— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hofer Filmtage 2011

45. Internationale Hofer Filmtage. D 2011. L: Heinz Badewitz.
Hof, 25.10. – 30.10.11
Stephan Ricks wendungsreiche Krimigeschichte Unter Nachbarn

Blühende Filmlandschaft

Von Sabine Könner Ein bißchen wie in Cannes wäre es in Hof in diesem Jahr, meinte ein Kollege, Cappuccino trinkend und in die Sonne blinzelnd. Wo das Meer denn sei, warf ich ein. Ach, sie haben doch hier so einen See, wie heißt er denn gleich… Mit der Vermietung von Klappstühlen nebst einer mobilen Latte macchiato-Station hätte man ordentliche Einnahmen erzielen können in der fränkischen Mittelstadt an der Saale. Während des traditionell Ende Oktober stattfindenden Festivals quollen die Cafès über vor Kinosüchtigen und Sympathisanten. Umrahmt von heimeligen fränkischen Altstadthäusern konnte man bei lauen Temperaturen Programmtips austauschen und den Duft fränkischer Bratwürste einatmen.

Unglücklich filmgeschwängert beklagte der Österreicher Peter Kern die Leidenschaftslosigkeit der Facebook-Generation. Johanna Thalmanns Spielfilmdebüt Wir.Jetzt! (HFF München) konnte seine persönlichen Erwartungen nicht erfüllen, es fehle die »Sehnsucht« in diesem Film, alles sei so beliebig.

Originell und charmant bedankte sich der 62jährige Wiener am Donnerstagabend für die Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof. Der Regisseur, Autor und Produzent ging weit in die Vergangenheit zurück, in der er einst Elektrokaufmann und der Bürgermeister einst Textilkaufmann lernten. »So überreiche ein Textilkaufmann einem Elektrokaufmann eine Porzellanfigur« witzelte Kern. »Wir hatten früher alle Mädchennamen, Fassbinder war die Mary und Michael Ballhaus die Sonja. Als Ballhaus jedoch in Hollywood war, wollte er nicht mehr Sonja genannt werden…«

Kern stamme aus proletarischem Milieu und mache keinen Unterschied zwischen Hoch- und Subkultur, resümierte der Journalist Helmut Schödel in seiner Laudatio. Der Regisseur habe seine Ausgaben reduziert und drehe Low-Budget-Filme. Er sei sich daher über die Jahrzehnte treu geblieben, zeige das durchschnittliche Bürgerleben als Abweichung. Kern hüte sich vor Klassenverrat und sei stolz auf sein Leben als freier Mensch.

Sich selbst treu bleiben mit den Hofer Filmtagen kann sich auch deren Leiter Heinz Badewitz. Das einheimische Publikum strebte wie immer zahlreich in die Säle, Filmschaffende aus allen Teilen der Bundesrepublik reisten an, die sechs Tage dauernde Veranstaltung hatte Flair und Ausstrahlung. Dennoch verströmt jeder Festivaljahrgang sein eigenes Parfüm, und diesmal roch es nach Spannung, nach Krimi, nach Doppelbödigem. Die schwierige Weltlage schlägt sich langsam in den Filmen nieder, oder diese müssen ihr trotzen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Tändelnde Liebesgeschichten scheinen im Moment nicht en vogue, und wenn schon, haben sie eine existenzialistische Komponente. Einer der beiden Liebenden ist ein vom Verdursten oder von Schlepperbanden bedrohter Flüchtling oder die Pärchenharmonie leidet unter der unterschiedlich ausgeprägten Empathie für die sozial Schwächeren.

Maggie Peren zeigt in Die Farbe des Ozeans wie eine Touristin zufällig die Ankunft von Flüchtlingen aus Afrika beobachtet und spontan einem Vater und seinem kleinen Sohn zu helfen beginnt. Sie solle sich raushalten, rät ihr später anreisender, beruflich erfolgreicher und begüterter Freund, denn diese Leute bekäme man dann nicht mehr los. Perens kluges Drehbuch etabliert verschiedene Figurenkonstellationen, die sich im Fortgang immer mehr miteinander verbinden, bis ein unentwirrbares Knäuel entsteht. Ein spanischer Polizistenmacho läßt seine drogensüchtige Schwester im Stich, Mamadou, der kleine Sohn des Afrikaners, sieht seinen Vater wohl zum ersten Mal beim Lügen und Betrügen. Sabine Timoteo und Friedrich Mücke geben das Pärchen, deren Harmoniedecke unter den neuen Umständen bedenklich zu wackeln beginnt. Zwischen Hotelzimmer, Strand, Flüchtlingslager und einem Vergnügungspark am Meer entrollt sich ein Drama, das alle Beteiligten verändert zurückläßt. Julian Wagner erhielt in Hof ex aequo den Förderpreis deutscher Film (5000 Euro) für sein Szenenbild.

