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Clermont-Ferrand 2011

festival du court métrage clermont-ferrand. F 2011.
Clermont-Ferrand, 4.2. – 12.2.11
Peter Gornsteins Peaceforce (Foto: Sille Sterll Jaworski)

Selbstverständliche Größe

Von Dieter Wieczorek Einige Festivals haben die Gelassenheit eines freundlichen Elefanten, übermäßig und doch entspannt. Das Kurzfilmfestival in Clermont-Ferrand gehört in diese Kategorie. Jedes Jahr aufs Neue wird dort der Beweis geliefert, daß es möglich ist, mit Kurzfilmen allein eine ganze Stadt auf die Beine zu bringen und weit mehr als hunderttausend Besucher zu locken. Selbst an einem eher entlegenen Ort der insgesamt 13 im Stadtraum verteilten Spielstätten wird man freundlich auf die Notwendigkeit hingewiesen, sich schon etwas früher in die Warteschlange einzureihen, so ein Stündchen etwa, um eine wirkliche Chance auf Einlaß zu haben. Und das bei einer spezialisierten Retrospektive des neuseeländischen Films!

Trotzdem ist niemand in der Administration Clermont-Ferrands snobistisch oder unterkühlt geworden. Der sympathische Hauch der einst kleinen Anfänge ist immer noch spürbar und das Festival wird geleitet mit vertraulicher Gelassenheit. Auch die breit gefächerte und ausgelassene Partykultur in Clermont-Ferrand trägt zum kommunikativen Wohlbehagen bei. Jedem Abend laden Empfänge und Rezeptionen der verschiedener Institutionen und Nationen die Besucher zu beschwingtem Treiben. Zwei große Festzelte neben dem Hauptgebäude tragen das ihre dazu bei, das Filmgeschehen auch zu nächtlicher Stunde weiter zu kommentieren. Ganz zu schweigen von den Professionellen, einem trink- und feierfröhlichen Kreis, der sich jeden Nachmittag spätesten ab 17 Uhr gegenseitig an Ständen des Filmmarktes beköstigt und hofiert. Die Kurzfilmwelt scheint noch in Ordnung. Hier zirkuliert nicht die Kälte Profitkalküls. Eine große Erwerbsquelle ist der Kurzfilm (glücklicherweise) nie gewesen, auch wenn man sich in Clermont-Ferand immer wieder in Meetings und Präsentationen müht, den jungen Filmemachern zu Subventionen und Filmbudgets zu verhelfen. Der Kurzfilm ist und bleibt Ort einer quicklebendig kreativen Szene des Experimentierens.

Neben den üblichen 14 internationalen und zwölf französischen Programmen ist die »Labo«-Sektion nun auch ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Festivals geworden. Hier finden eher experimentellere, nicht an Linearität festhaltende Beiträge Eingang, Werke, die nicht unbedingt Geschichten erzählen wollen, sondern auf Intensitäten setzen. Aus Anlaß des zehnjährigen Bestandes dieses Programmsegments, mit dem sich Clermont-Ferrand dem Fremdartigen öffnete, wurde eine Rückschau auf die markantesten Beiträge organisiert.

Neben der Weiterführung des bereits vor zwei Jahren eröffneten Focusprogramms des afrikanischen Filmes, das allerdings bei genauerem Hinsehen sich als vorwiegend durchsetzt mit französischen Koproduktionen erweist, markierte eine aus sechs Filmblöcken bestehende Retrospektive des neuseeländischen Kurzfilms das Festival, die den entlegenen Kontinent in das rechte Licht einer unausgesetzt aktiven und originellen Filmproduktion setzte. Als gelungenes »Special Event« konnte die Vorstellung einer palästinensisch-israelischen Kurzfilmkollaboration gelten, bestehend aus Beiträgen, die thematisch lose zusammen gebunden um den Titel »Eine Tasse Kaffee«, konkret auf ideologische, emotionale und kulturelle Limits und Vorurteile und auf beiden Seiten eingingen.

