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Berlinale 2011

61. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2011. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 10. – 20.2.11
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Keine Routine in der Liebe

Von Matthias Wannhoff Wenn dieser Tage von Miranda July die Rede ist, dann meist als staunende Ovation für eine Frau, die als Amerikas Universalgelehrte im Bereich der Popkultur gelten darf: Ob Musik, Dichtung, Film oder Performance-Kunst – alles hat sie gemacht, alles gekonnt. Man könnte es ihr glatt verzeihen und auch ein wenig nachvollziehen, wenn ihr jüngster filmischer Gehversuch ein Stolperschritt geworden wäre. Ist er aber nicht. Im Gegenteil, dem Multitalent ist mit seinem zweiten Spielfilm The Future, der im Wettbewerbsprogramm der Berlinale zu bestaunen ist, Großes gelungen.

Es ist ein vertrauter Tonfall, in dem July von ihrem Mittdreißiger-Pärchen Sophie (gespielt von July selber) und Jason (Hamish Linklater) erzählt. Man hat ihn so ähnlich bereits in Werken wie Garden State oder Greenberg, der letztes Jahr im Berliner Wettbewerb vertreten war, vernommen. Die Figuren dieser Filme sind immer talentierte, aber in langweiligen Jobs und einer ständigen Midlife-Crisis gefangene Nordamerikaner, aufgewachsen im janusköpfigen Schatten des freien Marktes – nicht mittendrin, aber als Beobachter immer dabei gewesen beim Entstehen und Platzen diverser Kreativblasen. Deshalb changiert ihre Weltanschauung zwischen Enttäuschung und zynischem »hab ich's doch gewußt«, denn freilich sind seine reflektierten Verlierer längst selber Teil des Marktes (und damit, natürlich, auch seiner Filme).

Gleichwohl traut sich erst The Future, dieses Bewußtsein von Ohnmacht und gleichzeitiger globaler Kontingenz mit dem Aufkommen moderner Kommunikationstechniken kurzzuschließen. Denn der plötzliche Wunsch nach Freiheit ist etwas, das für Tanzlehrerin Sophie und den Telefonisten Jason erst einmal Planungsbedarf herstellt: Nicht nur die Jobs, auch das Internet wollen schließlich gekündigt werden. Und der letzte Schub Spontaneität entlädt sich ausgerechnet im überstürzten Wählen einer per Zufall entdeckten Telefonnummer (was allerdings äußerst tiefgreifende, nämlich amouröse Folgen nach sich zieht).

Der Humor, den Julys Film produziert, schießt zwar gelegentlich auf etwas weiche Ziele – so der Fall beim mehrfachen Miteinbezug atavistisch anmutender YouTube-Tanzclips. Doch sähen das die Protagonisten in der »wirklichen« Internetwelt genauso? Schließlich kocht das Netz ja auch jenseits der Fiktion über an Peinlichem oder, vornehmer gesagt, Kuriosem. Und natürlich erkennt man auch Julys gedruckte Prosa in The Future wieder: Die Idee, die Geschichte aus der Perspektive einer Katze zu erzählen, ist zwar gewöhnungsbedürftig – doch bald stellt man fest, daß dieses Programm auf derselben verspielten Poesie aufbaut, die auch Julys Kurzgeschichten innewohnt.

Der Routine entfliehen oder sie erst gar nicht entstehen lassen, dies könnte auch das Motiv von Charlotte sein, der Hauptfigur in Nanouk Leopolds Brownian Movement. Bei den Visiten in ihrer Klinik pickt sich die Ärztin, die mit ihrem Gatten und einem Sohn in Brüssel lebt, regelmäßig Männer zum Beischlaf aus, bei denen es untertrieben wäre zu behaupten, sie entsprächen nicht dem gängigen Schönheitsideal: Sie haben platte Nasen, massives Übergewicht, starke Behaarung und manchmal schon Altersflecken. Dies wird nicht erzählt, sondern gezeigt, und ließ dementsprechend beim Screening im Rahmen des Berlinale-Forums manchen Besucher auf seinem Sitz rotieren.

