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Filmfest Dresden 2011

23. Filmfest Dresden International Short Film Festival. D 2011. L: Karolin Kramheller, Katrin Küchler, Alexandra Schmidt.
Dresden, 12. – 17.4.11
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Wie es wirklich war

Von Cornelis Hähnel Was wäre ein Festival bloß ohne die Nebensektionen? Neben dem Herzstück, dem Wettbewerb, bieten gerade die zahlreichen Reihen die Möglichkeit, sich bestimmten Themen konzeptuell zu nähern und so filmische Vision und Versionen davon zu vermitteln. Beim Filmfest Dresden widmete sich die Reihe »Weibsbilder« dem Frauenbild der DDR. Sieben wunderbare DEFA-Perlen gaben einen Einblick, wie es um die Stellung der Frau wirklich bestimmt war und was sie jenseits der sozialistischen Arbeiterin verkörperte. Den Auftakt macht Stars von Jürgen Böttcher aus dem Jahr 1963. Darin sprechen Frauen einer Brigade des Berliner Glühlampenwerks über ihre Arbeit, ihre persönlichen Ängste und Wünsche. Auch wenn der Off-Kommentar etwas holprig ist (der übrigens gegen den Willen des Regisseurs durchgedrückt wurde), das beinahe zärtlich anmutende Herantasten an die verschiedenen Persönlichkeiten vermittelt ein direktes und ehrliches Bild der Frauen, die eben nicht nur als »Stars der Arbeit« präsentiert werden. Chris Marker hat damals auf der Preisverleihung beim Dok Leipzig ebenfalls die Qualitäten von Stars gelobt und meinte, daß alle Dokumentarfilme so aussehen sollten. Zu recht.

Ein grandioses Fundstück war auch Kalender einer Ehe – Ein Film zum Thema Gleichberechtigung (1970), das vor allem formal mit einer ganz eigene Qualität besticht. Als Mischung aus Fiktion, Dokumentation und Aufklärungsfilms sinniert ein Paar über Liebe, Ehe, Alltag und Familienplanung. Das geschieht jedoch nicht rückblickend, sondern die Schauspieler blicken in die Zukunft und stellen sich vor, wie ihre Liebe verlaufen wird. Jede Lebensweiche wird dann anhand dokumentarischer Sequenzen hinterfragt, wie die gesellschaftliche Realität wirklich aussieht. Das ständige Aufzeigen der Fiktionalität, konterkariert mit den dokumentarischen Einschüben machen diesen Film zu einer aufregenden und noch immer innovativ und avantgardistisch anmutenden Produktion.

Ebenso gelungenen das Porträt der Fotographin Gundula Schulze, Aktfotografie, z.B. Gundula Schulze von Helke Messelwitz. Im Anschluß an das Screening verrät Messelwitz, daß die Kurzdoku ursprünglich zu einem Jubiläum von Karl Marx realisiert wurde, wobei sie versuchte, den Inhalt mit dem Marx Zitat »Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die Häßlichen eingeschlossen)« zu legitimieren. Seltsamerweise ist sie damit nicht durchgekommen, doch der Film kam dann etwas später in der (auch hier in Dresden gezeigten) längeren Fassung in die Programmkinos. Und auch Aschermittwoch von 1989 sei hier erwähnt: Eine Kurzdoku über eine sechsfache Mutter und Verkäuferin, die mit einer ordentlichen Portion Humor ihr Leben meistert und einen Einblick in ihr Leben gewährt. Wie auch die anderen Filme der Reihe ist auch dieser nicht nur von cineastischer Qualität, sondern ebenso ein wunderbares Zeitdokument. Eine durchweg gelungene Reihe, die differenziert ein Rollenbild der Frau nachzeichnet und seltene Einblicke in die Archive gewährt.

»Steal the real« lautet der schlagkräftige Titel der Dok-Sektion. Thematisch wurden in diesem Jahr die Filme mit Blick auf Irrglauben und Irritation kuratiert, eine Mischung aus Fake-Dokus und solchen, die so erscheinen. Dabei wurde auch das Publikum eingeladen mitzuraten, was echt und was gefälscht ist. Das Spiel mit dem blinden Urvertrauen in das Bild und die Frage nach Authentizität prägte dabei alle Filme. Gleich zu Beginn verunsicherte Ein Wunder von Stanislaw Mucha das Publikum. In einem kleinen Ort in Polen sammeln sich die Einwohner vor einem Haus, in dessen Fenster sie eine Marien-Erscheinung zu erkennen glauben. Mucha filmt dabei nur die Gesichter der Menschen, das Wunder selbst zeigt er nicht. Was sehen all diese Menschen? Ein cleverer Schachzug, der den Zuschauer vor Neugier fast in den Wahnsinn treibt.

Handfeste Beweise hingegen liefert Käptn Buchholz, der seit 1962 den Waldboden untersucht und wiegt. Dabei stellt er fest, daß das Gewicht seiner Proben stetig abnimmt und scheinbar die Schwerkraft allmählich verschwindet. Buchholz bleibt von Martin Kirchberger und Voxi Bäernklau ist ein irrwitziger Film, der so konsequent die eigene Absurdität vorantreibt, daß das Geschehen plötzlich gar nicht mehr so abwegig erscheint. Und wenn in Thomas, Thomas ein fleißiger Stadtarchivar aus Castrop-Rauxel plötzlich entdeckt, daß der Leiter des Aryuveda Zentrums Thomas Vallomtharayil die Reinkarnation des Industrie-Pioniers Thomas Mulvany ist, dann möchte man diese Idee einfach glauben. Und so ist es doch eigentlich nur eine Frage der eigenen Einstellung, was man letztlich als real ansehen möchte.

Einen Hauch des Dokumentarischen umwehte auch den fiktionalen Kurzfilm Talleres Clandestinos (Arbeiten in der Illegalität) von Catalina Molina. Darin erzählt sie die Geschichte der jungen Bolivianerin Juana, die illegal nach Argentinien als Näherin geht, um ihrem daheimgebliebenen Mann und ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen. Molina konzentriert sich auf die Monotonie der Arbeit und macht die Enge ebenso wie die Verzweiflung spürbar. Ein ganz ähnliches Thema erzählt auch Hanoi-Warszawa von Katarzyna Klimkiewicz, der mit dem diesjährigen Preis des Europäischen Filmpreises ausgezeichnet wurde. Darin kommt die junge Mai Anh mit einer Schlepperbande nach Polen, um dort endlich wieder mit ihrem Freund zusammen zu sein. Ohne falsche Sentimentalität erzählt der Film von den unmenschlichen Umständen einer illegalen Einwanderung und treibt die dramatischen Entwicklungen bis zum erschütternden Ende voran. Ein bekanntes Thema, daß aber mit einem neuen feinen Blick jenseits von Klischees aufgearbeitet wird und wieder auf einen oft vernachlässigten Aspekt der Wirklichkeit verweist. Und das ist bewegend. Auch wenn es nur Kino ist. 2011-04-17 16:31

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