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Berlinale 2012

62. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2012. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 9. – 19.2.12
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Zeitverschiebung

Von Cornelis Hähnel So, es ist mal wieder soweit, die Berlinale bringt wieder mit einer Fülle von Filmen Publikum, Kritiker und Branche um den Verstand und den wohlverdienten Schlaf. Und auch die 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin wollen ihr Profil als politisches Festival schärfen. So war auch der Eröffnungsfilm von politischer – wenn auch historischer – Natur.

Les adieux á la reine von Benoît Jacquot erzählt von den Anfängen der Französischen Revolution. Die junge Sidonie Laborde ist Vorleserin für Marie Antoinette und lebt, wie viele andere Bedienstete, am Hofe des Königs Ludwig XVI. Als die Nachricht vom Sturm auf die Bastille das Schloß Versailles erreicht, macht sich Unruhe unter den Bewohnern breit. Zum engen Kreis der Entourage der Königin gehörend, macht sich Sidonie Sorgen um ihre Herrin. Und während einerseits versucht wird die Ereignisse herunterzuspielen, werden andererseits Fluchtpläne geschmiedet...

In Villa Amalia hatte Jacquot vom Zerfall einer Identität erzählt, in Les adieux á la reine beschreibt er den Zerfall der Feudalherrschaft. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas erzählt er vom Beginn der Revolution aus der Perspektive des Hofpersonals. Die Form soll dabei den Inhalt unterstreichen, jedoch überlagert sie diesen oft mit ihrer Aufdringlichkeit. Wenn Sidonie raschen Schrittes das Schloß durchquert oder die Kieswege des Gartens entlang eilt, folgt ihr die Kamera ebenso unruhig. Dissonante Streicher sollen die Unsicherheit ebenso verdeutlichen wie das unaufhörliche Getuschel am Hofe. Durch die Penetranz der formalen Ebene wird die Bedrohung von außen, die einzig als Worte ins Schloß gelangt, überlagert. Les adieux á la reine konzentriert sich auf die vage Stimmung des Moments, jedoch überträgt sich das Indifferente auch auf die dramaturgische Ebene. Immer wieder beobachtet Sidonie als passive Beobachterin hinter Türrahmen oder Paravents das Geschehen, ist gehorsamer Spielball und glühende Verehrerin der Königin, doch ein Interesse an ihrem Schicksal entwickelt man als Zuschauer nicht. Und die im Vorfeld oft bemühten Verweise auf die jüngsten Entwicklungen in der arabischen Welt wirken doch sehr bemüht. Nur weil ein Wort öfter in der Geschichtsschreibung auftaucht, ist es noch lange keine verläßliche Grundlage für eine Metapher.

Eine grandiose Verknüpfung zweier Zeitebenen schafft hingegen Cesare deve morire (Cesar must die) der italienischen Regisseure Paolo und Vittorio Taviani. In einem Hochsicherheitstrakt der römischen Strafanstalt Rebibbia proben ein paar Gefangene für ihre Aufführung von Shakespeares Julius Cäsar. Die Regiebrüder haben die Proben sechs Monate lang begleitet und in ihrem semi-dokumentarischen Film verdichtet. Herausgekommen ist ein filmisches Experiment – und ein formales Meisterwerk. Der Film beginnt mit der Aufführung im Gefängnis, in Farbe. Dann wechselt er in eine schwarzweiße Ästhetik und erzählt von den Proben. Große Teile sind Szenen aus dem Theaterstück, nur dann und wann ist die Probensituation erkennbar und die Darsteller agieren jenseits ihrer Rollen. Es ist erstaunlich mit welcher inszenatorischen Präzision die Gebrüder Taviani die beiden Ebenen zu einem steten Erzählfluß verknüpfen, in dem keine der Ebenen störend wirkt. Die Sprache Shakespeares und das Innenleben der verurteilten Verbrecher gehen hier eine packende Symbiose ein. Gerade in seiner konsequenten Künstlichkeit ist Cesare deve morire wohl seit langer Zeit der gelungenste Versuch, das Werk Shakespeares in die heutige Zeit zu bringen. 2012-02-13 16:05

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