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Diagonale 2011

Festival des österreichischen Films.
A 2011. L: Barbara Pichler.
Graz, 22. – 27.3.11
03

Seelenlandschaften

Von Cornelis Hähnel Nur weil die Diagonale das Festival des österreichischen Films ist, heißt es selbstverständlich noch lange nicht, daß man sich nur in heimischen Gefilden bewegt. Und so nimmt uns der Regisseur Georg Tiller in seinem Film Persona Beach mit nach Fårö, die Insel, auf der Regisseur Ingmar Bergman 30 Jahre gelebt und gearbeitet hat. In semidokumentarischer Manier erzählt er vom Leben vier Inselbewohner: Ein Schotterwerkarbeiter, eine Barfrau, eine Haushälterin und ein junges Mädchen. Ihr Alltag wird mit dem leichten Hauch einer Narration zu einem Erleben verdichtet, daß beeindruckend ist. Der Film ähnelt ein wenig Béla Tarrs The Turin Horse, nur ohne ein sterbendes Pferd, sondern mit einem längst verstorbenen Bergmann. In wundersam komponierten Schwarzweißbildern und beinahe ohne Monologe begibt sich Tiller auf Spurensuche nach dem künstlerischen Geist Bergmans, nach dem Einfluß seiner Bilder auf das Leben auf der Insel. Denn die Natur spielte in Bergmans Filmen immer eine große Rolle, diente als Spiegelbild des Seelenzustandes der Protagonisten. Doch die Herangehensweise ist keine transzendentale, sondern vielmehr ein Abgleich mit der Wirklichkeit, und den Einfluß des Imaginären auf die Realität. Die Darsteller hat Tiller, der eigentlich einen Essayfilm über Bergmans Landschaftskonstruktion drehen wollte, auf der Insel gefunden und gemeinsam mit ihnen den Film realisiert. Herausgekommen ist eine Reflexion über die Wirkung von Kunst und eine Hommage an die Bilderwelten Bergmans, denn die Einstellungen wirken ebenfalls wie vom schwedischen Großmeister selbst inszeniert. Doch Tiller schafft es, nicht nachzuahmen, sondern aus den Vorlagen der legendären Bilder etwas neues, sperrig Bezauberndes zu verwandeln. Und ja, es ist auch ein anstrengender Film, der mit seiner Ruhe und einer Länge von 140 Minuten einiges an Konzentration verlangt. Doch gerade in der Abwesenheit einer klaren Narration schafft er es, durch die grandiosen Tableaus eine Atmosphäre zu schaffen, die zusehends eine emotionale Kraft entwickelt und sich letztlich zu einer nicht greifbaren Wucht verdichtet. Ein Beispiel für großes emotionales Kino fernab des Konventionellen, ein irrlichterndes Stück Kinopoesie.

Weniger romantisch geht es bei Tag und Nacht von Sabine Derflinger zu, der sich dem Thema Sexarbeit widmet. Die Freundinnen Lea und Hanna sind zum Studieren nach Wien gekommen, doch am Geld hapert es. Die beiden entscheiden sich, als Callgirl zu jobben. Für sie ist es ein unverfänglicher und vor allem lukrativer Spaß, doch bald müssen sie merken, daß dieser Job einen erheblichen Einfluß auf das eigene Leben hat.

Derflinger versucht, das Thema Prostitution am Beispiel der Freiwilligkeit anzupacken. Und in der Tat schafft sie mit ihrer mitunter expliziten und vor allem ungeschönten Inszenierung Momente von eindringlicher Reflektion, doch kommt auch sie nicht umhin, in die Klischeefalle zu tappen. Besonders in den Momenten der Freier zeigt sich dies, die oftmals bist zur Farce stereotypisiert sind und aufgrund ihrer Überzeichnung das Geschehen so sehr dominieren, daß der Blick auf die Gefühlswelt von Lea und Hanna getrübt wird. Tag und Nacht ist eine ständige Gratwanderung zwischen einem neuen, unverbrauchten Ansatz und gängigen Motiven, die zwar thematisch bedingt nicht ausbleiben, aber doch recht konventionell daherkommen. Das ist schade, gerade die gelungene visuelle Umsetzung sowie die beiden Hauptdarstellerinnen wissen zu überzeugen. Ein bißchen mehr Mut zum Verzicht hätte dem Film gut getan.

Ebenfalls um Sexualität, aber in diesem Fall verdrängte, geht es bei Adams Ende von Richard Wilhelmer. Darin erzählt er von der Freundschaft zwischen Adam und Conrad. Während Adams langjährige Beziehung zu seiner Freundin sich im Alltag verloren hat, verliebt sich Conrad neu. Die vier Freunde fahren gemeinsam in den Urlaub, doch entspannend wird dieser nicht – Adam fühlt sich seltsam zu Conrad hingezogen.

Adams Ende ist eine Mischung aus Coming of Age-Geschichte, Psychodrama und Generationenportrait. Klug und mit einem präzisen Blick für Feinheiten erzählt er vom Verlust der eigenen Persönlichkeit, von Selbstaufgabe und bedingungsloser Hingabe. Dem Film gelingt das Kunststück, dies fast nebenbei zu erzählen, ohne dabei den Fokus zu verlieren. Aber gerade die Indifferenz von Adams Personlichkeit, die in der Inszenierung nie eindeutig zu Ende interpretiert wird, entwickelt sich zur treibenden Kraft. Überhaupt ist die Dramaturgie stets geprägt von Andeutungen, ein Konzept, das hier nicht verloren wirkt, sondern in sich stimmig ist. Und auch wenn der erste Eindruck der Hipster-Clique befürchten läßt, mal wieder einen Berlin-Film zu sehen, gelingt es Wilhelmer, die Stadt in den Hintergrund zu drängen und sich auf seine Figuren zu konzentrieren. Und so wird Adams Ende zu einem entspannten und spannenden Debüt, das gänzlich unaufgeregt Abgründe nachzeichnet. 2011-03-26 16:36

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