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FID Marseille 2011

22. Internationales Filmfestival Marseille. F 2011. L: Jean-Pierre Rehm.
Marseille, 6. – 11.7.11
Last Room von Pierre Carniaux

Dekonstruierte – Rekonstruiere Realitäten

Von Dieter Wieczorek Der Titel mag täuschen. Das Marseiller Festival beschränkt sich keineswegs auf Dokumentarfilme in seiner Programmauswahl. Werke, die einen anderen, schrägen Blick auf Reales und Realitätskonstruktion werfen, werden hier ebenfalls und mit Vorliebe präsentiert. Werke, die Bedingungen eines dokumentarischen Blicks selbst thematisieren und zuweilen in Frage stellen. Werke, die es wagen, anders zu sein und Wahrnehmungsmuster in die Irre zu führen. Mit anderen Worten, unter den Dokumentarfestivals ist FID das experimentellste und risikofreudigste.

Dies wiederum will nicht heißen, daß nicht auch asketische Dokumentarfilme ins Programm Eingang finden können. Darunter zu rechnen ist Manuela Fresils Entrée du personnel (Ankunft der Personals), ein Werk, daß sich auf die Darstellung der repetitiven Bewegungsabläufe in Großfabriken samt ihren psychischen und physischen Konsequenzen beschränkt. Das die Abschaffung der Sklavenarbeit eine Errungenschaft demokratischer Gesellschaften ist, wird man in Frage stellen können, besonders angesichts der Verleugnung von Krankheitsbildern und der fristlosen Entlassung der nicht mehr schnell genug funktionierenden Arbeiterkörper, völlig ungeachtet ihres langjährigen, unausgesetzten Gebrauches.

Wesentlich labyrinthischer geht es im ebenfalls im französischen Wettbewerkprogramm präsentierten Werk Last Room von Pierre Carniaux zu. Der Regisseur folgt im nächtlichen Tokio den unterschiedlichsten Hotelbewohnern, deren Lebensgeschichten sich zu einer unerzählbaren Metageschichte der Vereinsamung verweben. Anspielungen auf Kriegsgeschehnisse, auf rätselhafte Morde, auf Versuche der Rekonstruktion des Lebensverlaufes eines koreanischen Vaters… vertraulich und persönlich sind alle diese Fragmente des dahin streichenden Lebens in der Anonymität der Nacht, die es erlaubt, den Mechanismen der üblichen Selbstprofilierung zu entkommen und zu fragileren Aspekten der eigenen Existenz vorzudringen. Diese minimalen Porträts entstehen in pompösen Hotelzimmern wie in japanischen Schlafboxen, deren Reinigung gleich mitgefilmt wird.

Die Brasilianerin Cláudia Nunes geht noch einen Schritt weiter, verläßt in Just Shoot me alle Chronologie, überläßt den auf der Strasse lebenden Kindern und Jugendlichen in Goiana die Kamera zur Selbstdarstellung und Spiel. Diese berichten von ihrem Drogenkonsum und von traumatischen Familienereignissen, die sie die Freiheit der Strasse schätzen lernen ließen. Das Überleben dort ist hart, Prostitution wird schnell zum Lebensstil, doch Cláudia Nunes fängt wiederholt, ohne jede pittoreske oder mitleidige Geste Verspieltheit, Elan und Solidarität dieser minderjährigen Ausgeschlossenen ein, dabei politische Unkorrektheit riskierend. Gerade so aber entstehen eindringlichen Bilder, die von einem angespannten und hochvitalen Leben fern aller Sicherheitssysteme zeugen. Die Jugendlichen werden nicht zur sozialen Anklage mißbraucht, sondern bekommen Raum, ihr von Widersprüchen gezeichnetes Leben auszudrücken.

Auch der Südafrikaner Teboho Edkins wagt in Gangster Projekt eine Annäherung an kriminelle Energien, hier jedoch als Balanceakt zwischen Fiktion und Dokumentation. Ausgangspunkt ist die Idee des jungen Filmemachers, einen Film mit Gangstern zu drehen. Es folgt der unmittelbare Aufbruch in eine der gefährlichsten Randgebiete Cape Towns, wo der um Sonnenbrand besorgte Filmemacher erste Kontakte aufnimmt. Mit diesem Konzept gelingt es Edkins trotz aller fiktionalen Transformation tatsächlich, zumindest einige der »authentisch« Kriminellen nicht nur vor die Kamera, sondern zu einer ganz unverstellten Selbstdarstellung und Reflexion zu bringen. Er schafft so eine Eingangsfigur in ein Milieu, das die Öffentlichkeit nicht unbedingt sucht und wo Gefangennahme und Mord lediglich ein beiläufig alltägliches Ereignis sind.

