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Sehsüchte 2011

40. Internationales Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf. D 2011. L: Sarah Penger, Esther Rothstegge.
Potsdam-Babelsberg, 2. – 8.5.11
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Grenzgänger, Cowboys und viele Auszeichnungen

Von Marieke Steinhoff Nach einer Woche voller Filmentdeckungen, lebhafter Diskussionen und internationaler Begegnungen endete am Samstagabend die 40. Ausgabe des Internationalen Studentenfilmfestivals »Sehsüchte«. Es ist erstaunlich, was das junge Festivalteam auch dieses Mal wieder auf die Beine gestellt hat: Unzählige Filme wurden gesichtet, ein abwechslungsreiches Programm gestaltet, Filmemacher aus über 25 Ländern eingeladen und eine beeindruckende Anzahl von Sponsoren gefunden, so daß schlußendlich 15 Preise im Wert von 48.000 Euro an die glücklichen Nachwuchsfilmemacher vergeben werden konnten.

Bevor aber zur feierlichen Preisverleihung in die HFF Konrad Wolf gebeten wurde, gab es noch zwei Festivalblöcke zu sehen, in denen jeweils die polnischen Beiträge besonders zu überzeugen wußten.

Im Festivalblock »Welcome« wurden fünf formal und stilistisch sehr unterschiedliche Kurzfilme gezeigt, deren Protagonisten aber eines gemeinsam haben: Sie sind gerade nicht überall willkommen und müssen sich mit unvereinbar scheinenden Selbst- und Fremdbildern herumschlagen. So wird z. B. in Mutationshintergrund einem ehrgeizigen iranischstämmigen Jungschauspieler bei Castings immer wieder dasselbe Rollenprofil angeboten – das des aggressiven, archaischen und irrationalen Möchtegern-Machos. Amir Hamz liefert mit Mutationshintergrund einen satirischen Kommentar zur oftmals hysterisch anmutenden Migrationsdebatte in Deutschland, indem er auf naiv-direkte Art mit Stereotypen und Klischees spielt, die sich insbesondere durch die mediale Repräsentation von Migranten in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben.

Unfreiwillig ausgegrenzt sind auch die beiden Protagonisten in Eisblumen. Amir arbeitet illegal in Deutschland und lebt mit der Angst vor der Abschiebung, die demenzkranke Frau Osterloh fristet ein einsames Dasein und soll bald in einem Altersheim untergebracht werden. Für eine kurze Zeit finden die beiden Außenseiter zusammen, eine Ersatzfamilie scheint möglich. Behutsam erzählt Regisseurin Susan Gordanshekan von dieser ungewöhnlichen Freundschaft und wird dabei von zwei überzeugenden Darstellern unterstützt.

Nicht willkommen in den eigenen vier Wänden fühlt sich der Protagonist in Ostatni Pociag von Weronika Tofilska. Vollkommen entfremdet von seiner langjährigen Ehefrau flüchtet sich Anthony in Traumwelten, die ihn zurück zu seiner Jugendliebe führen. Der surreal anmutende Kurzfilm stach durch seine statischen, in graubraunen Farbtönen gehaltenen Bildkompositionen aus dem restlichen Festivalblock hervor, dessen Kurzfilme sich ansonsten einer doch eher konventionellen Bildsprache bedienten.

Der finale Festivalblock »The Last Movie« widmete sich der Figur des »Lonesome Cowboys«, der erkennen muß, daß es eines Freundes bedarf, um mit den Widrigkeiten des Lebens (und des Sterbens) klarzukommen. So ist der 70jährige Oskar aus Tuba Atlantic erstmal ganz und gar nicht begeistert, als ein junges Mädchen in seinen von Einsamkeit bestimmten Alltag einbricht und sich als seine offizielle Sterbehelferin ausgibt. In einer gelungenen Balance aus Rührung und Komik verfolgt Hallvar Witzo die langsame Annäherung seiner beiden Protagonisten und bekam dafür zu Recht eine lobende Erwähnung in der Kategorie Bester Spielfilm unter 30 Minuten.

Als herausragendster Beitrag des Tages ist Twist & Blood von Kuba Czekaj zu nennen, der verdientermaßen am Abend der Preisverleihung als Bester Spielfilm unter 30 Minuten ausgezeichnet wurde. Zwei perfekt gecastete Jungdarsteller, in die man sich bereits in der allerersten Szene verliebt, ein Drehbuch voller Brüche und Überraschungen und märchenhaft-verspielte Bildsequenzen, die unvermutet gebrochen werden von Szenen brutaler seelischer und körperlicher Verletzungen – ein Kinderfilm, der ob seiner Schonungslosigkeit und seiner Liebe zu seinen Protagonisten auf ganzer Linie überzeugt. 2011-05-09 11:57

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