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Filmfestival Münster 2011

14. Filmfestival Münster. D 2011. L: Nicky Schulte.
Münster, 12. – 16.10.11
Seren Yüces gewann mit Çogunluk (Majority) den Preis für die Beste Regie

Goethe im Kino

Von Maxi Braun Hätte Goethe nur schlappe 63 Jahre länger gelebt, sein armer Tor Faust wäre nach dem vergeblichen Studium von Philosophie, Juristerei und Theologie wohl mit dem Film der Antwort auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, ein Stück näher gekommen. Auch das zusammenhaltende Konzept des 14. Filmfestivals Münster offenbart sich nicht auf einen flüchtigen ersten Blick. Denn anläßlich des 30. Jubiläums von Filmwerkstatt und biennalem Festival leisteten sich die Organisatoren zusätzlich zu der gewohnt heterogenen Auswahl an Kurz- und Langfilmen zahlreiche Extras. Rahmen- und Sonderrubriken flankierten das Programm ebenso wie das Symposium »FilmLab 2.0« zur Zukunft des alternativen Filmemachens und die Videokunst-Ausstellung »Times are us«. Statt Midlifecrisis präsentierte Münster eine Institution, die auch drei Dekaden nach ihrer Entstehung keinen Hauch von Stagnation zeigt.

Sentimentale Nostalgie kam angesichts der alles andere als beschaulichen Beiträge des Kurz- und Langfilmwettbewerbs gar nicht erst auf. Die Münster-Connection bot Filmemachern aus der Region erneut eine Plattform. Neben dokumentarischen, animierten und experimentellen Kurzfilmen überraschten vor allen Dingen die professionellen Musikvideos, die aus dem deutsch-niederländischen Kooperationsprojekt Band Movies 2010 hervorgegangen sind. Wer an die clipästhetischen Ursprünge von Spike Jonze oder Michel Gondry zurückdenkt, muß sich um den Kreativpool Münster in cineastischer Hinsicht demnach keine Sorgen machen.

Den Blick zurück richtete die Dokumentation 30 Jahre Filmwerkstatt von Julian Isfort und Stefanie Haverkock. Mittels der klassischen Kombination aus Zeitzeugen-Interviews und Filmausschnitten beschwört das Regieduo die Gründerzeit im alten Pumpenhaus, wo seit 1981, abseits der Filmakademien und bürokratischen Förderantragsgremien, unter low- bis no-budget Bedingungen eine anarchische Filmszene mitten im beschaulichen Westfalen blüht. Hieraus ging noch im selben Jahr das damals dem Kurzfilm vorbehaltene Festival unter dem Titel »Filmzwerge« hervor. Hinzu kamen Seminare und Workshops wie der unter der Ägide Peter Greenaways, in den sich ein damals noch unbekannter junger Mann namens Tom Tykwer schmuggelte. Eine andere Art, die Chronik des Festivals Revue passieren zu lassen, fand sich in der Rubrik »Die besten Kurzen«. In zwei Blöcken konnten hier die von der Jury gekürten Kurzfilmpreis-Gewinner der letzten 30 Jahre bewundert werden. Die sich daraus ergebende Retrospektive dokumentierte den technischen, ästhetischen und inhaltlichen Wandel, der exemplarisch für die deutsche Kurzfilmlandschaft dieser Zeit sein dürfte und so ein Stück Medien- und Filmgeschichte illustrierte.

Wenn ein Charles Bronson-Double einen Hengst einseift, im Palast der Republik Erichs Lampenladen eröffnet oder sich Eichhörnchen zu kitschigen Asia-Schlagern räkeln, ist man mittendrin in den besten 40 Filmen aus den insgesamt 550 eingereichten Werken im deutschsprachigen Kurzfilmwettbewerb. Bunt durchmischt konkurrierten hier visuelle Experimente mit narrativen Beiträgen, deren Story auch gerne mal mehr als 30 Minuten zur Entfaltung zugestanden wurden, womit Münster Mut zum langen Kurzfilm bewies. Mit Leonids Geschichte und Vatermutterkind teilten sich zwei stilistisch unterschiedliche, aber dennoch dem Erzählkino zuzurechnende Perlen den Preis der Kurzfilmjury. Regisseur Rainer Ludwig rekapituliert mit Leonids Geschichte in einer Mischung aus animierten und dokumentarischen Bildern das Tschernobyl-Unglück 1986 aus der Sicht einer kleinen Familie und ist in seiner bildlichen wie tragischen Dimension Waltz with Bashir durchaus ebenbürtig.

