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Filmfest München 2011

D 2011. L: Andreas Ströhl.
München, 24.6. – 2.7.11
Ein deutliches Bekenntnis zum künstlerischen Film: Der Junge mit dem Fahrrad

Der Goldene Rahmen

Von Benedikt Schulte Was ist eigentlich gutes Kinowetter? Scheint die Sonne, geht der Münchner auf ein Helles an die Isar, und bei Regen schaut man daheim Serien von HBO. Durchwachsen wäre also die beste meteorologische Bedingung für einen vollen Kinosaal, und damit ist das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands auch schon ganz treffend charakterisiert. Vereinzelte Lichtblicke waren unter den 237 Filmen auszumachen, aber insgesamt zu wenig Sonne für ein Festival dieser Größenordnung. Denn die herausragenden Filme waren keine wirklichen Überraschungen, sondern die bereits in Cannes ausgezeichneten Filme Der Junge mit dem Fahrrad (Großer Preis der Jury) der Gebrüder Dardenne und Le Havre (FIPRESCI-Preis) von Aki Kaurismäki. Als Eröffnungsfilm versprach Der Junge mit dem Fahrrad ein deutliches Bekenntnis zum künstlerischen Film. Ein Anspruch, dem das etwas unübersichtliche Programm in seiner Gesamtschau leider nicht ganz gerecht wurde. Schon der Film der Dardennes läßt die typische spröde Tristesse vermissen, die die Belgier in Lornas Schweigen oder Das Kind so einzigartig einzufangen vermochten. In helleren Tonarten komponieren sie zwar ebenso stilsicher, doch zu Hause sind sie hier nicht: Der Film erzählt mit beinahe sommerlicher Leichtigkeit die Geschichte eines kleinen Jungen, dem die durch die Eltern erfahrene Abweisung Seele und Gesichtszüge verschlossen haben (beeindruckend: Thomas Doret). Nach wiederholten Fluchtversuchen aus einem Heim nimmt sich eine mütterliche Friseurin (Cécile de France) seiner an.

Kaurismäkis Le Havre war der Abschlußfilm des Festivals. Der alternde Schriftsteller Marcel Marx (André Wilms) hat sich in ein beschaulich-bescheidenes Leben als Schuhputzer im titelgebenden Küstenort zurückgezogen. Aufgrund eines logistischen Fehlers strandet dort ein Container mit afrikanischen Flüchtlingen, die eigentlich nach England gelangen sollten. Der kleine Idrissa entkommt und findet Unterschlupf bei Marcel. Es entspinnt sich ein Katz-und-Maus Spiel zwischen Marcel und dem misanthropen Kommissar Monet. Was der Stoff für einen bemühten Problem- und Betroffenheitsfilm sein könnte, gelingt unter der Regie Kaurismäkis zu einer hochstilisierten Tragikomödie, die trotz des aktuellen und brisanten Themas eine nostalgische Ästhetik aus 1950er Jahre Ausstattung und Studioatmosphäre in an Technicolor erinnernden Grau- und Blautönen ins Zentrum rückt. Gerade die Verweigerung jedes Realismus ermöglicht dem Zuschauer die Anteilnahme am Geschehen, und umschifft damit souverän die Untiefen der Rührseligkeit als auch der Verharmlosung. Le Havre wurde mit dem Arri-Kamerapreis ausgezeichnet.

Soweit zum goldenen Rahmen von Eröffnung und Abschluß. Innerhalb dessen waren viele Werke zu sehen, die trotz aktueller und relevanter Inhalte über solides »Qualitätskino« nicht hinausreichten. Schade, daß Filme wie Return (über eine heimkehrende Soldatin) oder Trust (über sexuellen Missbrauch als Folge von Online-Dating) dramaturgisch etwas zu stromlinienförmig geraten sind. Doch auch einige Programmperlen konnte das Festival bieten. Filme, die aufgrund einer ungeschliffenen formalen Sperrigkeit und Originalität im Gedächtnis bleiben.

