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Sehsüchte 2011

40. Internationales Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf. D 2011. L: Sarah Penger, Esther Rothstegge.
Potsdam-Babelsberg, 2. – 8.5.11
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Jenseits des Pittoresken

Von Cornelis Hähnel Wenn man in Berlin wohnt, empfindet man die Fahrt nach Potsdam-Babelsberg ein wenig wie einen Kurzurlaub. Man ist ein Weilchen unterwegs und dort angekommen ist plötzlich alles ein wenig pittoresker, überschaubarer und harmonischer als in »Crazy Berlin«. Doch man sollte sich von der Umgebung nicht täuschen lassen, denn das »sehsüchte« Filmfest beweist, daß hier die Kreativität brodelt und man es locker mit der ach so kulturbeflissenen Hauptstadt aufnehmen kann. Und so stürzt man sich, entgegen des Urlaubsgefühls, in das pralle Leben des Kinos.

In Raju begibt sich Regisseur Max Zähle nach Kalkutta. Dort adoptiert ein deutsches Ehepaar einen vierjährigen Jungen, doch als der plötzlich verschwindet, kommen sie bei ihrer Suche einem fürchterlichen Geheimnis auf die Spur. Raju widmet sich dem hierzulande wenig diskutierten Thema Kinderhandel auf kluge Art und Weise. Zähle zeigt das Ehepaar nicht als gewissenslose Egoisten, sondern inszeniert sie als Sympathieträger und schafft es dadurch, das moralische Dilemma der Situation emotional greifbar zu machen. Doch nicht nur inhaltlich kann der Film überzeugen, auch formal ist er meisterlich in Szene gesetzt. Die Kameraarbeit von Sin Huh ist grandios, er schafft es mit seinen Bildern das unübersichtliche Wesen der Metropole Kalkutta einzufangen, ohne die Stadt als bedrohliches Moloch vorzuführen. Trotz aller Fremdartigkeit liegt stets ein gastlicher, fast intimer Blick auf dem Geschehen. Hinzu kommt die gelungene Montage von Max Zähle, der mit seinem Rhythmus Handlung und Atmosphäre in einen perfekten Einklang bringt. Raju ist Filmkunst auf höchstem Niveau und nicht zu Unrecht auch für den diesjährigen »Studenten-Oscar« nominiert.

Ebenfalls einen ungeschönten Blick auf das Leben präsentiert Rausch von Verena Jahnk. Ein Drogendealer wird bei einer Streife geschnappt, einer der Beamten sieht noch, wie er seine Ware verschluckt. Auf der Wache versuchen sie den Dealer zu einem Geständnis zu bewegen und wollen das Beweismaterial sichern. Notfalls mit fragwürdigen Methoden. Rausch thematisiert, ebenso hart wie klar, wenig bekannte polizeiliche Zwangsmaßnahmen, dekliniert Macht und Willkür und ist obendrein, ohne aufgesetzt zu wirken, noch ein Kommentar zur hiesigen Asylpolitik. Ein bedrückendes Kammerspiel, das gerade durch seine Kompromißlosigkeit eine erschütternde Intensität entwickelt.

Der Dokumentarfilm Familiensache von Sarah Horst portraitiert eine ungewöhnliche Familie. Vater Jürgen ist schon immer ein Lebemann gewesen, in Basel kannte man ihn für seine ausschweifenden Feste und opulenten Modeschauen. Und man kannte ihn als Schwulen. Doch dann hat er mit einer Frau ein Kind gezeugt, Lukas. Jetzt ist Lukas erwachsen und hat die Kneipe von seinem Vater übernommen. Keine Selbstverständlichkeit, denn das exzessive Leben hat auch Spuren bei Lukas hinterlassen. Familiensache ist eine tragikomische Spurensuche. Mit gnadenloser Ehrlichkeit sinniert die Familie über ihre Beziehungen zueinander, all die Gespräche und Kommentare schwanken zwischen Abrechnung und Liebeserklärung. Sarah Horst schafft es aber stets, ihre Protagonisten nicht vorzuführen, sondern ihren Eigenwilligkeiten einen verständnisvollen, aber nicht entschuldigenden Raum zu geben. Ein ebenso berührender wie unterhaltsamer Einblick in eine ungewöhnliche Familie, die scheinbar nicht mit und nicht ohne sich kann.

Die mexikanische Regisseurin Fernanda Valadez widmet sich ebenfalls dem Thema Familie. In De este Mundo erzählt sie die Geschichte von Sara, die in der Psychiatrie sitzt. Als Sara eine Tages Ausgang hat will sie die Gelegenheit nutzen, um endlich mit ihrem Bruder in ein neues Leben aufzubrechen. Doch Carlos hat sich verändert und die gemeinsamen Pläne scheinen nicht mehr von Bedeutung.
In elegischen Bildern und mit viel Feingefühl nähert sich der Film der besonderen Beziehung der beiden Geschwister. Während Sara noch immer von einem anderen Leben träumt, ist Carlos einen entscheidenden Schritt gegangen und hat seinen innigsten Wunsch verwirklicht: Er ist nun eine Frau. Durch die Gegenüberstellung der Schicksale und durch den Kontrast von Träumerei und Veränderung bezieht der Film seine Tragik. Wo einerseits das Warten dominierte, sind auf der anderen Seite Taten gefolgt, die die Schicksale auseinanderreißen. Der Mut hat die gemeinsamen Pläne obsolet gemacht und somit muß jeder wieder für sich allein kämpfen. De este Mundo ist ein bewegender Film und wieder ein gelungenes Beispiel dafür, daß man für große Emotionen nicht viel Zeit zum Erzählen braucht.
2011-05-05 15:18

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