Was passiert, wenn freigeistige Eltern Anarchie mit Hedonismus verwechseln, schildert mit deutlich mehr Humor Daniel Krauses Vatermutterkind. Die 10jährige Mieke bleibt auf sich gestellt, kommentiert aus der Distanz das Treiben der partygeilen Eltern und offenbart den schmalen Grad zwischen antiautoritärer Erziehung und Gleichgültigkeit. Ein Film, in dem der Satz fällt »Auf den Teppich kacken, Salzstangen reinstecken und sagen »Der Igel wohnt jetzt hier« geht nun wirklich zu weit!« muss man einfach lieben.

Die acht eigenwilligen Werke, die im Europäischen Spielfilmwettbewerb konkurrierten, schienen hingegen das Motto »Was das Leben zusammenhält« geschickt ad absurdum zu führen.

Koen Mortierts 22 Mei entfaltet nicht die abgefuckte Wucht von seinem Vorgänger Ex-Drummer, sprengt aber das Leben, wie wir es kennen, brutal und buchstäblich auseinander. Sicherheitsmann Sam landet nach einem Bombenanschlag im Einkaufszentrum in einer irrationalen Welt zwischen Leben und Tod. In diesem Limbus wird er mit weiteren Opfern, deren Schicksalen sowie mit der Frage nach der eigenen Schuld konfrontiert. Die Rekonstruktion des Selbstmordattentats ist ein längst verlorener Wettlauf gegen die Zeit. Die Hintergründe manifestieren sich nur in einem ephemeren Mosaik, das jedes Mal, wenn es zum Greifen nah scheint, zerfällt. Das surreale Sujet erinnert an Gaspar Noés Enter the Void, die unabwendbare Explosion in Slow Motion entfaltet aber eine einzigartige Schönheit und Poesie. Wenn die im Limbus Gestrandeten verzweifelt versuchen, ihr Alter Ego der Vergangenheit auf die drohende Katastrophe hinzuweisen, erzählt Mortier nicht nur von der Distanz zwischen den Menschen, sondern auch von der Selbstverständlichkeit, mit der wir unser eigenes Leben hinnehmen.

In dem ästhetisch wie dramaturgisch konventionellsten Beitrag des Wettbewerbs También la lluvia gibt uns Regisseurin Icíar Bollaín einen Vorgeschmack auf die uns erwartenden Verteilungskämpfe um essentielle Ressourcen. In Bolivien mündeten diese bereits 2000 im »Wasserkrieg von Cochabamba«. Zur Zeit dieses Ereignisses ist auch der spanische Oscar-Kandidat 2011 angesiedelt. Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) plant die filmische Dekonstruktion des Mythos um den spanischen Eroberer Christoph Kolumbus. Wie praktisch, daß Catering, Setbauer und Statisten im Entwicklungsland Bolivien für einen Spottpreis zu haben sind. Im Verlauf der Dreharbeiten spiegelt sich die Geschichte um Ausbeutung und zivilisatorischer Überheblichkeit, als sich der lokale Konflikt um die Privatisierung der Wasserversorgung zuspitzt und der Hauptdarsteller des »Films im Film« auch in der Realität zum Widerstandskämpfer wird. Das eine hehre Absicht nicht alle Mittel rechtfertigt ist ebenso wenig überraschend wie Gael García Bernals Wendung vom vordergründigen Gutmenschen zum eigensüchtigen Narzissten, der alles seiner Kunst unterordnet. Das ausgerechnet der mit Kalkül und Geldgier agierende Produzent am Ende sein Leben riskiert, stellt innerhalb des solide inszenierten Dramas zumindest eine kleine Überraschung dar.

