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Cinéma du réel 2011

33e Festival international de films documentaires. F 2011. L: Javier Packer-Comyn.
Paris, 24.3. – 5.4.11
Gianfranco Rosis El Sicario, Room 164

Das Borderline-Dokumentarische

Von Dieter Wieczorek Das Dokumentarfilmfestival »Cinéma du Réel«, nunmehr seit drei Jahren unter der Leitung des jungen Belgiers Javier Packer-Comyn, ist hauptsächlich geprägt durch gleich vier Wettbewerbsprogramme, die internationalen Kurz- und Langfilme, das französische Programm »Contrechamp français« und die »Premier Film«-Sektion, limitiert auf Erst- und Zweitfilme. Daneben behauptete sich diesmal eine mit zehn Filmblöcken recht umfassende Sektion des »Poème documentaire«, in der experimentelle Werke Raum fanden. Laut der für diese Programme Verantwortlichen Nicole Brenez gewinnen diese Werke ihren »dokumentarischen« Aspekt durch die unmittelbare Einschreibung des Realen in den Film. Dies öffnet dem Dokumentarfilm gewiß die Türen in alle Richtungen und die nun aufgenommenen komplexen Labyrinthe und Abschweifungen sind ein wohltuender Gewinn in einer oft zu eng gefassten Konzeption des »Dokuments«. Werke von Pierre Clèmenti, vielleicht der brillantester Vertreter des assoziativen Kosmos der 1970er und 1980er Jahre, der ein heute unvorstellbaren Freiheitsgefühl des Reisens und der angstfreien Lebensbejahung einzufangen vermochte und Stan Brakhages vibrierende Kosmen waren zwei der Höhepunkte dieses innovativen Programmblocks.

Unter dem Titel »Amerika is hard to see« wurde ein thematischer Block zum »amerikanischen Gewissen« angeboten, konstituiert durch eine Reihe vorwiegend sozialkritischer, historischer Dokumentarfilme der harschen Lebensbedingungen der US-amerikanischen Arbeiterschaft ab den 1930er Jahren.

Die Retrospektive der Werke Leo Hurwitz war gewiß ein idealer Baustein in dieser US-analytischen Festivalarchitektur, gelingt es ihm doch mit einem an Solidarität und Klassenbewußtsein geschulten Blick ein Bild der Vereinigten Staaten zu zeichnen, das schmerzhaft den systematischen Verrat der USA an seinen eigenen Konstitutionsidealen manifestiert. Durch interne rassistische Tendenzen nähern sich die »Sieger« den Idealen derer an, über die sie seit dem 2. Weltkrieg nur einen scheinbaren Triumph feiern. Leo Hurlitz’ ganz eigenwillig poetischer Filmstil vermischt permanent anthropologische Dimensionen und eine Lebensphilosophie, die sich an der tragischen Kürze der menschlichen Existenz orientiert, mit gut recherchierten Fakten der politischen Dekadenz. Seine Ode an die Schönheit der Fragilität des Lebens vollzieht sich im Einklang und Bewußtsein fatalen Ausgrenzungen und neuer Formen des Faschismus und des Sklaventums, in der US-amerikanischen Gesellschaft und weit über sie hinaus.

Ein ebenso starkes Element war die Retrospektive der – bisher nur drei – Werke des italienischen Dokumentarfilmers Gianfranco Rosi, dessen Film Below Sea Level in Venedig bereits 2008 für große Aufmerksamkeit sorgte, und dessen letzter, ebenfalls in Venedig uraufgeführter, Film El Sicario, Room 164 (auf YouTube einsehbar), ein für alle Beteiligten lebensgefährliches Projekt der Entschlüsselung der amerikanisch-mexikanischen Mafia im dortigen Grenzgebiet. Rosi zeichnet eine nahezu perfekte Organisation, die ihren Opfern keinen Ausweg läßt, ist auch die Polizei seit Generationen durchtränkt von deren Agenten. Ein ehemaliger professioneller Folterer berichtet von seinem Handwerk und das sie stützende System. Die Kamera ist limitiert auf dessen zeichnende Hände, die seine Erzählungen des realen Horrors begleiten. Eine eindringliche Warnung an alle, es nie zu diesem nicht mehr transformierbaren Endpunkt einer Gesellschaft kommen zu lassen. Weniger bekannt dagegen ist Rosis erster Film Bootmann (1993), der den großen Sterbeort Varanasi am indischen Ganges porträtiert, wo Kinderspiel, Baderituale und Bestattungszeremonien zu einem fremdartigen Amalgam verschmelzen. An diesem heiligen Ort wird das gleiche Wasser getrunken, in dem menschliche Kadaver treiben. Rosi nahm sich acht Jahre Zeit, um das Geschehen zu unvergesslichen Bilder zu kondensieren.

