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Nordische Filmtage Lübeck 2011

53. Nordische Filmtage Lübeck. D 2011. L: Linde Fröhlich.
Lübeck, 2. – 6.11.11
Kongen av Bastøy gewann den NDR-Spielfilmpreis sowie den Publikumspreis; © Norwegian Film Institute

Nordische Vielfalt

Von Jens Dehn Was haben sie sich Gedanken gemacht: rückblickend mußten die Intendantin Christine Berg und die Künstlerische Leiterin Linde Fröhlich selbst schmunzeln, als sie sich bei der Abschlußdiskussion der Nordischen Filmtage 2011 an ihre Zweifel und Ängste erinnerten. Grund der Sorgen waren die Umstellungen, die nach der letztjährigen Ausgabe vorgenommen werden mußten. So wurden die Preise der NFL nun erstmals nicht mehr zusammen mit dem Norddeutschen Filmpreis vergeben, welcher eingestellt wurde. Von Herabwürdigung und fehlender Aufmerksamkeit wurde da im Vorfeld orakelt. Fakt ist: Etwas Besseres als diese Zwangsemanzipation hätte den Filmtagen kaum passieren können. Kleiner, dafür familiärer und exklusiver fiel die Filmpreisvergabe in diesem Jahr aus, mit dem einen unbezahlbaren Vorteil, daß alleine die ausgezeichneten Filme aus dem Norden Europas im Mittelpunkt standen und gefeiert wurden.

Am meisten gefeiert wurde dabei Kongen av Bastøy (King of Devil’s Island), der sowohl den NDR-Spielfilmpreis als auch den Publikumspreis gewann. Der Film von Marius Holst erzählt die auf tatsächlichen Ereignissen beruhende Geschichte eines Aufstandes straffällig gewordener Jugendlicher im Jahre 1915. Auf der als Erziehungsanstalt dienenden Insel Bastøy im Oslofjord sollen sie durch Schwerstarbeit und Mißhandlungen diszipliniert werden, bis sich einige von ihnen gegen ihre Erzieher auflehnen. 150 Soldaten der norwegischen Armee, Torpedoschiffe und ein U-Boot waren seinerzeit nötig, um die Rebellion zu beenden. King of Devil’s Island schafft es, »ein historisches Ereignis mit großer erzählerischer Wucht in ein fesselndes Kinoerlebnis zu verwandeln, das in jeder Sekunde spannend, real und emotional ist«, begründet die Jury des Spielfilmpreises ihre Entscheidung. Über die Richtigkeit von Preisvergabe und Begründung kann es keine Diskussion geben.

Überhaupt war Norwegen diesmal das dominierende Land, mit einer großen Bandbreite an Geschichten und gestalterischen Ideen. Wenn man Agnes Kittelsen, der Hauptdarstellerin des Eröffnungsfilms Sykt lykkelig (Happy, Happy) Glauben schenkt, ist es durchaus angenehm, in der heutigen Zeit als Schauspielerin in Norwegen zu arbeiten. Stand ihr Heimatland bis in die 1990er Jahre hinein noch deutlich im Schatten der etablierten skandinavischen Filmnationen Schweden und Dänemark, so hat es in der jüngsten Vergangenheit ernorm aufgeholt. Alleine im letzten Jahr gab es 40 Premieren. »Trotzdem müssen wir noch viel lernen«, sagt Kittelsen treffend, »von 40 Produktionen können nicht alle Meisterwerke sein. Ich habe lieber vier Produktionen, aber die dafür richtig gut.«

Auch von den 16 Wettbewerbsfilmen waren ganz sicher nicht alle Meisterwerke. Dennoch bestach der Jahrgang 2011 mit seiner Vielfalt, sowohl inhaltlich wie auch inszenatorisch. Kjell-Åke Anderssons verschachtelt erzähltes Drama Någon annanstans i Sverige (Irgendwo in Schweden) sei hier ebenso beispielhaft genannt wie Oslo, 31. August des hoch gelobten Joachim Trier. Dessen Chronik eines Tages im Leben des Mittdreißigers Anders überzeugt zwar nicht vollends, hallt ob seiner formalen Strenge aber noch lange nach. Bemerkenswert war auch die Präsenz des kleinen, krisengebeutelten Island, das gleich mit drei sehr gelungenen, sehr unterschiedlichen Filmen vertreten war.

