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Visions du reel 2011

Festival international de cinema – Doc Outlook – International Market.CH 2011. L: Luciano Barisone.
Nyon, 7. – 13.4.11
Ein Brief aus Deutschland (Sebastian Mez, 2011)

Das weite Panorama des Realen

Von Dieter Wieczorek Das im Schweizer Nyon beheimatete Festivals »Visions du Réel« ist zweifellos einer der europäischen Referenzorte des Dokumentarfilms. Bereichert um eine neue Spielstätte wurde in diesem Jahr unter der neuen Leitung Luciano Barisones ein weites Panorama des Dokumentarfilms aufgefächert, das reicht vom rein informativen Down-to-Earth-Dokumentarstil, vertreten beispielsweise durch den in der Schweitzer Sektion preisgekrönten Film Raising Resistence Bettina Borgfelds und David Bernets, eine Recherche über die Ausrottung von paraguayischen Plantagen und Farmen durch alles – bis auf den genmanipuliertes Soja – abtötende Pestizide zum Profit einer weltweit dominanten Monokultur, dessen Resultat nun auch an der Tankstelle zu zapfen ist, bis hin zum hochkomplexen, durch Wiederholungsschlaufen, Soundverfremdung und brillant Footage mit Heimarchivfragmente verknüpfender Schnitttechnik gekennzeichneten Filmstil Jay Rosenblatts, der an den schmerzhaftesten Erfahrungen menschlicher Existenz festhaltend, einen »Einbruch des Realen« durch Aufbrechen von Automatismen erfahrbar macht, ein Verfahren, wie es etwa auch die Therapie des wohl intellektuellsten aller Psychoanalytiker Jacques Lacan forderte. Den etwa 30 stets an der kurzen Form festhaltenden Arbeiten Rosenblatts wurde in Nyon eine umfassende Retrospektive in fünf Programmen gewidmet.

Die über 50 Werke umfassenden Wettbewerbsprogramme sind in Nyon in Lang-, Mittellang- und Kurzfilmsektionen unterteilt und können auf Preisgelder von über 100 000 Schweizer Franken hoffen. Die vielfältigen Nebensektionen unterteilen sich in »Etat d’esprit« (Geisteszustand), bestehend aus Schweizer Premieren ausgewählter Arbeiten, „»Premiere Pas« (Erste Schritte), Werke von Autodidakten oder Filmhochschulen, »Ateliers«, wie das des schon genannten Jay Rosenblatts und José Luis Guerīn, das »Schweizer Programm«, ein weiteres Fokusprogramm zum kolumbianischen Film, ein Themenschwerpunkt zur »Spur«, ferner »Spezielle Programme«, dieses Jahr zentriert um Persönlichkeiten wie Giovanni Cioni und Marilia Rocha sowie einer Best-Off-Auswahl der »Doc Alliance«, ein Zusammenschluß mehrerer Schlüsselfestivals des Dokumentarfilms. Glücklicherweise sind in Nyon die unterschiedlichen Spielstätten nur wenige Minuten voneinander entfernt und eine gelassene Organisation läßt keine Hektik aufkommen. Zum abendlichen Austausch lud die »Usine«, ein Kulturzentrum in unmittelbarer Festivalzentrumnähe, die auch als Spielstätte genutzt wurde.

Im Wettbewerb des Langfilms überzeugten vor allem Epilogue des Belgiers Manno Lanssens und das aus Polen kommende Werk Phnom Penh Lullaby Pawel Klocs. Lanssens begleitete über ein Jahr hinweg eine Familie, deren Mutter Neel, konfrontiert mit ihrer unheilbaren, ihr nur wenige Monate lassende Krebserkrankung, ihr Recht einfordert, den Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen, ein in Belgien mögliches Verfahren. Alle Etappen dieser wohl schwierigsten aller Entscheidungen samt deren Konsequenzen werden von Lanssens dezent und in beeindruckender Zurückhaltung unter Einbezug aller Familienmitglieder eingefangen. Während der Dreharbeiten gewinnt das Geschehen noch eine erschreckende zusätzliche Dimension, da auch Neels Ehemann an einem unheilbaren und hochaggressiven Krebserkrankt. Lanssens filmt ebenso den Todesmoment Neels, eine wohl richtige Entscheidung, da die Schmerzfreiheit dieses nur kurzen Augenblicks eine wirkliche Erlösung angesichts des ununterbrochen angespannten psychischen und physischen Leidens zuvor darstellt. Lanssens mit einer speziellen Erwähnung gekürter Film schafft im Einvernehmen mit der Todkranken ein lange nachhallendes Dokument über eine sehr starke Frau, die noch bei ihrer letzten Zigarette einen Scherz über ihre Entscheidung, das Rauchen nun aufzugeben, zu machen vermag.

