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Visions du reel 2011

Festival international de cinema – Doc Outlook – International Market.CH 2011. L: Luciano Barisone.
Nyon, 7. – 13.4.11
Ein Brief aus Deutschland (Sebastian Mez, 2011)

Der deutsche Dokumentarfilm im Auftrieb

Von Dieter Wieczorek Eine auffällig starke Präsenz deutscher Filme kennzeichnete das diesjährige »Visions du Réel«, eines der wichtigsten europäischen Dokumentarfilmfestivals. Neben dem von der Jury ausgezeichneten Werk Ein Brief aus Deutschland von Sebastian Mez wurde ebenfalls Andres Rump für Scheich Ibrahim, Bruder Jihad eine Mention der »Prix du Jury interreligieux« zugesprochen. Das hier in internationaler Premiere gezeigte Werk porträtiert die Freundschaft zweier Männer, die eigentlich Welten trennt. Der eine lebt isoliert und ohne Strom in einem abgeschiedenen katholischen Kloster in den Hügeln der syrischen Wüste, der andere als Sufi-Scheich einer Moschee vorstehend in Damaskus, hinreichend in Beschlag genommen von den täglichen Anforderungen seiner Religionsgemeinschaft. Die gegenseitige Wertschätzung dieser Männer, über deren Genese wir leider nur wenig erfahren, macht diese Begegnung zwischen den Konfessionen möglich, wichtig genug in Zeiten wiederkehrender mittelalterlicher Religionskriege. Rump unterschlägt keineswegs die Schwierigkeiten mit denen sich gerade hohe Würdenträger konfrontiert sehen, reisen sie zu »unangemessenen« Orten. Doch Ihrahim und Jihad sind glücklicherweise zu unbedeutend, um sich einem allzu strengenden Reglement unterwerfen zu müssen. In Anekdoten scherzen sie gar über die Ungereimtheiten ihrer eigenen Religionen, wie die Anhäufung irdischer Reichtümer in den Händen der Religionsführer. Rumps Film ist ebenso Suche nach Gründen und Ursprüngen privater Religiosität wie Spurensicherung der Kommunizierbarkeit des Glaubens. Seine Arbeitsweise ist dezent, er fragt weder nach allzu Privatem noch persönlichen Statements, beschränkt sich schlicht auf die Beobachtung diese außergewöhnlichen Freundschaft.

Religiosität ist Thema auch in Maria Mohrs Bruder Schwester, ebenfalls als internationale Premiere präsentiert. Die Filmemacherin geht dem Schicksal ihrer Tante nach, die sich jung bereits für ein Leben als Nonne entschied und sich bald die Heiligsprechung des spanischen Mystikers und Trappistenmönch Raphael zur Lebensaufgabe macht, für die sie in Büchern und Vorträgen wirbt – schließlich mit Erfolg gekrönt. Religiöse und erotische Muster sind stets verknüpft, wie bereits die Metapher der »Braut Gottes« anklingen läßt. Auch Mohr beschränkt sich auf eine nicht intervenierende Darstellung, stellt keine provozierenden Fragen, sucht nicht zu dechiffrieren, wo Menschen Lebensentscheidungen getroffen haben. Lediglich in ihren Off-Kommentaren nimmt sie sich die Freiheit zur Reflexion und Erinnerung, etwa an ihren früh verschiedenen, für die Genese des Films jedoch entscheidenden Bruder. Auch hier zirkulieren unausgesprochene Verknüpfungen, die das erotisch-semantische Netz noch um eine weitere Dimension bereichern.

Die Frau des Photographen Philip Widmanns und Karsten Krauses, eine weitere der zahlreiche Weltpremieren in Nyon, geht dem Schaffen eines pedantisch seine Urlaubsfilme nummerierenden fanatischen Amateurphotographen nach, der über Jahrzehnte nicht abließ, seine begehrte Frau in allen Lebenssituationen abzulichten, mit Vorliebe jedoch unbekleidet. Auf über tausend Filme hat er es schließlich gebracht. Nach seinem Tod, dessen erste Anzeichen er ebenfalls noch aufmerksam dokumentierte, steht die Frau vor der Schwierigkeit eines unverwaltbaren Erbes. Doch auch Nostalgie kommt über sie, angesichts der nicht nachgelassen habenden Liebe, angesichts der Flüchtigkeit des Augenblicks. Die Konfrontation mit den Photographien wirft die Frage auf, was bleibt im Fluge der Zeit.

