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Krakau Film Festival 2011

51. Krakau Film Festival. PL 2011. L: Krzysztof Gierat.
Krakau, 23. – 29.5.11
Erhielt den Publikumspreis in Krakau: Kevin MacDonalds Life in a Day

Ein Insidertreffen des Dokumentar- und Kurzfilms

Von Dieter Wieczorek Von wirtschaftlichen Krisen blieb Polen eigentlich nie verschont. Umso erstaunlicher, wie in diesem Land eine ununterbrochen hohe Filmkultur nicht nur genossen und gekannt, sondern auch jedes Jahr aufs neue produziert wird. Dazu tragen zum Großteil die Studenten und Absolventen der weltweit bekannten Filmschulen in Lodz und Warschau bei, die regelmäßig Filme einspielen, die auf Reisen in alle Richtungen gehen werden.

Der Charme des Festivals besteht vor allem aus seinem freundlichen Team, das eine herzliche und gelassene Atmosphäre entfaltet und die Professionellen täglich zu kleinen Cocktail-Meetings oder abendlichen Festen zusammenführt. Dazu gesellen sich praktische Aspekte, wie die gemeinsame Unterkunft in einem weitflächigen Hotel aus gut-kommunistischen Tagen (direkt neben dem Festivalzentrum gelegen) das allerdings in diesem Jahr zum letzten Mal vor seiner Schließung unmittelbar nach Festivalfinale genutzt werden konnte. Hinzu kommt eine großzügig angelegte Videothek ohne Platzmangel und Wartelisten sowie nah beieinander liegende Spielorte, die nicht mehr als zehn Minuten Fußweg voneinander trennt, darunter zwei in der graziösen Innenstadt Krakaus beherbergte. Hier fühlt man noch den Zauber einer in Multiplexen verlorengehenden Kinokultur, wo Filmschau oft ein Sakralakt des Widerstandes war – das einzige Fenster zu einer anderen Realität als die ideologisch angesagte.

Die Filmauswahl in allen drei Sparten (Animations-, Kurz- und Dokumentarfilm) ist durchgehend überzeugend und interessiert an einer originellen Konfrontation mit der Realität. Liebliches und Halbgestricktes kommt in Krakau kaum vor. Zu hoch sind hier die Ansprüche, geschult an einer Filmkultur, die sich stets gegen alle Widrigkeiten behauptet hat.

Unter den polnischen Beiträgen verdient besondere Erwähnung etwa Magnus von Horns Without Snow, ein subtil den inneren Konflikten eines mit seinen Aggressionen ringenden Jugendlichen nachgehendes Werk, die durch Kommunikationsbarrieren nur noch verstärkt werden und zu einer ungewollten Katastrophe akkumulieren. Vor allem die Nuancen der Zwischentöne sind Horns Stärke, die nicht kommunizierbaren emotionalen Dynamiken. Der Film erhielt den zweiten Preis im nationalen Wettbewerb. Der erste ging an Marcel Lozinskis Tonia und ihre Kinder. Hier erinnern sich zwei ins Alter gekommene Kinder einer Vorkriegskommunistin an ihre einsame Kindheit, einerseits fasziniert von dieser starken Frau, die ihre Ideale selbst in Gefangenschaft nie verriet, andererseits gekränkt und desorientiert von dem erlebten Mangel an Betreuung und Schutz. Die ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die politische Wirklichkeit und ihre Konsequenzen werden hier sehr offen entfaltet und gegenübergestellt. Der nationale Preis des Dokumentarfilms ging an Paweł Klocs Phnom Penh Lullaby, ein komplexes Porträt eines in Kambodscha lebenden Israeli, der eine – vorsichtig gesagt – schwierige Gemeinschaft mit einer Einheimischen eingegangen ist, in der sich das ganze Spektrum kultureller Mißverständnisse in Form haltloser Erwartungsansprüche widerspiegelt, kontrapunktiert von kurzen Momenten emotionaler Übereinstimmung und Zärtlichkeit. Kloc schafft eine kompromisslose psychologische Studie zweier ganz unterschiedlicher Außenseiter, die den Wunsch nach einem möglichen Zusammenleben nicht aufzugeben bereit sind.

