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Filmfest Emden 2011

22. Internationales Filmfest Emden-Norderney. D 2011. L: Silke Santjer, Rolf Eckard.
Emden, 15. – 22.6.11
Lapland Odyssey (FIN 2010. Dome Karukoski)

Zwischenproduktionen

Von Carsten Happe Wenn sich ein Filmfestival dem deutschen Film als einem seiner Schwerpunkte verschreibt, gerät es zwangsläufig in das Dilemma zwischen Kino und Fernsehproduktionen sowie ihrer Hybridvarianten. Während das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen mittlerweile alle Verbreitungsformen des deutschen Films gleichermaßen umarmt und auch Fernsehfilme in seinen Wettbewerb aufgenommen hat, ehrte das Filmfest Emden-Norderney in diesem Jahr mit Martina Gedeck eine Darstellerin mit dem neu geschaffenen Emder Schauspielpreis, die wie kaum eine andere zwischen den Formaten wechselt. Konsequenterweise zeigte das Festival eine Auswahl ihrer eindrucksvollsten Kino- wie Fernsehrollen zwischen Bella Martha, Der Baader Meinhof Komplex und Dominik Grafs Deine besten Jahre.

Auch der aktuelle Wettbewerb in Emden wartete mit deutschen Produktionen auf, die sich nicht eindeutig auf eine Bildsprache für Kino oder TV festlegen ließen. Der bemerkenswerteste Beitrag des deutschen Bouquets war die SWR-Co-Produktion Der Brand aus der Reihe »Debüt im Dritten« der Regisseurin Brigitte Maria Bertele. Mit großem Einfühlungsvermögen schildert sie in ihrem zweiten Langfilm nach Nacht vor Augen die Leidensreise einer jungen Frau, die vergewaltigt wird. Da dies aber ohne hinreichende Beweise oder gar Zeugen geschieht, ist ihre Rechtslage weniger eindeutig als die Tat. Das Schauspielensemble um Maja Schöne, Wotan Wilke Möhring und Florian David Fitz liefert differenzierte Darstellungen von Opfer, Täter und pragmatisch-arrogantem Anwalt; die Inszenierung ist sehr konzentriert und wendungsreich, das Ergebnis eine sehenswerte Studie über Recht und Gerechtigkeit und die vielen Graustufen dazwischen.

Ungleich aufwendiger, jedoch auch weniger subtil geriet die Aufarbeitung einer dramatischen Fluchtgeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die Anna Justice in Die verlorene Zeit thematisiert. Die ersten Minuten des Films wirken wie sein eigener Trailer, danach findet er zwar zu einem gemächlicheren Erzähltempo, kann aber seinem Sujet nichts Neues oder Eigenständiges abgewinnen und verliert sich zunehmend in Allgemeinplätzen. Wenngleich Alice Dwyer in der Hauptrolle einmal mehr eine engagierte Performance gelingt, läßt einen Die verlorene Zeit letztlich erstaunlich kalt und wird seinem Titel nur allzu gerecht.

Ebenso verschenkt war leider auch die deutsche Erstaufführung des teilweise hochgelobten britischen Beitrags Archipelago von Joanna Hogg, der in mitunter kunstvollen, jedoch zumeist ziemlich platten Tableaus ein erschreckend inhaltsleeres Portrait der britischen Upper Middle Class zeichnet. Das gelangweilte Warten der Familienmitglieder auf den Vater, der dem gemeinsamen Urlaub auf den Scilly Islands vor Cornwall fernbleibt, überträgt sich letztlich auch auf den Zuschauer: Es passiert einfach nichts, die Langeweile lähmt und quält.

Ganz anders dagegen die finnische Komödie Lapland Odyssey, die sich mit prallem lakonischem Witz durch die Klischees und Eigenheiten seines Landes und ihrer Bewohner laviert. Drei Freunde machen sich auf den weiten Weg, um für einen von ihnen digitales Fernsehen zu besorgen, das dessen Beziehung zu seiner Freundin in dieser Einöde retten soll. Zwischen saunierenden Nymphen und mafiösen Russen entspinnt sich ein heißblütig-unterkühltes Roadmovie, das seine Fettnäpfchen und Katastrophen genüßlich ausreizt und letztlich prächtig unterhält.

Auch das neue Werk des französischen Thrillerregisseurs Fred Cavayé, dessen gelungener Selbstjustiz-Krimi Pour Elle vor zwei Jahren in Emden debütierte, verschreibt sich einer einzigen Maxime: Nur nicht langweilen. À bout portant (Point Blank) ist ein Hochgeschwindigkeitsthriller, der erneut in bester Hitchcock-Manier einen unbescholtenen Mann in einen Strudel aus Gewalt und Verbrechen reißt. Auch wenn die Logiklöcher diesmal ein wenig größer ausgefallen sind, machen es das schiere Tempo und die atemlose Kinetik mehr als wett. Ein 80minütiger Adrenalin-Kick aus den schmuddeligen Ecken von Paris, hundsgemein und packend inszeniert. Ein Film, der im Gegensatz zu manch anderen unbedingt auf die Leinwand gehört und allein dort seine suggestive Wirkung entfaltet. 2011-06-29 11:37
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