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Berlinale 2011

61. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2011. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 10. – 20.2.11
Gewinner im Wettbewerb: Asghar Farhadis Nader and Simin, A Separation

Absteigende Tendenz

Von Dieter Wieczorek Der Preissegen, der sich zu Recht auf einen Wettbewerbsfilm, Asghar Farhadis Nader and Simin, A Separation konzentrierte, ist vor allem ein Krisenzeichen. Es fehlte an Wettbewerb im Wettbewerb, an ebenbürtigen oder gar innovativen Filmen. Die Stärke Farhadis ist gewiß, die psycho-soziale Kettenreaktion einer traumatisch zwischen sozialer Not und religiösen Tabus sich aufreibenden iranischen Gesellschaft in einer in jeder Sekunde überzeugenden, dramaturgischen Ausweglosigkeit auf den Punkt zu bringen. Der Film überzeugt durch das kunstvoll sich durchdringende Geflecht von Problemlagen und forciertem Fehlverhalten, die stets ausweglose klassische Tragödien kennzeichnen. Doch auch dieses Werk ist, gemessen an reinen Kriterien der Filmkunst, nicht wirklich innovativ. Es repräsentiert narrative Filmkunst auf höchstem Niveau, nicht jedoch einen Aufbruch zu oder Einbruch in andere möglichen audiovisuellen Sprachen. Der auf diesem Niveau einzig hervorstechende Film, zumindest mit dem FIPRESCI Preis notiert, war Béla Tarrs A torinói ló (Das Turiner Pferd), doch auch er bot den Tarr-Kennern eigentlich nichts Überraschendes.

Der nicht abzuweisende Eindruck, daß auf der Berlinale etwas verloren zu gehen droht, was einstmals seine Stärke und Eigenheit war, macht sich auch angesichts der Seitenprogramme des Forums und Panoramas breit. Besonders im Dokumentarteil fehlten die überraschenden Filme und Themen, die Aufschluß geben können über die verborgene Schlüsselprozesse heutiger Wirklichkeitskonstruktionen. Im Forum machen sich immer mehr Beziehungsfilme breit, die sozialpolitische Krisenszenarien lediglich als Hintergrund nutzen. Das Kurzfilmprogramm überrascht durch eine erstaunliche Eklektik, die als vorteilhafte Unvorhersehbarkeit ebenso zu interpretieren ist wie als Willkürlichkeit. Wer vermöchte hier einen Leitfaden oder eine nachvollziehbare Intention der Programmauswahl zu nennen?

Mit anderen Worten, die Berlinale erscheint zuweilen als matter Abglanz ehemalig revoltierender und provozierender Zeiten, wo das Publikum noch aktiv mit Pfiffen und permanenten Zwischenrufen am Filmgeschehen teilnahm, auch mit unverhaltenem Enthusiasmus, falls geboten.

Auf der anderen Seite, doch eher hinter den Kulissen, gab es in Berlin wichtigen Initiativen, etwa wie die von der »Deutschen Welle« organisierte Zusammenkunft einer Vielzahl von hierzulande fast unbekannten Festivals aus Asien und Afrika. Diese gerade für die fernen Gäste einzigartige Chance zum Austausch und Begehrung kann in seiner Bedeutung für weitere fruchtbare Kollaborationen nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mitkoordiniert wurde diese Begegnung von der immer regen Leiterin der Kurzfilmsektion, Maike Höhne.

Neben diesen einleitenden, unvermeidlich kritischen Bemerkungen einige der wohltuenden Ausnahmen zu nennen bleibt die erfreulichere Aufgabe. Tomer Heyman bietet in The Queen has no Crown ein Autoporträt in berührender Aufrichtigkeit. Der in den Staaten im Exil lebende Filmemacher wagt eine Rückkehr zu seiner israelischen Familie, trotz seiner strikten Ablehnung dortiger Realpolitik. Kaum eingetroffen wird er bald darauf als Homosexueller stigmatisiert und aus seiner Wohnung verjagt. Seine Familie zum Wegzug zu überzeugen bleibt ein vergebliches Unternehmen. Reich an Detailbeobachtungen und provozierenden innerfamiliären Dialogen vermag der Film den Betrachter ungezwungen teilhaben zu lassen an den aktuellen Lebensfragen zwischen Privatglück und politischer Verantwortung, Sehnsucht nach Schutz und Wissen um dessen fatalen Begleitumstände.