Ausgewiesene Fiktion in den Dokumentarfilm zu integrieren ist eine weitere Variante der Interferenz Real-Fiktion. Hier kann die Frage nach der Aufarbeitung oder Fabrikation des Realen durch Fiktion gestellt werden. Lech Kowaski behandelt in The End of the World begins with a lie gleich beide Aspekte. Realbilder der kürzlichen Ölkatastrophe im mexikanischen Golf werden konfrontiert mit dem 1948 von Robert Flahery gefertigten Spielfilms Louisiana Story, der von der Ölkompanie »Standart Oil Company« in Auftrag gegeben wurde. Kaum verwunderlich wird hier in romantisierter Form die harte Welt der Ölindustriearbeiter heroisiert, die eine hereinbrechende Katastrophe schnell meistern. Gleichzeitig zeigt Kowalski heutige georderte Bildmanipulationen der Ölkompanien für die Realberichterstattung, die an die TV-Medien weitergeleitet und ausgestrahlt werden. Heute bieten bezahlte Spezialisten ihre Fiktionsarbeit als Realität an. Neben der technischen Verfeinerung stets das gleiche Spiel, das sich endlos perpetuiert.

Ebenfalls im internationalen Wettbewerb lief der deutsche Beitrag Das schlechte Feld von Bernhard Sallmann, der das schlichte Mittel der konsequenten Off-Stimme wählt, um grausiges Geschehen mit durchgehend banalen und ereignislosen Bildern der Kleinstadt Ansfelden zu konfrontieren. Hinter dem so friedlich harmlosen Schein des Ortes ruhen viele Geschichten aus nationalsozialistischen Tagen, die von Barbarei und »Anpassung« ans Unglaubliche zeugen, eingespielt mit ruhiger Erzählstimme aus dem Off . Der Kontrast Heute/Einstmals - Harmlos/Unglaublich wird in dieser Schlichtheit ästhetisch überzeugend gelöst. Die in allen Kellern liegenden Leichen finden hier ihre Stimme wieder.

Unrepräsentierbarkeit, wenn nicht Bilderverbot angesichts eines erlebten Krieges, macht sich der Libanese Ghassan Salhab in noch radikalerer Weise zum Thema, wenn er die Ereignisse in seinem kriegsverwüsteten Land nur anklingen läßt in Form eines ins Land zurückkehrenden Mannes, der sich unmittelbar aufmacht in ein abgelegenes Berghotel, in dem er sich in ein abgedunkeltes Zimmer einschließt. Allein mit seinen traumatischen Erinnerungen, unfähig zum geplanten Schreiben, sucht er einen unbewußten Ausweg zum Leben zurück. Dieser rein fiktionale Film ist nur ein Beispiel, wie weit in Marseille der Realitäts-Repräsentationsanspruch gefaßt wird.

Neben den Wettbewerbsektionen bot Marseille dieses Jahr eine breite Retrospektive des mexikanischen Film an sowie weitere Nebensektionen wie »Geheime Konversationen«, »Sich durchkreuzende Porträts«, ein auf junge Gäste abzielendes Programm »Pfade« ,wie eines zu noch in Entstehung begriffenen Projekten: »Arbeitsfelder«. Der thematische Schwerpunkt unter den Nebensektionen lag dieses Jahr auf »Leiden und Grausamkeit«. Hier fündig zu werden fällt dem Dokumentarfilm gewiß nicht schwer. Zitiert sei nur der dokumentarische Schocker über den performativen Meister des Masochismus Bob Flanagan, Kirby Dicks (USA) Sick aus dem Jahr 1998 , von dessen Perzeption sensibleren Seelen nur abzuraten ist.

In Marseille kümmert man sich um seine Gäste. Es wurde geladen zu einer Bustour in eine Arena außerhalb der Stadtmauern, wo unter freiem Himmel Buster Keatons immer noch bewegendes, choreographisches Meisterwerk zu alltäglichem Unbehagen und sozialem Druck, angereichert mit einer zarten Liebesgeschichte, The Cameraman geboten wurde. Marseille und diese Nächte vergißt man nicht so schnell. 2011-07-25 11:32
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