prostituieren, um sich selbiges finanzieren zu können. Für gewöhnlich würde nun eine sozialkritische Studie dieses Zusammenstoßes der Schichten – die gehobene Mittelklasse, die sich mit klassischer Musik und Bioessen umgibt versus die mittellosen Studentinnen, die Wodka trinken, um mit ihrem Nebenjob zurecht zu kommen – folgen, doch Elles wechselt diese Perspektive im Laufe des Films. Während Anne anfangs noch mütterlich-besorgt nach den Motiven der Mädchen für die Prostitution fragt, wird sie mehr und mehr von deren freizügigen und durchaus auch vergnüglichen Erzählungen eingenommen. Sie beginnt, ihre eigenen Sehnsüchte zu hinterfragen und sich schließlich ihrer eigenen Fesseln zu entledigen. Juliette Binoche bei ihrem langsamen Kontrollverlust zuzusehen ist sicherlich einer der bisherigen schauspielerischen Höhepunkte der Berlinale, auch wenn Elles ansonsten hinsichtlich seiner eher unkritisch ausformulierten Grundidee – die Begegnung mit Prostituierten als heilsames Ventil für die eigene Identitätskrise – den einen oder anderen Zuschauer befremden mag.

Einen ganz anderen Blick auf den weiblichen Körper wirft der Dokumentarfilm Man for a Day von Katarina Peters. Im Mittelpunkt steht ein Workshop der Gender-Aktivistin und Performance-Künstlerin Diane Torr, indem Frauen lernen, sich wie ein Mann zu kleiden, zu bewegen und zu verhalten. Wird der weibliche Körper in Elles hauptsächlich als Projektionsfläche männlicher Sexfantasien ausgestellt, sehen wir hier Frauen, die sich Barthaare ins Gesicht kleben und selbstgebastelte Penisse in die Hose stecken. Geradlinig und schnörkellos erzählt Katarina Peters, wie die Frauen und ihr Umfeld auf die »Geschlechtsumwandlung« reagieren. Sie kann sich dabei insbesondere auf ihre starken Protagonistinnen verlassen, denen man stundenlang dabei zusehen könnte, wie sie Männer auf der Straße beobachten und zu kopieren versuchen und dabei ganz neue Facetten ihrer Persönlichkeiten entdecken. So geht es Torr in ihrem Workshop auch nicht darum, einfach mal für eine kurze Zeit das soziale Geschlecht wechseln zu können, sondern neue Optionen jenseits geschlechtlicher Zuschreibungen zu erlernen, »mehr« zu werden.

Was passiert mit dem Geist, wenn der Körper gefangen ist? In dem Wettbewerbsbeitrag À moi seule von dem französischen Filmemacher Frédéric Videau geht es, ähnlich wie in Michael, dem diesjährigen Gewinner des Max Ophüls Preis, um Kindesentführung und Gefangenschaft. Doch während in Michael die Machtverhältnisse klar definiert sind und kein Ausweg aus dem Martyrium des Kindes abzusehen ist, beginnt À moi seule mit der Freilassung des entführten Mädchens Gaelle – durch ihren Entführer. Fortan springt der Film zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, zwischen Gaelles Gefangenschaft und ihrem Versuch, sich in der neugewonnenen Freiheit wieder zurechtzufinden hin und her. In den fragmentarisch erzählten Erinnerungen Gaelles an ihre Gefangenschaft erscheint ihr Entführer dabei immer mehr als zerrissene Persönlichkeit, die einerseits Vaterfigur sein will, andererseits zu Gewaltausbrüchen neigt und sich nicht zu kontrollieren weiß. Ist Gaelle zu Beginn noch ganz hilfloses Kind, kehren sich die Machtverhältnisse im Laufe der Gefangenschaft um: Gaelle scheint mehr und mehr die Schwächen ihres Entführers zu durchschauen und die Dynamik des Zusammenlebens zu bestimmen. Gegenübergestellt werden diesen Rückblenden Gaelles neues Leben, das Wiedersehen mit den Eltern, die sie mit ihrer Zuneigung erdrücken, die Einweisung in eine psychiatrische Klinik – die Nebeneinanderstellung der beiden Zeitebenen ist durchaus reizvoll, wird so doch deutlich, daß sich einzelne Momente der Gefangenschaft in Gaelles neuem Leben wiederholen. Gleichzeitig erzeugen die Zeitsprünge aber auch eine künstliche Distanz zum Geschehen, die durch die bewußt kühle und ästhetisierte Bildsprache noch verstärkt wird. So wartet À moi seule mit viel künstlerischer Ambition und einer großartigen Hauptdarstellerin auf. Zu berühren weiß er nicht. 2012-02-13 16:52

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