— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Max Ophüls Preis 2012

33. Filmfestival Max Ophüls Preis. D 2012. L: Gabriella Bandel, Philipp Bräuer.
Saarbrücken, 16. – 22.1.12
01

Grenzerfahrungen

Von Cornelis Hähnel Im Thementeil der aktuellen Ausgabe des Schnitts setzen wir uns mit dem Status Quo des deutschen Films 50 Jahre nach dem Oberhausener Manifest auseinander. Doch neben der notwendigen Theorie darf natürlich auch die Praxis nicht vergessen werden. Und wo ließe sich besser ein prüfender Blick auf die Leinwand werfen als auf einem Festival. Das Filmfestival Max Ophüls Preis widmet sich auch in der 33. Ausgabe dem deutschsprachigen Nachwuchsfilm in all seinen Facetten. Schaut man sich den Wettbewerb genauer an, fällt vor allem eine Tendenz auf: Der deutsche Film verläßt immer öfter seine geographischen Grenzen und gibt sich international, sowohl in der Themenwahl als auch im Setting.

Regisseurin Maggie Peren erzählt in Die Farbe des Ozeans von den Irrungen unserer globalisierten Welt. An einem kanarischen Strand wird die deutsche Urlauberin Nathalie zufällig Zeuge wie ein Boot mit afrikanischen Flüchtlingen ankommt. Spontan beschließt sie, dem Senegalesen Zola und seinem Sohn zu helfen und holt Wasser für die beiden. Doch als sie zurückkehrt, ist bereits die Polizei vor Ort, die alle Flüchtlinge in ein Internierungscamp steckt, um sie möglichst schnell wieder in ihre Heimat zurückzuschicken. Das Erlebte geht Nathalie nicht aus dem Kopf und als Zola und sein Sohn aus dem Lager fliehen können und sie um Hilfe bitten, muß sie sich entscheiden, wie viel sie wirklich bereit ist zu riskieren.

Maggie Peren hat sich für ihren Film ein schwieriges Thema ausgesucht – schwierig insofern, daß gerade die Flüchtlingsproblematik schnell in ein moralinsaures Betroffenheitskino umschlagen kann. Dank eines klugen Drehbuchs, das sich neben der steigenden Dramatik immer wieder auf subtilere Zwischentöne konzentriert, wird so ein Umkippen in ein »Fair-Trade-Drama« verhindert. Die Verantwortung für das eigene Handeln wird hier auf mehreren Ebenen durchdekliniert, ohne sie dabei als unfehlbar zu stilisieren. All das wird getragen von einer gelungenen Kameraarbeit, die wunderbare Bilder findet, die eindeutig für die Leinwand gemacht worden sind. Nach ihrem eher unsäglichen Debüt Stellungswechsel überzeugt Maggie Peren in Die Farbe des Ozeans mit allen Registern der Erzählkunst und scheint glücklicherweise ihren Weg als Regisseurin gefunden zu haben.

Ebenfalls von einer deutsch-afrikanischen Begegnung – jedoch unter gänzlich anderen Vorzeichen – erzählt Der Fluss war einst ein Mensch von Jan Zabeil. Ein junger Deutscher fährt darin durch ein afrikanisches Land. Scheinbar ohne Ziel durchquert er die archaische Wildnis. Eines Tages trifft er auf einen alten Fischer, der ihn mit seinem Boot tiefer in die Einöde bringt. An einem Flußdelta schlagen sie ihr Nachtlager auf, doch am nächsten Morgen ist der alte Mann tot. Der junge Deutsche versucht, einen Weg zurück in die Zivilisation zu finden, doch je länger er in der ungastlichen Landschaft herumirrt, desto stärker verändert sich seine Wahrnehmung. Der Fluss war einst ein Mensch ist das Portrait eines Suchenden, eine Metapher für die Suche auf dem Weg zu sich selbst, ein Sinnieren über den Tod. Hauptdarsteller Alexander Fehling trägt den Film mit seiner Präsenz vor allem in den Teilen, in denen die Narration gen Null tendiert – was durchaus als Qualität des Filmes gelten darf. In hypnotischer Konsequenz irrt Fehling durch die afrikanische Sumpflandschaft und mit ihm der Zuschauer und die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarischen scheinen zu verschwimmen.

Bewußt extrem artifiziell hingegen gestaltet sich Snowchild von Uta Arning. In morbidem Gothic-Manga-Look erzählt Arning von einem Berghotel am Meer, in das sich die verlorenen Seelen begeben, um sich vom Balkon des Hauses ins tosende Meer zu stürzen. Ein sechzehnjähriges Mädchen kommt ebenfalls zum Sterben hier hin, wird aber vom Sohn der Hotelbesitzerin im letzten Moment von ihrem Vorhaben abgehalten. Fortan wohnt sie dort und ist Teil einer zufälligen Gemeinschaft, die auf ihre persönliche Erlösung wartet. Man kann zu dem schon seit einigen Jahren anhaltenden Nippon-Hype stehen wie man möchte, doch Snowchild ist aufgrund seines Muts, den Film durchweg im Stil der japanischen Populärkultur zu erzählen, eine Seltenheit. Zwar tappt auch Arning, bedingt durch die mimetische Herangehensweise, teilweise in die Stereotypen-Falle, aber dennoch vermögen die düster-poetische Erwählweise und die überbordenden Bilder zu überzeugen. Und es ist ein Beweis dafür, wie andersartig sich das deutsche Kino gestalten kann. 2012-01-18 21:15

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap