— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Diagonale 2011

Festival des österreichischen Films. A 2011. L: Barbara Pichler.
Graz, 22. – 27.3.11
Peter Kerns Mörderschwestern: ein philosophisches verstörendes Kleinod.

Ganz kurz…

Von Claudia Siefen »Ach, das ist nett, daß Sie bei dem schönen Wetter den Weg in den Kinosaal gefunden haben. Glauben Sie mir, ich weiß das zu schätzen.« Derart höflich bedankt sich Peter Tscherkassky bei dem im Dunkeln sitzenden Publikum, das seiner Filme harrt. Und seiner gutgelaunten Unterhaltung. Der 1958 in Mistelbach geborene Tscherkassky (»Mistelbach – da ist es genau so, wie es sich anhört.«) spricht mit Händen und Füssen, und wenn er denn doch einmal etwas stiller hält, dann zwirbelt er mit Daumen und Zeigefinger die rote Sitzlehne eines freien Platzes in der ersten Reihe, streicht sie glatt und schaut nach einigen nachdenklichen Sätzen mit freundlich blitzenden Augen ins Publikum. Daumen und Zeigefinger haben sich dann auch wieder beruhigt. Tscherkassky gilt als einer der bekanntesten Vertreter der österreichischen Filmavantgarde. Erst recht seit dem das Lincoln Center ihn zu den weltweit wichtigsten Filmemachern zählt. Diese in alle Welt ausgesandte Liste nimmt Tscherkassky wohl selbst mit Humor und freut sich über die von der diesjährigen Diagonale ihm gewidmete Personale. So hat man die Möglichkeit zu einem kleinen aber feinen Programm einiger seiner Filme, die er persönlich zusammengestellt hat: mit frühen Ausnahmen durchweg Found-Footage-Arbeiten. Etwa Aderlass (1981) in dem Armin Schmickl gesten- und blutreich über »Kunst« schwadroniert. Oder Erotique (1982) mit Lisl Ponger, eine hübsche Persiflage über den Frauenkörper und wie er gezeigt wird, wenn die Dame denn erotisch daherkommen soll. Seinem wohl narrativsten Film Instructions for a light and sound machine aus dem Jahr 2005 wird Tscherkassky später noch einmal in einer nicht minder gut besuchten Lecture Bild für Bild auseinandernehmen. Was man sieht und hört, wie er arbeitet um dorthin zu gelangen wo der Film sich zum Schluß denn befindet, wenn er auf der Leinwand flimmert. Das Kopieren jedes einzelnen Frames, das Löchern und wiederholte Kopieren. Ein halbes Jahr braucht er durchschnittlich, um einen Film handwerklich zu bewerkstelligen. »Ich muß ja auch noch andere Dinge machen, denn hiermit ist wirklich kein Geld zu verdienen«, lächelt er freundlich in erwartungsvolle Gesichter, die sich vom Meister einige kreative Tipps erwarten. Der Dschungel des Bildes ist nur mit einer Idee zu durchkreuzen, daran läßt auch Tscherkassky keinen Zweifel und so mancher Zuschauer muß wohl beglückt aber auch enttäuscht später den Saal verlassen. Found Footage, also gefundenes, bereits gedrehtes Material, gerne auf Flohmärkten manchmal ungewollt miterstanden in einer alten Super8-Kamera, bis dann daheim die kleine Filmrolle ihre Geheimnisse offenbart. Oder ganz gezielt mit erstandenen Filmdosen. Die Idee muß zünden, die wird nicht mitgekauft. Happy-End (1996), zeigt offensichtlich ein älteres Paar, daß sich alljährlich zu Weihnachten fröhlich zuprostet und dabei allerlei Faxen in die Kamera macht. Die Sahnetorten lodern fettig, der Eierpunsch und Fernet Branca, und schließlich ein Tänzchen. Stets korrekt gekleidet und frisiert, denn schließlich hält man dies für die Nachwelt fest. Überblendungen und Mehrfachbelichtungen, ein rhythmisierender Schnitt. Ein wahres Kleinod.