Nicht minder berührend liefert Elfi Mikesch in Mondo Lux – Die Bilderwelten des Werner Schroeter das Porträt des vielsprachigen intellektuellen Dandy und Aristokraten, der mit Würde in einer hochstilisierten Welt selbstbestimmter Werte zu leben und zu sterben vermochte. Mehr als ein Einzelporträt ist Mikeschs Film eine Huldigung an Individualität und Selbstbestimmung, ein Beitrag zu einer philosophischen Lebenskonzeption bis zum Ende, zugleich auch Aufzeichnung einer seltenen Sensibilität und existenziellen Kompromißlosigkeit.

Selbst und gerade für diejenigen, die Pina Bausch Choreographien haben erleben dürfen, schafft Wim Wenders in Pina nicht nur einen eindringlichen Nachruf auf die so plötzlich Verstorbene, sondern die Möglichkeit einer fast unmittelbaren Teilnahme an ihrer Arbeit, einerseits durch überraschende Nahperspektiven, andererseits durch die eingespielten Kommentare, Erinnerungen und Erlebnisse des Ensembles. Ursprünglich als enge Zusammenarbeit mit der Künstlerin geplant, transformierte sich das Projekt durch ihren unerwarteten Tod zu einer Ode, dessen Eindringlichkeit in Hinsicht auf das Schaffen der Künstlerin nur als kongenial zu bezeichnen ist. Wenders nimmt sich fast ganz zurück und beschränkt sich auf die Aufzeichnung der Choreographien, mit Ausnahme einer verblüffenden Stilidee: er transportiert die Choreographien zuweilen in die realen Räume, die Pina Bausch während ihrer Wuppertaler Jahre umgaben und einen wie auch immer transformierten Einfluß auf ihre fremdartig vertrauten Choreographie hatten: Straßenkreuzungen, die Schwebebahn, ein Seeufer, die Spitze einer Industriehalde, eine Fabriklandschaft… Der fragile Tanz – aufgezeichnet mit einer hier überaus effektiven 3D-Technik, die ein völlig neues Raumbewußtsein bietet - entfaltet in diesem Kontext eine noch höhere Präsenz. Ohne den geschlossenen Theaterschutzraum wirkt die tänzerische Bewegung noch ausgesetzter, solipzistischer und schmerzhafter. All die von Wenders eingefangenen Schlüsselsituationen und Anekdoten zeugen von einer noch bis heute andauernden, fast mythischen Präsenz Pina Bauschs. Psychologische oder soziologische Kontextualisierungen oder Kommentare bleiben in Wenders Film ausgeschlossen. Gerade so wird eine faszinierende Annäherung an ihr sphinxhaftes Treiben und enigmatische Erscheinung möglich.

Auch der zweite Altmeister des deutschen Films, Werner Herzog, spielt in seinem außer Konkurrenz laufenden Werk Cave of Forgotten Dreams mit Sinnfragen der fragilen menschlichen Existenz. Ausgehend von erst 1994 entdeckten Funden der bisher ältesten, ca. vor 32 000 Jahren gefertigten Höhlenmalereien, kehrt er mehrfach, stets mit anderen Fragen, begleitet von unterschiedliche Kompositionen im Off, in die Höhle ein, um den möglichen Bedeutungen der Chiffren und Zeichen dieser prähistorischen Kultur auf die Spur zu kommen, mehr aber, um die Vergeblichkeit dieser Rekonstruktionen anklingen zu lassen. Er kontrastiert die rätselhaften Spuren des Verlorenen, die ebenfalls in 3D-Technik gedreht ihre prachtvolle Präsenz entfalteten, mit den alltäglichen Begleitumständen der Forschungserkundungen, dem Elan, der Akribie und den zuweilen kindlichen Freuden der faszinierten Wissenschaftler. In brillanter Brechung dieses Pathos widmet sich sein Epilog den Albino-Krokodilen, die in den Abwässern eines der Chauvet-Höhle benachbarten Atomindustrieanlage ihre mikrotropisches Leben fristen und irgendwann ihren Blick auf die verlorene menschliche Kultur werfen werden.

Hervorzuheben im Forum Programm, auf der Berlinale der Ort eher experimentellerer Filmsprachen, ist etwa Thomas Imbachs poetisch choreographiebewußtes, über Jahre hinweg mit statischer Kamera vom immer gleichen Atelierfenster Aufzeichnen alltäglicher Begebenheiten, die er verdichtetet zu einem vitalen Potpourri der Gesten und Handlungsfragmente. In dem aus der Schweiz kommenden Film Day is done dringt die Dramaturgie des eigenen Lebens über die Mitteilungen des Anrufbeantworters in das Atelier, die ebenfalls sich nach und nach zusammenfügen zu einer nachvollziehbaren Lebenssituation mit ihren Höhen und Tiefen, Freuden und Ängsten. Ein schlichter Film, doch voller Anmut, Lebensferne und Nähe.

