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Internationales Frauenfilmfestival 2011

Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln. D 2011. L: Silke J. Räbiger, Christina Essenberger.
Dortmund, 12. – 17.4.11
Erhielt den Hauptpreis des Festivals: Attenberg (Athina Rachel Tsangari, GR 2010)

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Von Carsten Happe Frauenfilmfestival. Filme von Frauen, soviel ist sicher. Filme für Frauen? Natürlich nicht nur, schließlich möchte niemand seine Zielgruppen beschränken. Der Männeranteil im Publikum ist zwar augenscheinlich geringer als bei vergleichbaren Events, aber nicht entscheidend. Filme über Frauen? Nun ja, da hatte die aktuelle Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfestivals, die turnusmäßig wieder in Dortmund gastierte, einige bemerkenswerte Beiträge im Programm, die dieses alte Klischee widerlegten, daß Frauen auch nur Frauenthemen inszenierten. Immer natürlich mit Kathryn Bigelow im Hinterkopf, die als große Ausnahme die Regel bestätige.

Nein, gleich zum Auftakt der diesjährigen Festivalausgabe wurde mit Icíar Bollaíns Tambien la lluvia (Even the Rain) ein Film präsentiert, dem schwerlich anzumerken war, das ihn eine Frau verantwortete. Die spanisch-französisch-mexikanische Koproduktion sorgte bereits als spanischer Oscar-Beitrag für den besten fremdsprachigen Film sowie im Panorama der Berlinale für Aufsehen und verband in Dortmund aufs Vortrefflichste den Internationalen Spielfilmwettbewerb mit dem Thema des diesjährigen, etwas diffus betitelten Fokus: Was tun – Filme zur Situation. In Tambien la lluvia werden der Regisseur und der Produzent eines Spielfilmprojektes über Christoph Columbus bei Dreharbeiten im bolivianischen Cochabamba mit Unruhen konfrontiert, als die örtliche Wasserversorgung privatisiert wird. Vielleicht hätte die Filmcrew die Proteste noch ignorieren können, aber einer ihrer Laiendarsteller ist an vorderster Front in die Straßenkämpfe involviert und zwingt die Filmemacher, die lediglich ihre Dreharbeiten möglichst günstig über die Bühne bringen wollten, Stellung zu beziehen und sich letztlich auch persönlich zu engagieren. Ken Loachs langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty zeichnet für das Skript verantwortlich, und seine kritische Stimme ist dem Film deutlich anzumerken, wenngleich er auch oftmals leider Gefahr läuft, zu stark zu emotionalisieren.

Auch die belgische Regisseurin Marion Hänsel, die zuletzt 2007 mit Als der Wind den Sand berührte im Wettbewerb vertreten war, widmet sich in ihrem neuen Film Noir Océan beileibe keinem Frauenthema, nicht einmal eine einzige Frauenrolle kommt vor. Nichtsdestotrotz zeugt ihr behutsames Drama einer Männerfreundschaft auf einem französischen Marineschiff, das 1972 auf das pazifische Mururoa Atoll zusteuert, um dort Atomtests zu überwachen, von einer besonderen Sensibilität und Nähe zu den Figuren. Insbesondere das letzte Drittel des Films, das am fast menschenleeren Strand einer Pazifikinsel spielt, besticht durch seine seltsam entrückte, fast traumwandlerische Atmosphäre.

Während der niederländische Wettbewerbsbeitrag Richting West von Nicole van Kilsdonk ebenso wie der tschechische Entry Dom (The House) von Zuzana Liová eher klassisch naturalistische Erzählweisen durchdeklinierte, überraschte die griechische Produktion Attenberg von Athina Rachel Tsangari mit ihrer Frische und den Mut zur Groteske. Die 23-jährige Marina lebt in einer beinahe autistischen Distanz zu ihren Mitmenschen. Lediglich zu ihrem Vater, der sich unweigerlich auf seinen nahen Tod vorbereitet, und zu ihrer einzigen Freundin Bella unterhält sie bisweilen eigenartige Beziehungen. Bellas Nachhilfe beim Küssen, die den Film in einer einzigen langen Einstellung eröffnet, findet zunächst keinen besonderen Anklang. Auch als endlich ein Mann in Marinas Leben tritt, verspürt sie weder Herzklopfen noch irgendein Verlangen. Aber wenn er schon einmal da ist, kann ich mich auch ausziehen, vielleicht erwartet er das ja, richtig? Attenberg (betitelt nach Marinas Vorliebe für Sir David Attenboroughs Tierdokumentationen) ergründet in ebenso skurrilen wie starken Bildern eine widerborstige Coming-of-Age-Geschichte, die mit entwaffnendem Humor und uneingeschränkter Sympathie für ihre Außenseiter-Figuren letztlich auch die Jury überzeugte. Der Hauptpreis des Festivals ging damit hochverdient sowohl an die Regisseurin wie auch den Verleih des Films, in der Hoffnung, eine Kinoauswertung zu begünstigen. 2011-04-21 15:24
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