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Berlinale 2011

61. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2011. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 10. – 20.2.11
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Wer bin ich, und wenn ja, woher weiß ich das?

Von Matthias Wannhoff Die Berlinale ist vorbei. Sofern man denn bei diesem traditionell dreigeteilten (nämlich säuberlich in Branchen-, Presse- und reguläres Publikum aufgespalteten) Großevent überhaupt von »der Berlinale« sprechen kann. Als Medienverteter verbringt man ja einen Großteil seiner Zeit in exklusiven »press only«-Vorführungen und wundert sich manchmal, daß es dort in den Reihen mitunter lautstärker zugeht als bei den offenen Veranstaltungen. Eine Stimmung wie während der Pressevorführung des Thrillers Unknown, der als letzter Beitrag (allerdings außer Konkurrenz) in die Wettbewerbs-Manege geworfen wurde, habe ich jedenfalls noch nie erlebt: Mit Erschöpfung seitens der Filmreporter hätte man an diesem neunten Festivalmittag gerechnet, nicht aber mit frenetischem Gelächter und Applaus als Würdigung verschwenderischer Action-Szenen, wie sie Unknown in nicht gerade knapper Dosis dem Publikum verabreicht.

Was das zu bedeuten hat, darüber läßt sich offenbar streiten. An mancher Stelle wird gemutmaßt, hier habe sich die überspannte Kritikerzunft voller Freude die intellektuellen Verkrampfungen aus dem Kopf knallen lassen, die Tage zuvor das Kunstkino von Autorenfilmern wie Béla Tarr hinterlassen hatte. Für mich klang das Geklatsche eher wie süffisanter Mitleidsapplaus, nach dem Motto: Wir wissen schon, daß rumsendes Genrekino von diesem Schlag nur deshalb hier läuft, weil es die jüngste deutsch-britisch-französische Prestige-Koproduktion aus der Babelsberg-Schmiede ist. Dafür spricht nicht nur, daß der Kollege hinter mir seinen Applaus damit unterlegte, daß er geradezu zwanghaft »Too much! Too much!« skandierte, sondern auch, daß während und nach dem Abspann von Begeisterung im Saal nicht viel zu spüren war.

Ich jedenfalls hatte zumindest innerlich applaudiert, als ich die Synopsis dieses Reißers mit Liam Neeson in der Hauptrolle überflogen hatte: Ein in Berlin gastierender Biologe wacht nach einem Unfall aus dem Koma auf und muß feststellen, daß ein Fremder seinen Platz eingenommen hat. Auch die Frau, die er für die seinige gehalten hatte, behauptet, ihn noch nie gesehen zu haben. Es gibt ja eigentlich nur wenige Stoffe, die sich für einen kurzweiligen, aber nervenzehrenden Kinospaß besser eignen als diese paranoischen »Wer bin ich, und wenn ja, woher weiß ich das?«-Reißer. Außerdem ist der junge Regisseur Jaume Collet-Serra kein Unbekannter: Zwei Jahre zuvor lieferte er mit Orphan einen der gelungensten Mainstream-Horrorfilme der letzten Dekade ab, wickelte dort die dramaturgische Schlinge wie ein Altmeister um den Hals des Zuschauers, um sie schließlich mit dem finalen Plot-Twist dermaßen festzuziehen, daß man es auf dem Kinositz kaum noch aushielt.

Es ist mir noch immer nicht ganz klar, warum Unknown mich trotz dieser optimalen Bedingungen verhältnismäßig kalt gelassen hat. Vielleicht liegt es daran, daß der populäre Actionthriller ein nur bedingt zitierfähiges Genre ist: Um zu wirken, muß es sich wenigstens strukturell ernst nehmen, wodurch seine Wiederholungen seltener Ausdruck ironischer Selbstgewissheit sind als ein Zeugnis der inneren Reißbretthaftigkeit. Und ja, womöglich ist es einfach ein Film zuviel, in dem der Held von seinem Umfeld für verrückt gehalten wird und nicht weiß, wie er das Gegenteil beweisen soll; in dem kryptische Zahlen in einem Notizbuch auftauchen, die sich als primitive Codierungen von Raumkoordinaten herausstellen; in dem das Mißtrauen in die Figuren derart flächendeckend gestreut wird, daß auch die umständlichste Wendung nicht mehr wirklich zu schocken vermag.

Der wirkliche Mehrwert von Unknown liegt daher allenfalls in den vielbeschworenen »Regionaleffekten«. Nicht nur, daß der Film in seinen Action-Szenen die halbe Berliner Innenstadt zerlegt, die ja architektonisch, wie Collet-Serra lakonisch im Pressegespräch anmerkte, »wie der Held noch auf der Suche nach ihrer Identität ist«. Auch andere Elemente dürften gerade bei deutschen Zusehern einen Nerv treffen, so die Anspielung auf eine sarrazinöse Furcht vor illegalen Einwanderern und die von Bruno Ganz verkörperte Karikatur eines ehemaligen Stasi-Schnüfflers. Das tut der deutschen Seele gut: Wenn schon über uns lachen, dann bitte so, daß es nicht gleich jeder Trottel versteht. Herrn Collet-Serra sei derweil gewünscht, daß er beim nächsten, bereits angekündigten Projekt seine Talente wieder stärker ausleben kann. Die Chancen dafür stehen gut: Es wird ein Horrorfilm. 2011-02-21 10:17

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