Doppeltes Pech hatte der dänische Beitrag Dirch, ein opulent gefilmtes Biopic des in seiner Heimat hochverehrten Schauspielers und Komikers Dirch Passer. Pech einerseits, weil er in der Gunst der Zuschauer nicht an King of Devil’s Island vorbei kommen konnte; und Pech zum anderen, weil in Lübeck nun mal kein Darstellerpreis vergeben wird. Wäre dies der Fall, so hätte er alleine dem großartigen Nikolaj Lie Kaas zugestanden, dessen differenziertes, mitreißendes Spiel nichts mehr mit den liebenswert-naiven Figuren zu tun hat, mit denen Kaas einst durch Filme wie Flickering Lights oder Ein richtiger Mensch bekannt wurde. Wenngleich Nikolaj Lie Kaas nicht persönlich nach Lübeck kommen konnte, gehört seine Darstellung fraglos zu jenen Momenten, für die die Nordischen Filmtage 2011 in Erinnerung bleiben werden.

In der Retrospektive hat sich einmal mehr bestätigt, daß in sich abgeschlossene Themen – sei es künstlerisch, zeitlich oder geographisch – einfach greifbarer sind und daher besser angenommen werden als offene. Erwies sich das Interesse 2010 bei dem sehr breiten Thema »Die skandinavische Verlockung: Liebe – Wohlfahrt – Sex im skandinavischen Kino« als eher bescheiden (Sex sells zumindest in Lübeck nicht), war das Publikum in diesem Jahr auf »Lappland und das Kino der Sami« deutlich gespannter. Kein Wunder, gibt es doch noch vieles zu entdecken über diese Region und diesen Kulturkreis, der hierzulande bislang allenfalls einigen Eingeweihten durch die Filme Nils Gaups bekannt war. Umso enttäuschender erscheint daher jedoch das Versäumnis, diesmal keine Begleitpublikation zur Retrospektive angeboten zu haben, wie es vor zwei Jahren noch anläßlich des Filmlandes Grönland der Fall war.

Bemerkenswert am Jahrgang 2011 war die Zahl der Produktionen, die bereits einen deutschen Verleih im Gepäck hatten. So werden von den Wettbewerbsfilmen unter anderen King of Devil’s Island, Happy, Happy und die Komödie Jeg reiser alene (Ich reise allein) in den nächsten Monaten einen regulären Kinostart in Deutschland erfahren. Weitere kommende Highlights wurden zudem in der Sektion »Specials« vorab präsentiert. Babycall war dort beispielsweise zu sehen, der neue Film von Pål Sletaune, der das Spiel mit verschiedenen Wahrnehmungsebenen, das er vor sechs Jahren mit Naboer (Next Door) begonnen hat, hier weiter ausarbeitet. Mit Noomi Rapace in der Hauptrolle ist ihm dabei ein überraschend vielschichtiges Stück Genrekino gelungen. Oder Ronal Barbaren (Ronal, der Barbar), ein dänischer 3D-Animationsspaß, dessen Inhalt sich problemlos mit seinem Werbeclaim »Babes, Balls and Muscles« zusammenfassen läßt. Diese Fülle an Deutschlandstarts darf als Anerkennung und Untermauerung der Qualität des skandinavischen Kinos angesehen werden.

Noch ein Wort zu den nach Abschluß eines Festivals gerne angeführten Zahlenspielereien: mit rund 27.000 Zuschauern an den viereinhalb Tagen konnte das hohe Level des Vorjahres gehalten werden. Als Lohn unterstützt das Land Schleswig-Holstein die Filmtage von diesem Jahr an mit 70.000 Euro statt bisher rund 42.000 Euro. Diese Aufstockung ist für die Organisatoren erfreulich und nicht nur aufgrund des großen Publikumszuspruchs gerechtfertigt.

Bisher waren die Nordischen Filmtage stets das größte, angesehenste und wichtigste Festival zum skandinavischen Film außerhalb Skandinaviens. Seit diesem Jahr sind sie auch noch das einzige, das mit dieser Größe und diesem Aufwand betrieben wird. Kurz vor Weihnachten 2010 wurde bekannt, daß das Festival du Cinéma Nordique in der Normandie nach 23 Jahren nicht mehr stattfinden wird. Scheinbar unüberbrückbare Konflikte der Veranstalter mit der Stadtverwaltung von Rouen seien dafür ausschlaggebend gewesen, verlautet es aus Frankreich.

In Lübeck werden die Filmtage von der Stadt veranstaltet, und auch wenn die Grußworte der Stadtoberen im Festivalkatalog dieses Jahr einigermaßen wirr ausfielen und man künftig mit Einschränkungen am falschen Ende – nämlich dem Katalog selbst – fürchten muß, dürfte man sich im Rathaus doch um die Wichtigkeit der Filmtage für die Stadt bewußt sein.

Durch das bedauernswerte Ende des Festival du Cinéma Nordique jedenfalls werden sich die Augen der skandinavischen Filmemacher in Zukunft noch stärker auf Lübeck richten und die Filmtage als Schaufenster und Marktplatz zusätzlich an Bedeutung gewinnen. 2011-11-17 09:18
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