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Kurzfilmfestival Zypern 2011

International Short film festival of cyprus (isffc) 2011. CY 2011.
Zypern, 15. – 22.10.11
Garagouz von Abdenour Zahzah

Heitere Perfektion und gelassenes Engagement

Von Dieter Wieczorek Die zyprische Hafenstadt Limassol (Antik: Neapolis) ist bereits auf den ersten Blick eine Stadt im Umbruch: Eine Vielzahl von Baustellen zeugen von regem Aufbruchswillen. In dieses Bild paßt gut, daß im Oktober 2011 hier sich das 1. Internationale Kurzfilmfestival Zyperns in heiterer und konzentrierter Stimmung präsentierte, neben bereits vier weiteren auf Zypern beheimateten Festivals, namentlich das des fast zeitlich laufenden Spielfilms, sowie weiteren des Kinder, Experimental- und Dokumentarfilms, folglich bereits das fünfte auf relativ kleinem Raum.

Kollegiale Atmosphäre und konzentrierte Anspannung versprechen gleich von ersten Augenblick an ein Festival, das sich verankern möchte auf der Weltkarte des internationalen Filmgeschehens. In den vorhergehenden Jahren war ein Festival am gleichen Ort lediglich nationalen Beiträgen gewidmet. Die Schaffung eines kollektiven cinematographischen Forums war wichtig genug in einer medialen Landschaft, wo bereits das Ausstrahlen älterer Spielfilme im TV ein Tabu darstellt. Umso größer folglich Wunsch und Begehren, besonders der jungen Generation, Anschluß zu finden an die Kanäle alternativer Kommunikations- und Kulturformen.

Mit gelassenem Selbstbewußtsein läßt das Festival erst gar nicht den Eindruck aufkommen, für Kompromisse zum populären Unterhaltungskino offen zu sein. Im Gegenteil, im Internationalen Wettbewerb werden eine Reihe komplexer bis enigmatischer Werke gezeigt, die zu einer aktiven Auseinandersetzung herausfordern. Sonderprogramme wie das der Pariser Lowave Distribution und des ebenfalls in Paris ansässigen Internationalen Festival Signes de Nuit unterstrichen nur die überall spürbare Tendenz, audiovisuelle Werke zu zeigen, die sich mit aktueller, an Komplexität gewinnender Realität in Form und Inhalt konfrontieren und ausgetretene Ästhetiken hinter sich lassen.

Die Begleitumstände des Festivals könnten nicht angenehmer sein. Neben der Hauptspielstätte, dem klassischen, makellosen Kinosaal Rialto, lud ein benachbarter großzügiger Bar- und Caferaum zu weiteren Sonderprogrammen und Workshops, wie beispielsweise zu einem Dialog mit dem griechischen Filmemacher Theodoris Papadoulakis, dem es gelang, eine TV-Serie auf ästhetisches Spielfilmformat zu heben und Themen wie Krankheit und Einsamkeit, die in der Welt des schönen artifiziellen TV-Scheins normalerweise ausgeklammert bleiben, einem Massenpublikum zu präsentieren. Marginal reale Personen wurden plötzlich zu Identifikationsfiguren, die touristische Pilgerzüge zu den Spielstätten zur Folge hatten.

Ebenfalls nur wenige Schritte entfernt wurde ein Hausdach als weitere Spielstätte für Open-Air Nachtprogramme genutzt. Zu noch späterer nächtlicher Stunde luden die kleinen, unmittelbar auf dem Platz vor dem Hauptsaal gelegenen Restaurants zum Plausch zwischen Gästen, zyprischen Filmemacher und den gastfreundlichen Organisatoren. Programmbroschüren und ein übersichtlich gestalteter Katalog unterstützten noch den Eindruck einer gelassenen Perfektion, die vereint mit dem Charme eines Festivals noch menschlicher Dimensionen die Spieltage zu einem in Erinnerung bleibenden Erlebnis verdichteten.

Da die Programme erst am Abend begangen, blieb den Gästen genügend Zeit für Inselerkundungen und Begegnungen. So konnte man das nur wenige Minuten von Limassol entfernte, am Meer gelegene Amphitheater Kourion entdecken, das vielleicht einmal - warum nicht träumen dürfen - als weitere Festivalspielstätte genutzt, sich dem kollektiven Gedächnis der Cinephilen als Weltspielstätten des Kinos einzuschreiben eine gute Chance hat.

Der große, mit 5000 Euro dotierte, Preis ging an Abdenour Zahzah Film Garagouz. Der Algerier schafft ein anklagendes Werk, das den noch so fragilen, poetischen Widerstand gegen die brutalen Barbarismen des religiösen Fanatismus zu eindringlichen Bildern verdichtet.

Der spanische Film Machine Man Alfonso Momes and Roser Corellas erhielt den mit 4000 Euro dotieren Dokumentarfilmpreis. Die Filmemacher dokumentieren anhaltende Formen der Versklavung im 21. Jahrhundert, hier am Beispiel der Degradierung des Körpers zu mechanischer, unausgesetzter Schwerstarbeit in Bangladesh.

Das in kristallinen Bildern komponierte Werk 11:50 Stylianos Constantinous erhielt einen der nationalen Hauptpreise. In bester Understatementhorror-Tradition wird hier ein Leichenschminker mit seinem eigenen, sich ankündigen unausweichlichen Tod konfrontiert.

Die Kurzfilmwelt kann ab nun mit Zypern rechnen. 2011-11-16 15:44
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