Die Studentenjury vergab ihren Preis an Tomasz Wolskis Doctors, ebenfalls ein polnisches Werk, das den unter erschwerten Bedingungen praktizierten Krankenhausalltag darstellt, wo täglich Entscheidungen auf Leben und Tod unter technisch unzulänglichen Bedingungen von überforderten und übermüdeten Ärzten unter Zeitdruck getroffen werden, die einen fast ausweglosen Kampf um die Aufrechterhaltung ihres medizinische Ethos führen. Ebenfalls an Polen ging der Europäische Filmpreis. Paparazzi von Piotr Bernaś beschreibt ebenfalls den Berufsalltag dieser ganz anderen, von Skandalen und Traumata lebenden Spezies, der geprägt ist von körperlichen Härten und Risiken, zuweilen auch von Anklängen moralischer Konflikte, die allerdings wortlos und meist zugunsten des Fotos ausgetragen werden. Bernaś folgt einem der Jäger tags und nachts und ermöglicht einen Einblick in die meist verborgene Praxis hinter der Kamera.

Die Deutschen Karsten Krause und Philip Widmann erhielten in diesem großen Wettbewerb eine besondere Erwähnung für Die Frau des Photographen, eine ebenfalls um das Medium Fotographie kreisende Reflexion um die vergebliche und doch anrührende Mühe, Glück und Liebe festzuhalten und zu einem artifiziellen Überleben einzufrieren. An den Briten Daniel Mulloy ging der Preis des besten Langfilms für Baby, eine kurze nächtliche Begegnung zwischen einem recht ungleichen Paar, einem Halbkriminellen und einer eher unauffälligen Frau mit einem höchst überraschenden, schockierenden Ausgang.

Der »Golden Dragon«, Hauptpreis des Kurzfilms, ging an den Norweger Kaveh Tehrani für seinen Fiktion- und Dokumentation ununterscheidbar durchmischenden Film 1994, der eine herbe Lebensetappe eines in Norwegen gestrandeten und dort verheirateten Iraners ins Bild bringt, der in einem ihm nach wie vor unvertrauten Land mit kulturellen Standards konfrontiert wird, denen er nicht gerecht werden kann und will. Ein anderer Film hätte in der gleichen Kategorie ununterscheidbarer Genres einen Preis verdient: My Avatar and Me von den dänischen Regisseuren Bente Miltons und Mikkel Stolt folgt den erotischen Abenteuern eines im virtuellen Raum emotional vagabundierenden Filmemachers mit ebenso amüsantem wie medienkritischem Blick.

Der »Golden Horn« genannte Hauptpreis des Dokumentarfilms ging an…Polen. Wojciech Starońs The Argentinian Lesson schildert die Reise eines polnischen Filmemachers mit seiner Familie nach Argentinien, einem fremden Kontinent, die viele Irritationen aufwirft, besonders für die Kinder, die mit Gleichaltrigen konfrontiert werden, für die Kindheit ein Fremdwort im täglichen Überlebenskampf ist. Voller poetischer, verspielter Momente ist der Film ein wunderbarer Beitrag zur Annäherung über alle Grenzen hinweg.

Last but not least fiel der Publikumspreis an Life in a Day von Kevin MacDonald (USA), der als Eröffnungsfilm das Festival von Anfang an in einen auch anhaltenden frischen Wind versetzte. 80 000 Personen aus 197 Ländern schickten ihre allesamt am 24 Juli 2010 selbstgedrehten Beiträge an YouTube. Daraus entstand ein weltweit angelegtes 24 Stunden-Potpourri des Lebens in allen Tonlagen, Situationen und Stimmungen, eine vitale Ode an das Leben um seiner selbst willen, Dokument des Eingedenkens unseres fragilen Dasein auf einem eigentlich wunderbaren Planeten, der nicht zerstört zu werden verdient. 2011-05-31 11:16
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