Pawel Kloc schafft ebenfalls in intimster Nahansicht ein atemloses Porträt eines arbeitslosen, sich in Kambodscha mit Kartenlesen durchschlagenden Israeli und seiner mittelosen heimischen Geliebten wie ihrer Kleinkinder, eine gemeinsame Tochter und weitere aus früheren »Ehen« stammende. In einem Milieu, wo Prostitution zum Überlebensprogramm gehört, fängt Kloc die Borderline-Beziehung in all ihrer degradierenden Etappen ein, bis hin zu immer wieder ausbrechende Morddrohungen der hilflosen Frau. Er zeigt die Suche nach kleinsten Glücksmomenten im täglichen Überlebenskampf jenseits aller Sicherheitsnetze und Zunftsaussichten.

Mit 20 000 CHF preisgekrönt wurde El Lugar mas pequeno, ein sensibles, aus Mexiko stammendes Werk über die Traumata der Überlebenden einer Dorfgemeinschaft in El Salvador, die im Zivilkrieg nahezu vollständig ausgerottet wurde. Auch Tatiana Huezo Sānchez nimmt sich Zeit für ihre Protagonisten, zieht sich mit ihnen in eine Hütte zurück, um sie ihre verstörenden Erinnerungen aussprechen zu lassen. Nur die Stimmen zeichnet sie bei dieser Gelegenheit auf, legt erst anschließend bewegte Bilder der Betroffenen darüber. Dieser Ozean der Tristesse wird umgeben von einem allseits präsenten, übermächtigen, den Ort umgebenden Wald, einzige stille Gegenkraft zum Grausen, das sich Menschen selbst antun. Der Regiepreis, auf 10.000 CHF beziffert, geht an den finnischen Film Ikuisesti Sinun (Für immer der Ihre) Mia Halmes, die subtil den Verstörungen, Ängsten und Hoffungen von zwischen Pflege- und biologischen Eltern pendelnden Kindern nachgeht, heimatlos hier und dort. Auch die Nöte und Selbstzweifel der Erwachsenen finden Eingang in Halmes leises und nachdringliches Werk.

In der Kategorie des bis einstündigen Dokumentarfilms wurde ein deutscher Beitrag, Sebastian Mez’ Ein Brief aus Deutschland preisgekrönt. Er zitiert die Briefe rumänischer Frauen, die nach zur Prostitution Deutschland verschleppt wurden. Mez zeichnet ein Panorama der allüberall geduldeten Gewalt, die abgesichert ist durch die Hypokrisie des täglichen Übersehens. Die Briefe entfalten das immergleiche Muster der Versklavung: Passentzug, Lebensbedrohung eingeschlossenen der in der Heimat gebliebenen Nahestehenden, Folter, tägliche Erniedrigung sowie der Hoffnung auf ein mögliches Freikommen und Eigenerwerb zur Absicherung der fernen Familie. Mez beschränkt sich darauf, die Kamera durch Wohn- und Schlafzimmer gleiten zu lassen, vielleicht die einstigen Wohnstuben, gewiss die jetzigen Arbeitsplätze, eingeschlossen die Bordellzimmer. Nur sehr sporadisch finden Sequenzen unscharfer Schwarzweißbilder von Straßenszenen und fragmentierte Körperansichten zeigen, in seinen Film Eingang, die das desorientierte klaustrophobische Lebensgefühl der Opfer anklingen lassen.

In der gleichen Wettbewerbsgruppe wurde ein finnischer Beitrag bemerkt und mit einer Mention gekürt. Anu Kuivalainen macht sich in Aranda mit Wissenschaftlern auf einem Forschungsboot auf in den nördlichsten Gewässer, beobachtet die Forscher bei ihren vorwiegend schweigsamen Tätigkeiten und ist stets präsent, wenn diese Poeten einer anderen Kategorie ihre Zeit und des Raum anders wahrnehmende Lebensphilosophie artikulieren und ihren fremden Blick auf das Allzumenschliche werfen. Kuivalainen schafft hier ein wundersames Werk zur Ethik und Ästhetik der Einsamkeit der Wissenschaftler.

In der Kurzfilmsektion wurde Anne vliegt Catherine von Campens von der Jury ausgezeichnet. Die Niederländerin folgt den Spuren einer Jugendlichen, die vom Gilles-de-la-Tourette-Syndrom befallen ist, eine mentale Erkrankung, die unkontrollierbare Ticks im Alltagsverhalten produziert, bei Anne etwa das permanente Belecken aller möglichen Gegenstände ihrer unmittelbaren Umgebung. Von Campens begleitet die junge Frau auf ihren Wegen und Versuchen, zu ihrer Krankheit zu stehen, selbst sie ihren Mitschülern zu erklären, vor allem aber auch bei ihren kleinen Ausbrüchen aus der zivilisierten Welt, die sie sich kletternd erkämpft. 2011-04-21 18:03

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