Brownian Movement wäre beinahe einer dieser europäischen Autorenfilme geworden, die mit ihrer prätentiösen Ablehnung jeder Psychologisierung anöden. Leopold jedoch setzt ihre Protagonistin, die von Sandra Hüller (deren Ruf als Charakterdarstellerin für »extreme« Rollen immer stärkere Konturen gewinnt) sehr einnehmend gespielt wird, bald zur Psychiaterin zur Gesprächstherapie. Zwar wird auch hier nichts erklärt, aber wenigstens versucht, über das Unerklärliche zu reden. Und immerhin wurzeln die Sitzungen in der quasi-moralischen Diagnose, daß die klinische Medizin für Frauen wie Charlotte wohl kaum das richtige Tätigkeitsfeld sein kann.

Die Eigenheiten des analogen Filmmaterials bilden zudem einen angenehmen Kontrapunkt zum karg, bisweilen klinisch anmutenden Sex auf der Leinwand: Wenn sich an Charlotte, die nackt auf einem Teppichboden liegt, auf einmal im Hintergrund die unscharfen Konturen eines massigen Männerkörpers annähern, wirkt dies geradezu monströs, zumal des Monsters Beute ein maliziöses Lächeln auf den Lippen trägt. Dies ist umso augenfälliger, als ein immer größerer Teil der Programme von digitalen Projektionen bestritten wird. Hat man sich daran gewöhnt, daß der Film in einem Belgien zu spielen scheint, in dem die meisten Menschen Englisch mit deutschem Akzent sprechen, darf man Brownian Movement als radikale Abhandlung über die Kluft zwischen partnerschaftlichem Vertrauen und Begierde würdigen.

Wenn es um radikale Entwürfe von Liebe und Körperlichkeit geht, wäre da schließlich noch The Ballad of Genesis and Lady Jaye, eine Dokumentation über Genesis Breyer P-Orridge, der als Kopf der Band Throbbing Gristle wesentlich an der Genese der Industrial Music beteiligt war. Ein Mensch zwischen Ich und Kunstfigur, weshalb Marie Losiers Ansatz durchaus plausibel ist: Sie läßt Breyer kostümiert die Stationen seines eigenen Lebens durchspielen. Ein wenig dokumentarischer hätte es aber durchaus sein dürfen: Wenn etwa die Rede von einem Song Breyers ist, der seit Jahren im italischen Fernsehprogramm läuft, wäre es nicht schlecht gewesen, besagten Song auch hören zu können.

Zudem verweist Losiers Film schon im Titel auf das wohl markanteste Kapitel in Breyers Biographie: In den 1990er Jahren begannen er und seine (2007 verstorbene) Frau Lady Jaye, sich optisch mittels plastischer Chirurgie einander anzugleichen. Wenn sich The Ballad of Genesis and Lady Jaye als freier Dokumentarfilm versteht, wäre eine kritische Würdigung dieses als »Pandrogynismus« betitelten Projektes wünschenswert gewesen. Die Idee dahinter sei die totale Symbiose als ultimativer Liebesbeweis und, wie Breyer im Filmgespräch ergänzte, natürlich die Dekonstruktion von Gender-Kategorien. Wenn man sich jedoch diese Person mit ihren Brüsten und schulterlangem Haar ansieht, hält man kurz inne und fragt sich, ob hier nicht bloß jemand von der einen in die andere Kategorie übergetreten ist (und dementsprechend auch nicht etwa »it«, sondern »she« heißen will). Losiers Film ist erhellend, was die Geschichte einer Subkultur angeht, bewegend in der Erzählung einer beispiellosen Liebesgeschichte, formal aber nicht unproblematisch, da in ständigem Wechsel zwischen Portrait, Inszenierung und Sammlung von Kuriositäten. Diese Filmemacherin wird ihren eigenen Stil noch finden müssen. 2011-02-17 17:22

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