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Interfilm Berlin 2011

27. Internationales Kurzfilmfestival Berlin. D 2011. L: Heinz Hermanns.
Berlin, 15. – 20.11.11
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Animierender Auftakt

Von Cornelis Hähnel Es ist November in Berlin und die Tage werden wieder kürzer. Gut so, die Filme nämlich auch. Und nichts paßt besser als kurze Filme und lange Nächte. Vom 15. bis zum 20. November steht Berlin ganz im Zeichen des Kurzfilms, denn interfilm Berlin lädt zum 27. Mal alle ein, den internationalen Kurzfilm in all seinen Facetten zu genießen. Rund 7000 Einreichungen aus 122 Ländern sind dieses Jahr eingegangen, von denen immerhin 500 Filme in 50 Programmen und sechs Wettbewerben laufen. Ein ordentliches Pensum – und eine willkommene Ablenkung vom grauen Novemberwetter.

Einen deutlichen Zuwachs bei den Einreichungen gab es bei den Animationsfilmen, wie Festivalleiter Heinz Hermanns berichtet. Und somit hat man sich kurzerhand entschlossen, in diesem Jahr zwei Animationsprogramme zu präsentieren. Eine gute Entscheidung, denn zum einen ist gerade der Animationsfilm in der Kinolandschaft chronisch unterrepräsentiert und zum anderen fühlt er sich doch grade im kurzen Format besonders wohl. Dennoch wird dem Animationsfilm eine gewisse Grundskepsis entgegengebracht, dabei hat das Genre oftmals gar nichts mit einer glattgebügelten Disney-Welt oder dem digital-präzisen Pixar-Kosmos zu tun. Eher läßt sich der künstlerische Animationsfilm mit einer Graphic Novel vergleichen, der mit einer neuen Bilderwelt die Essenz des Lebens extrahiert und somit eine eigene Version der Realität offenbart.

Und es scheint, als hätte die Animationssektion die Romantik wiederentdeckt. Nein, auch hier bleibt die Prinzessinnentür zu und die Begrifflichkeit öffnet sich gen kulturgeschichtlicher Epoche: Die Abkehr von der klassischen Form, die Empfindlichkeit und die Vergänglichkeit finden sich nämlich auch in den Animationswerken im Internationalen Wettbewerb.

Luis y el lobo von Joaquin Cocina, Niles Atallah, Cristobal Leon ist ein Nachtstück in bester ETA Hoffmann-Manier. Ein verwüstetes und versifftes Wohnzimmer, Brauntöne im schummerigen Licht, ein Taumel, eine Stimme aus dem Off. Inmitten diesem klaustrophobischen Ambiente werden die Wände zu Leinwänden und erzählen albtraumhafte Miniaturen. Der chilenische Beitrag ist eine Mischung aus Realfilm und Animation und schafft es gerade aus dieser Gegenüberstellung ein beklemmendes und die Urinstinkte der Angst berührendes Gefühl zu forcieren.

Zumindest zu einem Teil realistisch ist auch Les Journaux de Lipsett von Theodore Ushev. Ohne Anspruch auf biographische Authentizität bringt der kanadische Regisseur das Leben des avantgardistischen Experimentalfilmers Arthur Lipsett auf die Leinwand. Lipsett, zu dessen Bewunderern Stanley Kubrick gehörte und der auch Einfluß auf George Lucas hatte, litt unter einer bipolaren Störung und beging kurz vor seinem 50. Geburtstag Selbstmord. Ushev läßt mit seinen Zeichnungen die Bilderwelten Lipsetts wieder auferstehen und erzählt damit zugleich seine eigene Version seiner Lebensgeschichte, irgendwo zwischen Hommage, Wahnsinn und visueller Neuinterpretation.

Auch Ticket von Ferenc Rófusz mutet wie eine Reminiszenz an, wenn wohl auch nicht beabsichtigt. Die Geschichte eines Mannes, die von der Geburt bis zum Tod erzählt wird, erinnert aufgrund des Schraffur-Stils an das Video zu »Take on me« von A-ha. Doch nicht nur die Umsetzung wirkt uninspiriert, auch das Thema des Lebenskreislaufs ist so bräsig und konventionell erzählt (Geburt, Schule, erste Liebe, Hochzeit, Kinder, Tod), daß es einen schaudern läßt. Wenn man ein Leben nur auf die gesellschaftlich erwarteten Standards herunterbricht, bleibt eben nichts als Langeweile. Da wartet man doch lieber darauf, daß Morten Harket mal kurz um die Ecke guckt.

Ebenfalls dem Kreislauf des Lebens hat sich Yi Zhao in seinem Film On The Water verschrieben: Ein Mann schifft seinen Kahn durch die unsteten Wogen des Lebens. Eine zwar arg metaphernbefrachtete Geschichte, die allerdings im Zusammenspiel von Bild und Musik zu einer fast meditativen Symphonie der Vergänglichkeit wird. Es scheint, als sei die Romantik tatsächlich in der Animationswelt angekommen. Glücklicherweise ohne Glitzer-Happy-End. 2011-11-17 20:09

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