Viel Aufmerksamkeit und eine Mention der »Jury des jungen Publikums« erhielt Levin Peter für seinen in schwarzweiß gedrehten Film Sonor. Er berichtet über die Begegnung und vorsichtigen Annäherung zwischen einem Soundspezialisten und einer jungen tauben Ballett-Tänzerin, die gelernt hat, Töne auf andere Weise wahrzunehmen. Gemeinsam erkunden sie die unterschiedlichsten Klänge, eingeschlossen den Alltagslärm, vom gezähmten Sound der Klangstudios bis hin zu verschiedenen Formen der Stille. Die Fähigkeit der jungen Frau, Töne zu erspüren, geht so weit, daß sie mit dem Filmkomponisten am Klavier zu improvisieren vermag. Peters schafft ein wunderbares Werk über die mögliche Überschreitung von angeborenen Barrieren durch sensuelle Sensibilität und gleichzeitig ein verblüffendes Dokument über die Welt der Taubheit.

Thomas Heise, bisher aufmerksamer Beobachter innerdeutscher Transformationen, verläßt zum ersten Mal mit seiner Kamera den heimatlichen Boden, um zu einer abgeschieden lebenden, von moderner Technologie und Lebensstil fast berührten indigenen Gemeinde der Kolla von Tinkunaku im Bezirk Oráns in Argentinien zu reisen. Umgeben von einer noch ungezähmten Natur bewaldeten Bergschluchten filmt er dort das alltägliche Leben, das dem Rhythmus der verbindlichen Ordnung eines in sich ruhenden Sonnensystems, so auch der Titel seines Films, zu folgen scheint.

Mit ebenso großem Abstand, wie auf fremden Planeten stehend, nähert sich Armin Linke mit seiner Kamera der Alpenwelt, dessen Panorama er zu signifikanten, scharf voneinander getrennten Szenen verdichtet. Von der Absicherung lawinengefährdeter Zonen über Ketterproben an Kunsthügeln, von künstlichen Schneehalden bis zu gegen radioaktive Materialien protestierende Zuggleisbesetzer, in Alpi erscheint das scheinbar Bekannte durch überraschende Schnitte und Kontraste in neuem, fremdartigem Licht. Einer der eindringlichsten Momente ist gewiß das Porträt eines gealterten Bergbauers, der von der Härte seines Alltags berichtet, der sein Leben lang entfliehen wollte, ohne je den Aufbruch gewagt zu haben.

Jakob Schmidts nur 20minütiges Werk Lieber wär ich Mörder war zweifellos einer der wichtigsten Beiträge in Nyon. Er porträtiert einen »Triebtäter«, der nach Verurteilung und Absitzen seiner Strafe sich in seiner Wohnung verschatzt, aus Angst, zu seiner Vergangenheit von ihm zu Nahekommenden befragt zu werden. Morddelikte würden eher akzeptiert als Sexualverbrechen, auf lange und kurze Sicht, ist seine durch tägliche Medienberichterstattung gefirmte Einsicht. Seine vergangenen Taten bedauert er mit aller Kraft, doch gesteht er, daß er nie sicher sein könnte, daß es nie wieder geschehen werde. Die Aufzeichnung der dramatischen Spaltung zwischen Bewußtsein und Selbstkontrolle allein macht das Werk zu einem Schlüsseldokument der Reflexion über Strafvollzug und Therapie. Mehr als das zeigt Schmidt die Beziehung zwischen dem einstigen Straftäter und seiner freiwilligen Betreuerin, die seit langem versucht, ihn aus seiner Höhle zu locken und zu Kontaktaufnahmen zu ermuntern, mit letztlich nur mäßigem Erfolg. Doch auch diese Beziehung wird von Schmidt in ein komplexes Licht gesetzt, da der Mann durch die Betreuung permanent an seine einstigen Taten erinnert wird, erneut zurückgeworfen auf den Schatten einer Identität, die er hinter sich lassen müßte, um die Chance auf einen Neuanfang zu haben. 2011-04-21 15:13

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