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Preisgewitter
Von Kyra Scheurer
Sich selbst zusammenfalten war für Besucher der Preisverleihung von DOK Leipzig in der neuen Location Central Theater oberstes Gebot, wollte man die satten drei Stunden Zeremonie unbeschadet überstehen – dem Gruppengefühl sollte dann das zusammen falten dienlich sein. Angeleitet von Festivalleiter Claas Danielsen und Moderatorin Beate Maschke-Spittler arbeitete man sich während verschiedener Stationen des Abends an einem quadratischen Faltzettel ab um – am Ende im Saal und auf der Bühne ähnlich erfolglos – eine Origamitaube zu fabrizieren. Diese Faltflattermänner blieben als Trostpreis für diejenigen Filmemacher, die es trotz stolzer zwanzig vergebener Preise und fünf lobender Erwähnungen nicht zu einer offiziellen Auszeichnung gebracht hatten. Daß die »lange Nacht der Tauben« trotz der bisweilen unübersichtlichen Fülle des Preisregens letztlich gut erträglich war, lag weniger am Gruppenorigami, als an drei wesentlichen Lichtblicken: Der locker-entspannten Art von Claas Danielsen und seiner Co-Moderatorin (auch wenn man Knut Elstermann vermißt hat), einigen unfreiwillig komischen »Showeinlagen« wie einer eingenickten Preisträgerin, die verspätet zur Auszeichnung auf die Bühne kam und einem seinen Einsatz noch deutlicher verpassenden, in der Raucherlounge verschollenem Juror und schließlich an einer Fülle eloquenter, kluger und leidenschaftlicher Jurybegründungen, die manches Mal geeignet waren, Filmkritiker arbeitslos zu machen. Nachlesen auf der Festivalwebsite lohnt also – genau wie für den Überblick über alle Preisträger.
Hier soll nur so viel verraten werden: Die Goldene Taube für die dokumentarische Langmetrage flog nach Mexiko zu Tatiana Huezo für ihren Film El lugar más pequeno, ihre güldene Artgenossin in der Sparte Animationsfilm findet genau wie der Publikumspreis in Großbritannien ein neues Zuhause: Der auf animierte und animierende Weise dokumentarisch einen in Vergessenheit geratenen Star des klassischen russischen Animationsfilms würdigenden The making of Longbird von Will Anderson begeisterte Zuschauer wie Jury gleichermaßen.
Ein außerordentlich guter Abend dürfte es für die Kölner Kunsthochschule für Medien gewesen sein: Die bemerkenswerte filmische Reflexion über moderne Arbeitswelten Work Hard, Play Hard von Carmen Losmann in Produktion von Erik Winker (beide khm) wurde gleich mit drei Preisen bedacht: Dem nach den goldenen Tauben höchstdotierten DOK Leipzig-Preis »Healthy Workplaces Film Award«, dem in diesem Jahr erstmalig mit 2.000 Euro dotierten Preis der ökomenischen Jury und der undotierten, aber wohl in dieser Preisriege wichtigsten Auszeichnung der FIPRESCI-Jury, die belegt, daß dieser Film auch international großes Auswertungspotenzial hat. Auch das Goethe-Institut, dessen Dokumentarfilmpreis in diesem Jahr nach Leipzig gewechselt ist, prämierte mit Peak von Hannes Lang einen khm-Absolventen – um ein Zeichen für die generelle Bedeutung des Dokumentarfilms zu setzen und einen weiteren Beitrag aus dem deutschen Wettbewerb berücksichtigen zu können, wird zusätzlich Heidi Specognas Carte Blanche das Privileg eines mit der Untertitelung in fünf bis zehn Sprachen verbundenen Ankaufs durch das Goethe-Instituts zuteil. Die Goldene Taube des deutschen Wettbewerbs machte den Preissegen für die khm perfekt, sehr verdient gewann hier Katharina Pethke für ihren ebenso emotional eindringlichen wie künstlerisch besonderen Film Louisa. Die treffende Jurybegründung: »LOUISA erzählt die überraschende Geschichte einer sensuellen Emanzipation. Die gehörlose Protagonistin wird nicht in ihrem alltäglichen Konflikt mit den Unbilden einer Behinderung gezeigt, sondern in ihrem Kampf um die Selbstbestimmung ihrer Sinne. Die Filmemacherin Katharina Pethke hat für diesen Inhalt visuell und klanglich, aber auch emotional eine souveräne Form gefunden. Der Film trifft den richtigen Ton – für Augen, Ohren, Hirn und Herz.«
Ebenso sehr freut die Auszeichnung des israelischen Life in Stills mit der (mit 10.000 Euro den goldenen Tauben gleichwertig dotierten) Talenttaube. Tamar Tals humor- und respektvolles Porträt der schillernden Tel Aviver Photoladen-Ikone und Rudi Weissenstein-Witwe Miriam und der sehr besonderen Beziehung zu Enkel und geschäftlichem Nachfolger Ben bildete unser persönliches Festivalhighlight. Man kann sich auch hier der Jury nur anschließen: »Ein warmherziger Film, der das Individuum feiert, den einzelnen Menschen, seinen Reichtum und seine Komplexität. Regisseurin Tamar Tal gelingt es, uns die schönsten und spontansten Momente aus dem Leben einer Großmutter zu zeigen sowie Momente eines außerordentlichen Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen den Familienmitgliedern. Dadurch wird der Zuschauer selbst schnell zum Familienmitglied. Der Film zeigt darüber hinaus, daß eine positive Einstellung zum Leben sowie Humor die Ingredienzien sind, die uns am Leben erhalten und uns selbst tragische Momente überwinden lassen«.
2011-10-23 10:56