Auch im internationalen Programm waren die eigentlichen Höhepunkte die problematisierenden Werke, etwa Peaceforce des Dänen Peter Gornstein, der die Mechanismen der Instrumentalisierung eigentlich unabhängig und friedvoll wirkend wollender Kräfte in Konfliktsituationen analysiert. Im diffusen Feld von Eigeninteressen und provozierter Informationsverschleierung findet sich ein einzelner wohlwollender Soldat aufgerieben zwischen den Lagern wieder und sieht sich schließlich gezwungen zu schießen, um ein noch größeres Chaos zu vermeiden. Der estnische Beitrag Vahetus (Wechsel) von Anu Aun bringt eine überraschende Szene von Frauensolidarität zwischen einer Polizistin und einer dem machohaftes Ansinnen ihres Ehemannes ausgelieferten Frau ins Bild. La Gran Carrera (Der grosse Lauf) des Spaniers Kote Camacho kondensiert in sechs Minuten, wie eine gerade noch durch die (irrtümliche) Strangulierung von Jockeys in den Startkabinen traumatisierte Masse bereits nach wenigen Sekunden im Stadion zum üblichen Wettlauffieber zurückkehrt und in Brüllorgien ausbricht, allein sich auf die Pferde konzentriert, während die Kadaver noch im Freien baumeln.

In der französischen Sektion ist La Fille de l’Homme Manuel Chapiras hervorzuheben, der die Anti-Päderastie-Hysterie konturiert. Ein Familienvater wird bei einer frühnächtlichen Promenade mit seinem Kleinkind erst von herum lungernden Jugendlichen gestellt und bedroht, dann von der Polizei, die ihre Chance nutzt, in seine Familie einzudringen und seine Kinder nach möglichen Folterpraktiken… befragen. Selbst nach dem sich auflösenden Verdacht bleibt eine Entschuldigung aus. Die Beamten sind überzeugt, nur… »ihre Pflicht getan« zu haben.

Als ein wohl kaum unerheblicher Wermutstropfen im Festivalgeschehen bleibt anzumerken, daß die Suche nach überraschenden Beiträgen und audiovisueller wie cinematographischer Innovation eher enttäuscht wird. Besonders in den französischen Programmen macht sich der Eindruck breit, daß diese Filme Resultat der immer gleichen Produktionsbedingungen, Drehbuchkontrollen und Filtrierungen sind, gefördert von den immergleichen Auswahlgremien der französischen, nicht unerheblichen Subventionsmaschinerie.

Eigentlich müßte bei dieser Suche die Labo-Sektion einspringen und ihre Früchte zeigen. Doch hier bleibt wiederum ein breiter Teil dem Animationsfilm vorbehalten, per Definition kein suchendes, sondern ein artifiziell erstellendes Medium ohne Widerstand. Glücklicherweise bringt das anarchische Talent des Kanadiers Guy Maddins mit Night Mayor (Nachtmeister) ein Werk nach Clermont-Ferrand, das in einer amalgamischen Hexenküche gebraut geworden zu sein scheint. Projektionsflächen, freilaufende technische Gerätschaften, Footage und Fragmente von Filmzitate kumulieren zu einem wirren Treiben herum um die Gestalt eines nach Kanada emigrierten Bosniers, der in einer TV-Station die Kraft nördlicher Polarlichter nutzen will, um die Bilder seines Landes in alle Richtungen zu verbreiten. Wesentlich meditativer wirkt der Beitrag des Franzosen Gérard Cairaschi. Hier ist ein jugendlicher Körper in einer nächtlichen Waldseenlandschaft vertieft in rituell wirkende Handlungen, scheinbar befangen in vergessenen Bedeutungssphären. Cairaschi läßt diese an sich schon enigmatische Handlung in sehr schnellem Rhythmus oszillieren mit dem Einspielen magischer und natürlicher Gegenstände, die das Geschehen zu kommentieren scheinen, ohne dem Betrachter jedoch die Elemente zu einem hinreichenden Verständnisses zuzugestehen. Ebenso fremdartig und atemberaubend wirkt das chinesische Werk On the Way to the Sea. Tao Gu vermischt fiktionale und dokumentarische Bildelemente eines postchatastrophischen Zustands mit visueller Abstraktion zu einer Metapher menschlicher Fragilität und Ausgesetztheit. 2011-04-21 14:36
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