Einen ebenso erstaunlichen ästhetischen Bruch weist das aus Thailand stammende, teils dokumentarische, teils intime Werk Poo kor karn rai auf. Thunska Pansittivorakul dokumentiert einerseits die blutigen Massaker und das Niedermachen einer Demokratie einfordernden Rebellion, anderseits fängt er seine erotischen Phantasien und sexuelle Allusionen ein – in der traumatisierten thailändischen Gesellschaft ebenfalls ein Tabuthema. Sein Film funktioniert wie ein privates Tagebuch bestehend aus Frakturen unterschiedlichster Wirklichkeitssegmente, die erst zusammen genommen die Komplexität einer aktuellen Lebenssituation einzufangen vermögen. Auf die im Genrekino Eingestilten mag dies verstörend wirken, die anderen erfreuen sich an der Qualität der permanenten Unvorhersehbarkeit seines Werkes.

Glücklicherweise nicht ganz polisch korrekt ist El mocito, ein Dokumentarfilm, in dessen Zentrum das Schicksal eines jungen Chilenen steht, der einst seine Ersatzfamilie in den Reihen der folternden Handlanger des Pinochet-Regimes fand. Bewunderung von Stärke, Glauben an unhinterfragte Autorität und Gehorsam als Mittel, eine ersehnte Anerkennung zu erhalten, sind die tristen Merkmale der Charakterisierung eines dieser Vielen, die ohne Willen und Reflexion auf die falsche Seite gerieten, zu jung um wirklich wählen zu können. Marcela Said und Jean de Certeau folgen diesem heute vereinsamt lebenden Mann, der sich auf den Weg macht zu seinen ursprünglichen Auftragsgebern, zugleich auch zu den Opfern, die er, ohne Einschmeichelung oder Hoffnung auf Vergebung, mit Informationen versieht, die entscheidend sein können, um zumindest einige der in die Anonymität abgetauchten einstigen Drahtzieher namhaft machen zu können.

Territoire perdu ist ein experimenteller Dokumentarfilm in Super8 in überkontrastierten Schwarzweiß gedreht, der dem vergessenen Flüchtlingsdrama der Saharauis im marokkanisch-algerischen Grenzgebiet nachspürt. Hier leben in einer Wüstenlandschaft über hunderttausend Nomaden, von der Weltöffentlichkeit nicht wahrgenommen, in Zeltlagern zusammengepfercht. In Pierre-Yves Vandeweerds aus Belgien stammenden Film dringen Erzählfragmente über Verfolgung und Widerstand lediglich aus dem Off in die Bilder.

In der Kurzfilmsektion stachen zwei Filme, beide aus Kanada stammend, hervor. Waiting Woman von Antoine Bourge folgt einer verarmten Frau auf ihren alltäglichen Wegen durch die Labyrinthe der sozialen Administration, stets auf die Wartebank geschoben, stets bemüht, alles richtig zu machen, stets angenehm erscheinen wollend, ohne sich die innere Erschöpfung anmerken zu lassen. Bourges Film ist eine sensible Sozialstudie über das Überhörte und Ungesehene in den Abläufen der Sozialverwaltung, ein Werk über die unkommunizierte Degradierung und innere Emigration, die zur unaufhaltsamen Vereinsamung der Marginalisierten führt.

»Wie ich zum Terrorist wurde« könnte der Titel Kazik Radwanskis Kurzfilm sein. Unter dem wirklichen Titel Green Crayons konzentriert Radwanski sich auf ein Schlüsselereignis im frühen Schulleben. Ein Schüler gesteht nach anfänglichem Zögern sein Fehlverhalten aus freien Stücken ein. Doch statt ihn in seinen Intentionen zu stärken, reagiert die allein am Regelkanon orientierte Lehrerschaft mit unnuancierten Abstrafen und rhetorischer Erniedringung. Die ersten zögerlichen Spuren eines sich artikulierenden moralischen Bewußtseins, das den Mut hat, sich zu artikulieren und nicht den einfachen Weg des Verschweigens zu gehen, werden derart niedergerieben von den marionettenhaften Recht-und-Ordnung-Adepten, die weder Individualität noch Partikularitäten wahrzunehmen vermögen, selbst gewissensloser als die jungen Regelbrecher. Wir bräuchten mehr dieser fragilen Werke kleiner Detailbeobachtungen, um die großen Katastrophen besser verstehen zu lernen. 2011-03-07 15:19
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