Aber zur Entspannung nun auch ein Langfilm von Peter Kern (Gossenkind, 1992; Hans Eppendorfer: Suche Nach Leben, 1998; Donauleichen, 2005; Blutsfreundschaft, 2009; King Kongs Tränen, 2010). Er präsentierte seine Mörderschwestern. Das »enfant terrible« des österreichischen Films (Kunst- und Weggefährte von Rainer Werner Fassbinder, Werner Schroeter, Peter Zadek und Christoph Schlingensief) und seineszeichens Regisseur, Schauspieler und Autor zog erfreulicherweise ein überwiegend junges Publikum in den Kinosaal. Während sein Film sich zunächst an einer wahren Begebenheit orientiert (im Mittelpunkt steht die Figur der Tabea Wohlschläger. Sie wird als eine der Lainzer »Todesengel« nach 15 Jahren Haft entlassen und arbeitet nun in einem Gasthaus im Wiener Prater, hievt fetttriefende, vergiftete Schweinehaxen auf Teller und fordert das Publikum auf, den Verlauf der Handlung zu bestimmen: »Wer soll nun dran glauben, ihr Beutelratten!!??«), zerreibt er in gewohnt grandioser Kameraführung seine Handlung und bringt, eh man's sich versieht, ein philosophisches verstörendes Kleinod auf die Leinwand. Mit seiner Hauptdarstellerin Susanne Wuest (Am Waldrand, 2010; Carlos, 2010; Max Schmeling, 2010) hat er eine Besetzung gewählt, die mit ihrer Stimme und ihren scharfen Gesichtszügen den Reiz des »Bösen« auslotet, ohne dabei eine Minute ins Lächerliche zu überzeichnen. Schauspielerisch pikant genug, wenn man bedenkt, daß sie in erster Linie in Nahaufnahmen zu sehen ist und dazu auch noch direkt in die Kamera spricht. Beutelratten, so informiert uns übrigens ein Tierlexikon, sehen Ratten zwar ähnlich, sind aber nicht mit ihnen verwandt; sie gelten als »Allesfresser« und sind zu den nachtaktiven Beuteltieren zu zählen. »Ein großartiges Schimpfwort und man kann es so herrlich betonen!« lächelt Kern.

Excursus On Fitness von Josef Dabernig macht sich oberflächlich über die anhaltende Fitnesswelle lustig, im Besonderen aber über das Praktizieren von vorgegebenen Bewegungen, die zur Verschönerung des Körpers dienen sollen. Schöne Körper sind das letzte was man hier zu sehen bekommt. Ein dicklicher Herr sitzt an einem Tisch am Computer und überwacht das korrekte Geschehen im ebenso unhübschen Übungsraum. Da werden Hanteln gehoben, Beine geschwenkt, Knie gebeugt und es wird in die Pedale getreten. Im aschgrauen Schwarzweiß sind die Gesichter der Beteiligten ebenso lustlos wie die gesamte Ausstattung des Films. Der sparsame Schnitt erzeugt eine eigenwillig stolpernde Dynamik. Die zwölf Minuten kommen dann zu einer Pointe, die so einfach und blitzkurz ist, dass man bei dieser Umsetzung nur von »klug« sprechen kann.

Raumzeithund von Nikolaus Eckhard hat ebenso »Bewegung« als Thema. Ironische Überzeichnung inklusive. Eine Reflexion auf einen Muybridge-Versuch, der nicht zuletzt durch eine technische Reife, Strenge und Ausgeklügeltheit begeistert. Ein brauner Hund galoppiert auf einem Pferdetrainingsband dahin. Genau ausgerechnet werden Frames entfernt und geben dem Hund am Schluß den Ein- und Ausdruck des Dahinfliegens. Die Ausleuchtung der Szene produziert ein Grau, Blau und Schwarz und eine Fellstruktur, die im Kopf bleibt.

Und zwei Perlen aus dem Kurzdokumentarfilmprogramm. Einmal Die Falten des Königs von Matthias van Baaren. Die Sprache und die Enge. Die Enge in der Sprache? Wir beobachten zwei Simultandolmetscher in der berühmten kleinen Kabine. Gesten, Räuspern. Die Sprache von außen, die wieder »entschlüsselt« in die jeweilige benötigte Sprache in die Außenwelt zurück gebracht wird. Hört sich einfach an, ist es auch. Die Umsetzung und der Schnitt tragen alles zusammen ohne überheblich zu werden. Geht es hier doch um eine hochkonzentrierte Arbeit, die eigentlich nur verlangt, etwas verständlich zu machen und das wie am Fließband. Die feinste Nuance ist hier entscheidend und die Zeit ist kein Freund bei dieser Arbeit. Großartig.

Survival Guide #1-#5 hat fünf Künstler zu ihren ganz persönlichen Überlebensstrategien befragt und filmisch umgesetzt. Verkopft und demonstrativ kommt das ganze daher. Gefragt sind wohl Überlebensstrategien im Alltag und die Portraits bemühen sich eifrig um die Sichtweise des Künstlers. Das Überleben wird hier vor allem in der Distanzierung zu der jeweils persönlichen Kunst gesehen (die Kunst wird natürlich in allen fünf Fällen beruflich betrieben). Aber wäre da nicht die stille Antwort und herrliche Version #1 von Leonie Wieser! Sie hat den Dramatiker, Schriftsteller und Regisseur Händl Klaus mit der Kamera begleitet. Keine Bücherwand, kein überbordender Schreibtisch, keine Papierkaskaden. Stattdessen sehen wir Händl mit seinem Kater im Garten. Man liegt auf der Decke zu zweit und wer da nun wen begleitet beim Überleben, das verwischt sich schnell. Des Katers Strategie ist denkbar einfach: schlafen. Händl schließt sich ihm vertrauensvoll an, bis zum gemeinsamen zarten Schnarchkonzert unter blauem Himmel. 2011-04-27 10:20
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