Ein ähnliches Thema behandelt Implosion von Sören Voigt. Wieder geht ein Flüchtlingsboot in Spanien an Land. Halb verdurstete Gestalten klettern ans Ufer, für die das Meer, der Traum der Touristen, zum Alptraum geworden ist. Unter ihnen ist Djamile, eine zwanzigjährige Kongolesin, die nach der Landung auch noch den Tod ihres Begleiters miterleben muß. Thomas hingegen verbringt Urlaubstage mit seinem Vater. Die Ehe seiner Eltern ist eben zerbrochen und der Vater präsentiert schon seine neue Freundin, die Spanischlehrerin aus der Schule des Sohnes. Voigt legt eine starke Gewichtung auf die Familienkonstellationen. Durch das Auftauchen des illegalen Mädchens Djamile implodiert das fragile Trio Vater-Sohn-Freundin, da sich Thomas gegen den Willen des Vaters stark für Djamile zu engagieren beginnt.

Während Maggie Perens Geschichte düster endet, das Auffanglager als Alptraum gezeichnet wird und die existentielle Not der Afrikaner stärker zu spüren ist, bleibt bei Voigt ein Gefühl der Hoffnung zurück. Der Berliner Regisseur gibt, abgesehen von dem siebzehnjährigen Thomas, der im Zentrum des Films steht, allen anderen Figuren jedoch eine eher gleiche Gewichtung. Die Familiengeschichte, in einem Ferienressort angesiedelt, überzeugt durch die fundierte Psychologie ihrer Charaktere und durch die überragenden Schauspieler (Sven Gielnik als Thomas und Hans Jochen Wagner als Vater Niels). Beide Kameramänner, sowohl Olaf Hirschberg (Implosion) als auch Armin Franzen (Die Farbe des Ozeans) finden einprägsame Bilder ihre jeweiligen Geschichten zu erzählen. Die Landschaft des Südens und die Symbolkraft des Wassers in allen Formen (Meer, Pool, abgefüllt in der Plastikflasche) geben den Geschichten eine bildlich-sinnliche Ebene, aus der jedoch niemals Kitsch erwächst. Das deutsche (und deutschsprachige) Kino erblühte 2011 in Hof. Vorbei die Zeit, in der man »zum Erholen« einen englischen oder französischen Film gucken ging.

Josef Bierbichler zum Beispiel und Angela Gregovic in Brand – eine Totengeschichte (eine österreichisch-deutsche Koproduktion). Bierbichler spielt einen bekannten Schriftsteller, dessen Frau, eine berühmte Schauspielerin (Erika Deutinger), schwer krebskrank in der Klinik liegt. Die Geschichte nimmt Fahrt und zischt anarchistisch davon. Das ist Bierbichler zu verdanken genauso wie Thomas Roths Regie, der offensichtlich viel Erfahrung gesammelt hat durch die Inszenierung von diversen Tatorten und TV-Serien. Ein originelles Drehbuch mit brillanten Darstellern und exquisit komponierten Bildern, an dessen Ende zwei der vier Hauptfiguren im Leichenkühlhaus liegen und der Dritte demnächst dorthin kommen wird. Den Film spannend macht das Ringen der beiden Männer. Denis Moschitto mimt den eifersüchtigen türkischen Ehemann, einen Polizisten zudem, der vor Wut schäumt ob der verbohrten Liebessturheit des wesentlich älteren Rivalen.