Der Gewinnerfilm im Internationalen Wettbewerb, Palazzo delle Aquile, ist vor allem eine Studie Palermos und seiner Bewohner. Dort besetzen obdachlos Gewordene schlicht über Wochen das Bürgermeisteramt, schlafen und essen in den öffentlichen Räumen bis ein für sie halbwegs akzeptabler Kompromiß des Weiterlebens gefunden war. Die von den drei Filmemachern Stefano Savona, Alessia Porto und Ester Sparatore benutzte, nie ruhende Kamera begleitet die streitfreudigen Besetzer bei ihren inneren Disputen und Versöhnungen, Strategien und Hoffnungen und Zweifeln. Ein beeindruckender Beitrag zur Möglichkeit eines effizienten Protestes.

Zwei weitere wichtige Werke im Kontext der »leicht« US-kritischen Ausgabe des Festivals waren The Last Buffalo Hunt und Distinguished Flying Cross, die Befragung eines Vietnamveteranen durch seinen eigenen Sohn Travis Wilkerson am heimischen Eßtisch, wie’s damals denn so gewesen sei. Offen berichtet dieser, wie Spaßhaben und Töten in Vietnam schlicht zusammenflossen und wie Familienväter in kurzer Zeit sich zu Tötungsmaschinen transformieren konnten. Wundert’s, daß der so humorvoll plaudernde Mann heute einer derer ist, die an der Spitze von Antikriegsbewegungen marschieren und ein recht zynisches Bewußtsein gegenüber allen Kriegsbegründungen ausgebildet haben? Lee Anne Schmitt The Last Buffalo Hunt schildert den traurigen Ausklang des »American Dream« über Freiheit, Autonomie, Jagd und Unabhängigkeit. Für gut zahlende Touristen werden hier Büffeljagden in der Prärie organisiert, bis hin zum unbeholfenen Abschlachten der unnötig massakrierten Tiere seitens gutgelaunter Amateure. Die emotional und körperlich ausgelaugten »Tourismusführer« machen weiter, da sie keine Jobalternative sehen.

Bemerkenswert auch der aus dem Off kommentierende Film der iranischen Aufstandsbewegung 2009 anläßlich der unterstellten Wahlmanipulationen. Der in Paris lebende, seine Identität nicht preisgebende Filmemacher kommuniziert mit seinen verfolgten Freunden am Ort und montiert vorwiegend mit YouTube-Sequenzen ein hautnahes Porträt einer Gesellschaft an der Schwelle einer großen Transformation, ohne die immer wieder enttäuschten Hoffnungen zu verschweigen (Fragments of a Revolution - Anoym).

Das wohl rätselhafteste und Assoziationsarbeit fordernde Werk des Festivals kam aus Großbritannien. Ben Rivers, bereits in Rotterdam uraufgeführtes, Werk Slow Action entzieht sich jedem einfachen Zugang. Es simuliert eine Reportage einer entlegenen Zivilisation mit ethnographischer Präzision, die doch zugleich als Fiktion dechiffrierbar ist. Seine Off-Kommentare oszillierenden zwischen einer surrealen Realität und einer existenziellen Reflexion auf anthropomorphe Lebensbedingungen. Dem Festival ist zu danken, daß derartig beeindruckende Borderline-Dokumentarfilme nun Einlaß finden können. 2011-05-13 16:29
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