Vor allem Michael, das Regiedebüt des österreichischen Meistercasters (für Seidl, Hausner, e.a.) Markus Schleinzer, ist der vielleicht beste Film des Festivals (aber eben auch schon im Cannes-Wettbewerb gelaufen). Daß ein österreichischer Film sich des Themas Kindesmißbrauch an- und eine Gegenposition einnimmt zu den sensationsgeilen Hetzkampagnen der Trashmedien, ist gut und folgerichtig. Daß dieser Film dann auch hervorragend gelingt, ist ein Glücksfall. Der unauffällige Versicherungsfachangestellte Michael hält im Keller seines Vorort-Eigenheims den zehnjährigen Wolfgang gefangen, und lebt mit dem Jungen eine konstruierte Scheinnormalität aus gemeinsamen Abendessen, Ausflügen, und sogar einem absurden Weihnachtsfest. Zwischendurch vergeht er sich an ihm. Der Keller fungiert hier nicht nur als tatsächlicher Tatort, er ist als fiktionalisierter Ort auch Metapher für das Verdrängte und Obskure, das der buchstäblich oberflächlichen Öffentlichkeit verborgen bleibt. Auch Ulrich Seidl hat sich mit österreichischen Untergeschossen befaßt. Seine dokumentarische Arbeit Im Keller, letztes Jahr schon angekündigt, ist nur leider immer noch nicht fertig. Es wäre interessant gewesen, beide Filme im direkten Vergleich zu sehen. Schleinzers Arbeit ist unverkennbar geschult am unerbittlichen Blick Ulrich Seidls, wirkt aber durch die weniger aufdringliche Inszenierung menschlicher Perversion zugleich differenzierter und ernsthafter. Eine Haltung, die eher schon den nüchternen Analysen Michael Hanekes entspricht. Und noch etwas erzeugt Schleinzer hier quasi en passant, und dadurch ohne unangebrachten Selbstzweck: Suspense. Man wartet darauf, daß die auf krankhafter Abweichung gegründete Parallelwelt Michaels in sich zusammenbricht. Sie tut es am Ende mit einem völlig lautlosen Schrei.

Ganz und gar nicht differenziert und dennoch gelungen ist Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta. Die konsequent brutale und schwarzhumorige Splattergroteske erzählt die Geschichte zweier Zirkusclowns, die mit allen Mitteln um die Zuneigung der schönen Akrobatin Natalia kämpfen. Der Regisseur feiert eine barock-karnevaleske Gewaltorgie mit kritisch-politischer Doppelbödigkeit. Dahinter steht, kaum verborgen, eine Abrechnung mit dem Franco-Regime. In Venedig wurde der Film bereits letztes Jahr für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnet. De la Iglesia soll die beiden Clownfiguren als die zwei widerstreitenden Seiten seines eigenen Charakters bezeichnet haben. Der eine ist gekränkt, fies und brutal, und der andere ist, naja, gekränkt, fies und brutal.

Ein Film ist ein Film ist ein Film

Kim Ki-duk hat sich (und damit letztlich auch seine Zuschauer) einem autobiographischen Filmexperiment unterzogen. In Arirang dokumentiert Kim seinen selbst auferlegten Rückzug in eine entlegene Hütte, nachdem ihn ein beinahe tödlicher Drehunfall in eine Schaffenskrise und Depression gestürzt hat. Mehrere Monate lebt er so unter einfachen Bedingungen, ohne Heizung und fließend Wasser, aber doch auch mit Digicam und Computer, um eine Art Videotagebuch zu führen. Die Versuchsanordnung erinnert an das typische hagiographische Sujet des selbst gewählten Exils (vierzig Tage in der Wüste), und als Zuschauer reagiert man auf die eitle Nabelschau zunächst mit einem gesunden Abwehrreflex. Doch Arirang ist mehr als das, denn es bleibt nicht bei der selbstbezüglichen Larmoyanz der bloßen Künstlerpose. Kim Ki-duk montiert seine Selbstgespräche so, daß er verschiedene Rollen einnimmt, und dadurch die Erzählperspektive immer wieder verschiebt, bricht und ironisiert. Der verzweifelte Künstler im Dialog mit seinem beschwichtigenden zweiten Ich, ein drittes Ich, das diesen montierten Dialog kommentiert, usw. Der Film entpuppt sich als eine intelligente, wohlkonstruierte Zumutung, er ist nicht weniger als eine ontologische Reflexion über das Wesen des Films selbst: Ein Film ist ein Film ist ein Film.