Kurhaus Productions produzierten zusammen mit dem SWR Stephan Ricks Debütspielfilm Unter Nachbarn. Der Regisseur, der ebenfalls bereits fürs Fernsehen arbeitete (Allein gegen die Zeit, Die Pfefferkörner) brachte eine sensible Krimigeschichte nach Hof, die sich gleichermaßen als Psychodrama wie als Sozialstudie geriert. Wie bei den russischen Puppen steckt eine Geschichte in der anderen, es gibt immer wieder eine neue Wendung. Die beiden Hauptfiguren sind Nachbarn, kommen jedoch aus unterschiedlichen Milieus. Ein junger, aufstrebender, kontaktfreudiger Journalist und ein einsamer Krankenpfleger, zwei, die eigentlich gar nicht zusammen passen und sich normalerweise kaum träfen, würden nicht ihre Behausungen nebeneinander liegen. Charly Hübner als wuchtiger Krankenpfleger, manipulativer und doppelbödiger als man anfänglich vermuten mag, Maxim Mehmet als flotter Journalist, der den zurückgezogenen Nachbarn ein wenig zu frischem Wind verhelfen will und schneller als er gucken kann in dessen Netzen zappelt. Fahrerflucht, Vertuschung, Erpressung und unerwiderte schwule Liebesgefühle, es bleibt bis zuletzt spannend, unvorhersehbar und interessant.

Mit Sicherheit die meisten Leute vom Team standen nach Dominik Grafs Das unsichtbare Mädchen auf der Bühne. Großer Bahnhof für einen großen deutschen Regisseur, und Applaus für einen gelungenen Film, der im Vorfeld schon einen kleinen Medienrummel erzeugt hatte. Außer daß das Werk in Hof und Umgebung gedreht wurde, lehnt es sich an einen wahren Kriminalfall aus der Region an. Im Jahre 2001verschwand die neunjährige Peggy aus Lichtenberg. Verurteilt wurde ein behinderter junger Mann, dem im Grunde nichts nachzuweisen war. Basierend auf dem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung stellt Graf einen Polizeithriller auf die Beine, der sich gewaschen hat. Der Film ist amerikanisch angehaucht, voller Action und mit nicht wenigen Gewaltszenen. Die Polizisten sind uneins, ein neuer Ermittler aus Berlin wird in die Provinz versetzt und trifft auf einen fränkisch sprechenden Zerberus, der autoritär und rechthaberisch seines Amtes waltet. Ulrich Noethen spielt diesen Kriminalhauptkomissar Michel als eingebildeten Provinzfürsten, dem man lieber nicht begegnen möchte. Im Pressegespräch am Sonntagmorgen betonte Dominik Graf, daß viele Optionen in der Geschichte steckten und daß der »Peggy-Aspekt« nur einen davon bilde. Er habe in den französischen Filmen immer bewundert, daß der sogenannte »Saustall« ein Unterhaltungsfaktor sein könne, meinte Graf. Er zeige den Polizeiapparat bewußt als ein Geflecht, in dem manche Kräfte, durch einen Überschuß an Konflikt mit sich selbst, nach außen mit einer unglaublichen Gewalt agierten. Graf habe sich sehr bemüht, den Film fertigzustellen, um ihn in Hof starten zu können.

Hof 2011 könnte auch »Hort der interessanten Filme« heißen oder wie Peter Kern während der Preisverleihung am romantischen Theresienstein in holde Worte faßte: »Heinz Badewitz habe ein freies und offenes Zuhause für alle Erzählformen geschaffen.«

Das Festival ist auch seit Jahren eine Plattform für den anspruchsvollen Dokumentarfilm. Empire me – der Staat bin ich von Paul Poet ragte heraus und Buy me von Catalina Flórez Ibarra. Empire me zeigt Gemeinschaften, die neue Wege des Zusammenlebens beschreiten, die helfen, die Welt von ihren Rändern her zu erneuern. Ein unglaublich inspirierender Dokumentarfilm, der, ein wenig an Glawoggers Filme erinnernd, ein atmosphärisches Panorama alternativen Lebens aufblättert. »Man muß sich nach den richtigen Leuten ausrichten und Demut akzeptieren«, heißt es gegen Ende des Films. Die Kolumbianerin Flórez Ibarra porträtiert mehrere Prostituierte und läßt sie einfach aus ihrem Alltag erzählen. Lebensklug und interessant sind die Frauen, die sie vor die Kamera holen konnte.

»Was ist der Unterschied zwischen einer Hundehütte und einem Psychiater?« »Die Hundehütte ist für den Hund, der Psychiater für die Katz!«, so gehört in Dominik Grafs Film. Die Hofer Filmtage 2011 waren keinesfalls für die Katz. 2011-11-02 14:30
© 2012, Schnitt Online

Sitemap