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Festival des deutschen Films 2011

D 2011. L: Michael Kötz.
Ludwigshafen, 16. – 26.5.11
Schrill, schräg, verzerrte Optiken: Das große Comeback (© Sony Pictures)

Eine Insel für den deutschen Film

Von Kirsten Kieninger 38 Filme in 11 Tagen. Das ist ein entspanntes Festivalprogramm. Besonders wenn die 38 Filme nicht nur den Ausschnitt darstellen, den ein professioneller Festivalbesucher auf großen Filmfestivals wie in Berlin oder München so sieht, wenn er seinen persönlichen Filmparcours zwischen über 200 angebotenen Filmen absolviert hat. Beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen zählt das komplette Programm nur 38 Filme – allesamt »Qualitätsfilme«, wie Festivalleiter Dr. Michael Kötz nicht müde wird zu betonen.

Auf der Parkinsel im Rhein zwischen Ludwigshafen und Mannheim ticken die Uhren tatsächlich anders: hier geht es nicht darum, dem Publikum möglichst viel neueste exklusive Filmware anzubieten, um die in der dicht besiedelten Filmfestival-Landschaft hart gerangelt wird. Die meisten Produktionen feiern ihre Premieren, wenn sie denn dürfen, ohnehin lieber in Berlin, Saarbrücken oder München. Doch Festivalleiter Dr. Kötz, der auch das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg verantwortet, versteht es meisterlich aus dieser Not eines kleineren Festivals eine Tugend zu machen. So schreibt sich das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen selbstbewußt den deutschen »Qualitätsfilm« auf die Fahnen, dem Publikum präsentiert in einer handverlesenen Auswahl durch die Programmverantwortlichen um Dr. Kötz. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Wettbewerbsfilme schon auf anderen Festivals zu sehen waren – die meisten in diesem Jahr, darunter z. B. Brownian Movement, Über uns das All, oder Der Albaner (der dieses Jahr in Saarbrücken mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde) waren es. Die eingeladenen Filme können auch – wie in der diesjährigen Reihe »Lichtblicke« – sogar schon kurz vor dem Festival regulär im Kino gelaufen sein. Auch der Eröffnungsfilm Schenk mir dein Herz hatte kurz vor dem Festival einen (wenig beachteten) Kinostart. Seit der diesjährigen Festivalausgabe wird nun kein Unterschied mehr gemacht zwischen Kino- und reinen Fernsehproduktionen, die gleichberechtigt mit ins Programm genommen werden.

Der Beliebtheit des Festivals bei den Zuschauern aus der Metropolregion Rhein-Neckar und den gerne aus ganz Deutschland anreisenden Filmemachern (in diesem Jahr unter anderem Ulrich Köhler mit Schlafkrankheit, Rudolf Thome mit Das rote Zimmer und Andres Veiel mit Wer wenn nicht wir) tut dies keinen Abbruch – auch im »verflixten« siebten Jahr nicht. Im Gegenteil. Ging das Festival aus seiner ersten Runde 2005 noch mit nur 7000 Zuschauern hervor, sind es inzwischen konstant weit über 30.000, mit einem diesjährigen Besucherrekord von 39.000 Zuschauern, die es in die beiden großen Kinozelte am Rheinstrand lockte.

Die Filmemacher indes lockt nicht nur die idyllische Parkinsel und ein enthusiastisches Publikum, sondern auch das Preisgeld von 50.000 Euro, mit dem der Filmkunstpreis dotiert ist, der im Wettbewerb vergeben wird. Dieses Jahr hat ihn die Jury dem Gewinner des Silbernen Bären für die beste Regie der diesjährigen Berlinale zugesprochen: Ulrich Köhlers Schlafkrankheit. In der Begründung der Ludwigshafener Jury heißt es: »Schlafkrankheit ist Weltkino, wie es in Deutschland nur selten produziert wird. Dieser Film wird bleiben und wird sein Publikum bereichern – auch das Publikum, das er verwirrt und irritiert…«

Das Publikum selbst, das auf der Parkinsel gerne auch in anspruchsvolle Filme strömt und sich dort durchaus auch mal irritieren läßt, votierte – allerdings mehrheitlich dann doch lieber für leichtere Kost. So ging der Publikumspreis an Ein Tick anders von Andi Rogenhagen.

Mit dem Preis für Schauspielkunst wurde Andrea Sawatzki, tituliert als die »große Rätselhafte« des deutschen Films, geehrt. Im Rahmen der Gala war sie in Das große Comeback von Tomy Wigand zu sehen. Die ZDF-Auftragsproduktion traut sich was: schrill, schräg, verzerrte Optiken, gepaart mit überzogener Spielfreude der Akteure. Eine gelungene Mediengroteske, die lediglich am unvermeidlichen Happy End im Kielwasser einer allzu romantisch-menschelnden Liebesgeschichte an Verve verliert. Glänzend besetzt: Uwe Ochsenknecht überzeugt als lebensmüder Schlagerstar , Andrea Sawatzki ist umwerfend als das aufgetakeltes und alkoholbetanktes Wrack einer skrupellosen Privat-TV-Redakteurin.

Besondere Auszeichnungen gingen auch an die Schauspieler Eberhard Kircher (Dreileben-Trilogie), Heino Ferch (Spuren des Bösen) und Sandra Hüller (Brownian Movement, Über uns das All) sowie Regisseur Johannes Naber (Der Albaner) und Jan Schomburg für das Drehbuch zu Über uns das All.

Eine besondere Belohnung, die allen angereisten Regisseuren, Produzenten und Schauspielern gleichermaßen zuteil und von diesen hoch geschätzt wird, ist das Interesse des Publikums, das sich in begeisterten oder kritischen Rückmeldungen und Fragen bei den vielen Publikumsgesprächen mit den Machern höchst lebendig zeigt.

So verwundert es auch nicht, daß Filmemacher, die einmal die Parkinsel besucht haben, gerne wiederkommen. So war z. B. der Produzent Alexander Bickenbach, der in diesem Jahr mit Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen, dem Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmregisseurs Marc Bauder anwesend war, schon im Gründungsjahr 2005 zu Gast. Damals bekannte er sich zusammen mit den anderen eingeladenen Filmemachern zur gemeinsam verfaßten »Ludwigshafener Position«. Darin heißt es unter anderem: »Was der deutsche Film sein kann: eine Manufaktur der Filmkunst, eine Werkstatt des Sehens, in der individuelle Visionen Gestalt werden und in einen Dialog mit dem Zuschauer treten.« Und eine einladende Plattform für diesen Dialog bietet das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen ohne Frage. Eine große Frage allerdings wirft die einst kämpferisch formulierte »Ludwigshafener Position« heute noch auf, nämlich die nach der Chance der Realisierbarkeit im deutschen Produktionsalltag zwischen Fernsehsender und Filmförderung, wenn es heißt: »Der deutsche Film kann eigensinnig, unberechenbar, ungeschliffen, waghalsig, ungezähmt, erschütternd sein. Er kann frei sein. Darum darf er nicht instrumentalisiert, zu Tode poliert und durch Sicherheitsformeln stranguliert werden.« 2011-07-01 18:21
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