Seren Yüces Langfilmdebüt Çogunluk (Majority) sicherte sich den Preis für die Beste Regie. Das desillusionierende Portrait einer türkischen Mittelklassefamilie in Istanbul zertrümmert dann auch gleich alle Hoffungsschimmer auf die verbindenden oder stabilisierenden Kräfte von Familie, Liebe oder Toleranz. Mit der subtilen Thematisierung des armenisch-türkischen Konflikts um die Anerkennung des Genozids am armenischen Volk von 1915/16 drückt Yüce zudem ein heißes Eisen in die Wunde türkischen Nationalstolzes. In Kontrast zu den Werken Fatih Akins, bei dem Yüce als Regieassistent tätig war, gönnt Çogunluk dem Zuschauer keine Flucht nach vorn durch blindwütigen Aktionismus oder eruptive Gewalt. Stattdessen bleiben wir allein mit stiller Wut auf die Tatenlosigkeit des Protagonisten Mertkan. Spätpubertierend verbummelt er seine Tage und setzt in Punkto Antriebsarmut neue Maßstäbe, auch die Beziehung zur sympathischen Gül lockert seine Lethargie nur anfänglich auf. Als das patriarchalische Familienoberhaupt Kemal, der nicht zufällig den bürgerlichen Namen Atatürks, dem Gründervater der modernen Türkei, trägt, von Güls armenischer Herkunft erfährt, fordert er Mertkan auf, die Beziehung zu beenden. Schließlich seien Menschen wie Gül daran interessiert, die Türkei zu zersetzen. Mertkan kann sich weder zur Rebellion, noch zum Schlußmachen aufraffen, bis Gül verschwindet. So bleibt am Ende von Çogunluk die Tradition vordergründig intakt. Ein Status quo, bei dem das Unvermögen der Männer, Gefühle zu artikulieren, die ausgehöhlte Fassade von Familie aufrechterhält.

Die Fachjury um Dozent und Publizist Oliver Baumgarten, Produzent Markus Halberschmidt, Regisseur Sven Taddicken und Schauspieler Egbert-Jan Weeber zeichnete mit Çogunluk eine in ihrer Ausweglosigkeit erschreckende Milieustudie aus, die sie in ihrer offiziellen Begründung treffend als »faszinierend und erschreckend« charakterisierten.

Ein ebenso verdienter Sieger wäre allerdings der serbische Beitrag gewesen. Mit Beli, beli Svet inszenierte Regisseur Oleg Novkovic eine klassische griechische Tragödie um Mord, Sex, Gewalt, Rache und Inzest – nur in der Tristesse der serbischen Provinz Bor. Drei Generationen ringen an diesem Ort ohne Perspektive mit ihren persönlichen Dämonen. Rosa wartet seit zehn Jahren auf die Rückkehr der Mutter, die für den Mord an Rosas Vater im Gefängnis sitzt. Diese sehnt sich nur nach ihrem verflossenen Liebhaber, einem Barbesitzer, der sich »König« nennt und von dem über Sex hinaus absolut nichts zu erwarten ist. Er wiederum weiß nicht, was er vermißt, bis es unwiderruflich verloren geht. Nur in den elegischen Klageliedern, die die Protagonisten unvermittelt anstimmen und die die Stelle des antiken Chors einnehmen, vermögen sie ihrer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Im direkten Dialog mit dem Gegenüber scheitern sie stets. Die Aussichtslosigkeit, der vermeintliche Egoismus oder die Einsamkeit, an denen Novkovics Figuren zerbrechen, potenzieren sich angesichts der bitteren Erkenntnis, daß die Opfer, die jeder in diesem Ensemble für einen anderen darbringen wird, in letzter Konsequenz niemandem nutzen und dadurch völlig sinnlos bleiben.

Was ist es denn nun, was dieses Münsteraner Festival zusammenhält? Die Liebe zum Film? Eine derartige Leidenschaft wäre zweifellos ein edles, aber dadurch noch kein originelles Motiv. Einzigartig ist in Münster nicht die Liebe zum Medium als fertigem Endprodukt, sondern in Verbindung mit der ausrichtenden Filmwerkstatt die Energie, die allen Phasen des Entstehungsprozesses gewidmet wird. Bezahlbare Praxiskurse, Verleih von Equipment sowie die Bereitstellung von Postproduktionsplätzen fördern und begleiten auch im 30. Jahr des Bestehens unabhängiges Filmemachen. Wie sich diese einstige Utopie im Zeitalter digitaler Medien verändern wird, steht noch nicht fest. Aber da der Film trotz autonom handhabbarer Kameras und kostenloser Schnittsoftware für den heimischen PC auch auf lange Sicht Teamarbeit bleiben wird, sind Institutionen wie die Filmwerkstatt Münster, wo man sich täglich unverkrampft austauschen kann und alle zwei Jahre ein prallgefülltes Programm auf der großen Leinwand des komfortablen Cineplex präsentiert bekommt, unverzichtbar und auch ein Ort des Zusammenhalts. 2011-10-19 14:13
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