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Ein britischer Endspurt
Von Nils Bothmann
Der letzte Tag der »Fear Good Movies«, wie der Wahlspruch des Fantasy Filmfests lautet, für dieses Jahr. Unter anderem mit der Fortsetzung
The Valdemar Legacy 2: The Forbidden Shadow, dem polnischen Internetthriller
Suicide Room und dem belgischen
22nd of May, in dem
Ex Drummer-Regisseur Koen Mortier von den Auswirkungen eines Terroranschlages berichtet.
Der britische
A Lonely Place to Die von
Rise of the Footsoldier-Regisseur Julian Gilbey ist nicht nur ein Actionthriller über eine kleine Gruppe von Bergsteigern, die mitten im Wald ein in ein Erdloch gesperrtes Mädchen finden und von deren Entführern gejagt werden, sondern auch ein Film über die Extremsituation des Bergsteigens: Immer wieder macht die Inszenierung klar, daß dort tatsächlich Menschen an Steilwänden hängen oder sich von Bergen abseilen, wenn es schon nicht die Darsteller sind, dann deren Stuntdoubles. Doch auch abseits der Kletterpartien ist
A Lonely Place to Die eine packende Tour de Force, z. B. in jener Szene, in der die Protagonisten an einem Fluß entlang hetzen müssen, während sie unter Dauerbeschuß der über Leichen gehenden Entführer stehen. Julian Gilbeys ausgesprochen gelungener Hochspannungsfilm überrascht mit einigen sehr gut vorbereiteten Plottwists und zeigt neben Genrestar Melissa George (
Triangle,
30 Days of Night) in der weiblichen Hauptrolle die Charakterköpfe Sean Harris (
Harry Brown), Karel Roden (
Running Scared) und Eamonn Walker (
Blood and Bone) in Nebenrollen.
Der Slasherfilm
F, in dem einige jugendliche Mörder die letzten sich abends noch auf dem Schulgelände befindenden Personen terrorisieren und ermorden, folgt einem neuen Trend im britischen Genrefilm: Die Dämonisierung der Jugend. Gesichts- wie motivationslose Kapuzenpulliträger sind das Feindbild, das real existierende Problematiken für eine reichlich rechte Ideologie instrumentalisiert, die wahlweise die Angst vor der britischen Jugend schürt oder gleich deren Ausmerzung fordert – so wie z.B.
Harry Brown. Doch wo Daniels Barbers teilweise als realistisches Drama mißverstandener
Harry Brown immerhin als sleaziger Thriller funktionierte, da versagt
F selbst als Slasherfilm an sich. Abgesehen vom Lehrer-Protagonisten und seiner Tochter sind die Figuren mit einer generationsübergreifenden Dummheit geschlagen, die sie zu leichter Beute macht: Wachmänner wundern sich nicht, wenn sie stundenlang nichts von ihren Kollegen hören usw. Die Motivlosigkeit auf Täterseite, die Regisseure wie John Carpenter als beängstigenden Kniff einsetzten, erscheint hier als Ausdruck schlechten Drehbuchschreibens, da der Film ständig suggeriert, daß die Täter mehr als nur mordlustige Rabauken sind: In den Kapuzen ist stets nur Schwärze zu sehen, die Killer bewegen sich am liebsten kletternd fort, doch all diese Andeutungen werden nie wieder aufgegriffen. Das Sounddesign erinnert gelegentlich an die Filme Dario Argentos, vor allem an
Suspiria, doch von Argentos (früherer) Virtuosität hat
F nichts. Ein ausgemachter Langweiler, ähnlich lieblos runterkurbelt wie diverse Fließbandware der Slasherwelle der späten 1970er, frühen 1980er Jahren, die einem aber meistens zweifelhafte ideologische Botschaften wie die von
F ersparte.
Der Abschlußfilm des Festivals,
Attack the Block, hingegen zeigt dagegen wie gelungenes Genrekino mit Sozialbotschaft aussehen kann. Auch hier geht es um Jugendliche auf der schiefen Bahn, doch
Attack the Block nimmt deren Perspektive ein: Ein Quintett jugendlicher Kleinkrimineller aus sozial schwachen Verhältnissen wird verteidigt seinen Londoner Wohnblock gegen eine Invasion mörderischer Aliens. Der oft mit
Shaun of the Dead verglichene Film, dessen zweiter Hauptdarsteller Nick Frost hier auch eine Nebenrolle hat, ironisiert nicht nur diverse Klischees des Invasionsfilms sowie der Darstellung jugendlicher Gangster im Film, sondern schlägt auch immer wieder ernste Töne an: Für Gangleader Moses wird die eine Nacht dauernde Belagerung die Geschichte seiner Mannwerdung, während derer er Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen seines Handelns erkennen muß. Die Kleinkriminellen werden dabei weder über die Maßen idealisiert noch dämonisiert, gelegentlich wagt
Attack the Block sogar Ursachenforschung im Bezug auf das Verhalten der Jugendlichen, die zum einen noch in »Spiderman«-Bettwäsche schlafen, gleichzeitig aber schon mit Drogen dealen und Leute ausrauben. Daß
Attack the Block bei all diesen Überlegungen noch unheimlich witzig und temporeich ist, ist Regisseur und Drehbuchautor Joe Cornish hoch anzurechnen. Ein würdiger Abschlußfilm und eines der Glanzlichter des diesjährigen Fantasy Filmfests.
2011-09-02 15:11