Arirang und auch Jean-Luc Godards Film Socialisme sind Filme, an denen sich filmwissenschaftliche Seminare erschöpfend abarbeiten können. Godards neues Werk ist ein aus mindestens tausend Plateaus montierter Filmessay zu Begriffen des europäischen Wertekanons. In dreckiger Videoästhetik und zwischen grob fahrlässigen Schnitten parlieren die Gäste auf einem Kreuzfahrtschiff in assoziativer Verknüpfung über Philosophie und Politik, und plötzlich schlurft Patti Smith mit ihrer Gitarre durchs Bild. Godard hält konsequent die Spannung zwischen Tiefsinn und Ironie, und dieses Augenzwinkern ist es, das Film Socialisme davor bewahrt, didaktisch zu sein. Der Godfather der Nouvelle Vague hat diesen Film als seinen letzten angekündigt, und sich auch hier mal wieder selbst neu erfunden.

München gilt als Plattform für die Debütfilme junger deutscher Regisseure, denen das Festival im Schulterschluß mit dem bayrischen Filmförderfonds und dem BR den Rücken stärkt. Tim Fehlbaum erhielt für den Postapokalypse-Thriller Hell den Förderpreis Deutscher Film, so groß war die berechtigte Freude darüber, daß hier mal einer keinen Sozialrealismus inszeniert, sondern sich an einen Genrefilm wagt. Thematisch verwandt mit The Road, kämpft in einer sonnenverbrannten und entvölkerten Welt eine Gruppe junger Menschen ums Überleben. Der originelle Look und die agile Kameraführung können allerdings nur teilweise über gravierende logische und dramaturgische Drehbuchschwächen hinwegtäuschen. Dafür wartet Hell durch prominente Darsteller (Hannah Herzsprung, Stipe Erceg, Lars Eidinger, Angela Winkler) mit einer ordentlichen Production-Value auf.

Um auch dem Boulevard genüge zu tun, hat das Festival für Prominenz gesorgt, und John Malkovich und Tom diCillo als Stargäste eingeladen. Diesen beiden sowie Otar Iosselinani und Roy Andersson waren die Retrospektiven gewidmet, bei denen man vor allem den Eindruck gewinnen könnte, daß die besten Tage des Kinos in der Vergangenheit liegen. Dies zu widerlegen, bleibt eine Hauptaufgabe aller Festivals.

Mehr Glamour unter neuer Leitung?

Einen kleinen Skandal hat sich übrigens auch das Filmfest München schon im Vorfeld gegönnt: Dem österreichischen Regisseur Peter Kern wurde Hausverbot erteilt, nachdem der sich über die mangelnde Größe des Kinosaals beschwert hatte, dem die Premiere seines Films Mörderschwestern zugeteilt worden war, und er den Film daraufhin zurückgezogen hatte. Eine Instant-Kontroverse, wie sie sich für ein großes Festival geziemt? Natürlich ist es nicht leicht, sich zwischen den Festivals der A-Kategorie in Berlin, Cannes und Venedig zu behaupten. Aber genau das kann München nicht sein und auch nicht sein wollen, wird es doch als Nachspielfestival jährlich auf die Plätze verwiesen. Die Fertigstellung ihrer neuen, sehnsüchtig erwarteten, und eigentlich schon für Cannes 2011 angekündigten Filme sparen sich Carlos Reygadas (Post Tenebras Lux) und Aleksandr Sokurow (Faust) wohl für Venedig auf. Werden wir sie nächstes Jahr in München sehen?

Der scheidende Festivalleiter Andreas Ströhl hat sich als Cineast immer um eine Profilierung Münchens als Filmkunst-Festival bemüht. Diesen Anspruch sollte Diana Iljine, die ab August 2011 die Leitung übernimmt, weiterführen, denn hier ist durchaus noch etwas ›room for improvement‹. Zunächst aber möchte Iljine mehr Glamour und Stars an die Isarmeile holen. Um den Rahmen müssen wir uns also keine Sorgen machen. 2011-07-25 12:04
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