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Sehsüchte 2011

40. Internationales Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf. D 2011. L: Sarah Penger, Esther Rothstegge.
Potsdam-Babelsberg, 2. – 8.5.11
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Generationen im Blick der nächsten

Von Cornelis Hähnel »Sehsüchte«, das Internationale Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf, feiert seinen 40. Geburtstag und hat zu diesem Zweck groß aufgefahren. Vom 2. bis zum 8 Mai präsentiert das Festival Arbeiten des internationalen Filmnachwuchses und ist dabei sowohl Publikumsveranstaltung als auch Kreativentreffpunkt. Ein Jubiläum ist natürlich immer eine gute Gelegenheit, die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen und so gibt es z. B. Retrospektiven zu Ehren von Jürgen Böttcher und Wim Wenders oder den Jubiläumsblock »40 in 4«, der in vier Stunden Highlights der vergangenen 40 Jahre präsentiert. Der Fokus liegt aber selbstverständlich auf dem Nachwuchs. Filmemacher aus über 25 Ländern präsentieren ihre Werke in Potsdam-Babelsberg und stehen damit stellvertretend für die Zukunft des Kinos.

So unterschiedlich die Filme formal auch sein mögen, thematisch tauchen immer wieder Gemeinsamkeiten auf. Eines davon ist das Thema Kindheit. Regisseurin Rungano Nyoni hat mit Mwansa the Great einen wunderbar hoffnungsvollen Film über Trauerarbeit realisiert. Der kleine Mwansa lebt mit seiner Schwester und seiner Mutter in Sambia. Sein Vater ist vor kurzem gestorben und um diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten, stürzen sich beide Kinder in ihre Fantasiewelten. Mit Leichtigkeit und einer großen Portion Humor wagt sich Nyoni an das diffizile Thema und findet ein Erzählkonzept, das wunderbar funktioniert. Immer wieder läßt sie die Traumwelten der Geschwister »wahr« werden, aus dem kleinen Jungen im Königscape wird ein erwachsener Krieger, ein Spielzeugauto wird zum Geländewagen, der alle Kinder zum ersehnten »Zauber-Matsch« fährt. Es ist dieses Spiel mit Realitäten, das Mwansa the Great so (im wahrsten Sinne des Wortes) lebendig werden läßt – wie selbstverständlich durchmischen sich die widrigen Umstände mit den Fantasien der Kinder. Sehnsüchte werden hier unsentimental visualisiert und die Trauer wird im Eskapismus ausgelebt. Auf ganz besondere Art und Weise.

Ebenfalls um das Thema Kindheit und Fantasie kreist die Dokumentation Into the Middle of Nowhere von Anna Frances Ewert. Gänzlich unaufgeregt betrachtet sie darin eine Gruppe von Kindergartenkindern beim Spielen im Wald. Ein paar Holzstämme werden dabei zu einem Flugzeug, das überall hinfliegen kann. Es ist eine Freude, der Handvoll Knirpsen beim Spielen zuzusehen und ihren Dialogen zu folgen. Doch wer jetzt glaubt, der Film basiere auf dem sentimentalen Catcher »Süß, Kindermund!«, der irrt. Ewert gelingt es, in die Welt der Kinder einzutauchen und ihre gänzlich unvoreingenommene Wahrnehmung der Umwelt erfahrbar zu machen. Denn sie nimmt die Kinder ernst. Und mag auch ein Hauch von Wehmut ob der sorgenfreien Kindheit im Film mitschwingen, geht es doch vor allem um den regen und inspirierenden Austausch zwischen den Kleinen, dessen wandelbare Regeln man mitunter schon vergessen hat. Eine präzise und feinsinnige Arbeit, die durch ihre völlig unbemühte Klarheit überzeugen kann.

Daß man als Kind auch Lektionen fürs Leben lernt, zeigt der Kurzfilm Emil Orange. Emil ist sieben und liebt alles, was orange ist. Doch er muß lernen, daß etwas, das man liebt, einen auch enttäuschen kann. Regisseur Mario Zozin erzählt seinen Film in knallbunten Farben, irgendwo zwischen Comic und Charlie und die Schokoladenfabrik. Was anfänglich als Kinderfilm anmutet, entpuppt sich schnell als kluge Variation über Enttäuschung und Hoffnung. Denn gerade durch den simplen Plot unterstreicht der Film die Unumgänglichkeit negativer Erfahrungen als Basis der Erkenntnis. Die Produzentinnen Hanna Kaesemann und Judith Schöll sind für Emil Orange im Rennen um den Produzentenpreis.

Doch nicht nur die Kindheit ist ein großes Thema auf dem »sehsüchte«-Filmfestival, auch die ältere Generation wird vom Nachwuchs unter die Lupe genommen. Vergiss Dein Ende, ebenfalls für den Produzentenpreis nominiert, erzählt die Geschichte von Hannelore, die spontan ihrem Nachbarn an die Ostsee folgt und ihren demenzkranken Mann zu Haus zurückläßt. Ihr Sohn Heiko muß sich somit notgedrungen um den pflegebedürftigen Mann kümmern und sich mit dem Schicksal auseinandersetzen.

Vergiss Dein Ende ist ein Film über Tod, Trauer und Alter. Aber auch ein Film über Sehnsucht, Hoffnung und Stärke. Und die Liebe. Ungeschönt und realitätsnah erzählt er von den Bürden des Alters. Es ist gerade diese Unmittelbarkeit, die den Film so intensiv wirken läßt und somit jede falsche Sentimentalität vermeidet. Getragen wird Vergiss Dein Ende vor allem von den wunderbaren Darstellern, allen voran eine brilliante Renate Krößner, die ihre Figur würdevoll durch das Schicksal manövriert. Ein berührendes Sinnieren über die letzten Lebensjahre. Und es zeigt, daß es auch bei der 40. Ausgabe der »sehsüchte« wieder so Einiges zu entdecken gibt. Denn der Nachwuchs steht nie still. 2011-05-04 14:49

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