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Max Ophüls Preis 2012

33. Filmfestival Max Ophüls Preis. D 2012. L: Gabriella Bandel, Philipp Bräuer.
Saarbrücken, 16. – 22.1.12
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Krisen überwinden

Von Cornelis Hähnel Als bekennender Sadomasochist, Homosexueller und Linker wurde Hermes Phettberg Anfang der 1990er Jahre einem größeren Publikum bekannt. Vor allem in Österreich sorgte er mit seiner Kolumne in der Stadtzeitung »Falter« und seiner Phettbergs Nette Leit Show für große Aufmerksamkeit. Seine freizügige Offenheit und seine provokanten Fragen und Aktionen ließen ihn schnell zum Medienphänomen werden und der 170-Kilo-Kloß gefiel sich in der Rolle des intellektuellen »Netzbeschmutzers«. Mittlerweile hat Phettberg drei Schlaganfälle erlitten und lebt von Sozialhilfe. Regisseur Sobo Swobodnik hat Phettberg mit der Kamera in seiner Wohnung in Wien besucht und liefert mit Der Papst ist kein Jeansboy ein Portrait eines Künstlers ab, der versucht, sein Überleben zu meistern. Behutsam gestaltet Swobodnik dabei seine Beobachtung des mittlerweile rund 100 Kilo leichteren Phettbergs, der langsam, tatterig und sichtlich von den Folgen der Schlaganfälle gezeichnet, seinen Alltag bestreitet. Nur wenig erinnert an das grantelige Großmaul, das man bis dato kannte und doch vermag Phettberg noch immer sein eigenwilliges Charisma, das immer wieder in der scheinbar gebrochenen Persönlichkeit aufflackert, zu verströmen. Der Film konzentriert sich dabei konsequent auf den Alltag Phettbergs, darüber liegt die Stimme Josef Haders im Off, der aus Phettbergs »Gestionsprotokoll« liest, eine Art Tagebuch, das Phettberg seit 2007 schreibt. Da Swobodnik komplett ohne Team angereist war, spürt man die Intimität der Situation, die niemals diskreditierend ist, sondern – allen Widrigkeiten zum Trotz – sich würdevoll dem Menschen Phettberg nähert. Nach dem Screening erzählte Swobodnik, daß Phettberg auf seine Anfrage für das Projekt zurückgeschrieben habe: »Was glauben Sie, was ich als Narzisst davon halte?« Trotz allem ist er scheinbar unverbesserlich geblieben.

Einer der diesjährigen Themenschwerpunkte des Filmfestivals Max Ophüls Preis widmet sich dem Protest: Vier Dokumentarfilme setzen sich mit den Verstrickungen globaler Ereignisse und deren Konsequenzen auseinander. Einer davon ist Fara ad synda von Bettina Schwarzenbach. Die schweizerische Regisseurin untersucht darin die Folgen der isländischen Staatspleite 2008. Anhand verschiedener Interviews gibt sie einen Einblick in den isländischen Alltag nach der Krise und wie die damaligen Entwicklungen von den Isländern wahrgenommen wurden. Und entweder hat Schwarzenbach bei der Auswahl ihrer Gesprächspartner (die von Bankangestellten über Freelancer bis zum Anarchisten reichen) ein sehr gutes Händchen bewiesen, oder es gibt tatsächlich so etwas wie eine generelle nordische Gelassenheit. Ohne von Fatalismus oder Wut getrieben zu sein, erzählen die Betroffenen reflektiert und wachsam von der Krise und blicken hoffnungsvoll, jedoch ohne Verklärung, nach vorn. Auch so kann Protest aussehen.

Ebenfalls auf die Barrikaden geht die Rentnerin Eva Meyenburg in dem Spielfilm Crashkurs. Nachdem sie 30 Jahre zufriedene Kundin bei ihrer Bank war, muß sie nun erfahren, daß durch die weltweite Finanzkrise ihre gesamten Ersparnisse weg sind. Nachdem sie auch mit juristischen Mitteln keinen Erfolg hat, wird aus der mittelständischen Durchschnittsbürgerin eine Wutbürgerin. Etwas unbeholfen aber entschlossen versucht sie, ihr Geld mit Protestaktionen zurückzubekommen. Regisseurin Anika Wangard erzählt in Crashkurs von den Auswirkungen der Bankenkrise auf die »einfachen« Leute. Da sie dabei ebenso realistisch wie humorvoll bleibt, ist der Film nicht das Sprachrohr des »kleinen Mannes« gegen ein ungerechtes System, sondern zeigt, wie Menschen, die jahrelang mehr oder weniger unpolitisch gelebt haben (»Papa ist doch kein Linker!«), aufgrund des Verlustes der eigenen Sicherheit beginnen, ihren blinden Glauben in eine scheinbare Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft zu hinterfragen. Und es ist vor allem dem wunderbaren Spiel von Monika Lennartz zu verdanken, daß man ihr den Wandel von der rüstigen zur renitenten Rentnerin bedingungslos abnimmt. Selten war Widerstand so bürgerlich und dabei so sympathisch.

Zusammen mit der ebenfalls bezaubernden Ursula Werner, der in diesem Jahr eine kleine Hommagereihe gewidmet wurde, spielt Lennartz auch in dem Kurzfilm Mädchenabend von Timo Becker. Die beiden ungleichen alten Damen, die eine eher juvenil-impulsiv, die andere knarzig-verkopft, brechen aus dem Alltag des Altenheims aus und gönnen sich eine wilde »Ladies Night«, inklusive Cocktailschirmchen und Men Strip. Mädchenabend ist präzise und mit dem Wissen um komödiantische Strukturen erzählt und schafft es gerade dadurch, der relativ simplen Geschichte einen eigenen Anstrich zu geben. Aber vor allem strahlen hier die Spielfreude und der Charme der beiden Grandes Dames der deutschen Schauspielkunst aus jeder Einstellung heraus. Und es ist ein Beweis dafür, wie sehr sich Nachwuchs und Erfahrung gegenseitig beflügeln können. 2012-01-22 03:39

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