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Berlinale 2011

61. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2011. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 10. – 20.2.11
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Mit der Schwebebahn in die Raumtiefe

Von Matthias Wannhoff Irgendwann, sofern der Markt mitspielt, wird James Camerons Traum von einer Welt, in der die Kinogänger mit ihren Shutter-Brillen verschmolzen sind, womöglich Realität werden (dann vielleicht, wenn sich auch Mathias Döpfners Vision von einer Welt erfüllt hat, in der Zeitungsleser nicht mehr ohne ihr iPad aus dem Haus gehen). Noch aber genießen 3D-Filme Exotenstatus, darf man über die ungewohnte Architektur ihrer Bildwelten staunen. Und deshalb darf auch behauptet werden, daß Wim Wenders' Tanzfilm Pina, der außer Konkurrenz im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale läuft, fortan als Meilenstein der jüngeren Generation des 3D-Kinos zu gelten hat.

Es ist eine nicht-narrative Hommage an die große Pina Bausch geworden, deren Größe nicht behauptet, sondern posthum im Medium der Bewegung fortgeschrieben wird. Ein Monument, das angenehm sparsam mit seinem Archivmaterial umgeht und Talking Heads einsetzt, deren Lippen unbewegt bleiben. Pina ist nämlich, obgleich es anderswo behauptet wird, kein Dokumentarfilm – dafür müßte das, was gezeigt wird, eine Entsprechung außerhalb des Mediums haben. Pina jedoch erlaubt Wahrnehmungen, die im Live-Erlebnis vor Ort, also im nach Bausch benannten Wuppertaler Tanztheater, undenkbar sind: Die Kamera rückt dem Ensemble, das kontrolliert und zugleich entrückt wirkt und manchmal so, als würden ihm jenseitige Stimmen die Körpersprache einflüstern, manchmal gefährlich nah auf den Leib, was aber erst durch die Tiefendimension zur wirklich erhabenen Erfahrung gerät.

Darüber hinaus verharrt der kollektive Tanzkörper eben nicht auf der Bühne, sondern verlängert sich in die Schwebebahn, den Park, die Tristesse der auf einmal gar nicht so unansehnlichen Wuppertaler Innenstadt hinein. Und kommuniziert in seinen Improvisationen, was auch die zwei Filme Joe Swanbergs (siehe den vorangegangenen Blog-Eintrag) im Berlinale-Forum verkünden: Leben ist Ausdruck, und Ausdruck ist immer schon Kunst.

Leider gilt dies nicht für alle Filme auf der Berlinale. Wie es The Mortician, ebenfalls ein 3D-Film, ins diesjährige Panorama-Programm geschafft hat, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Das muß man sich einmal vorstellen: Der einstige Rapper Method Man stapft als titelgebender Leichenpräparator durch eine angeblich dystopische, in Wahrheit aber einfach nur sterbenslangweilige Zukunft und müht sich redlich ab, nachdenklich dreinzuschauen – oder aber verängstigt, so wirklich kann man das ewige Stirnrunzeln und sein treudoofes Tremolo in der Augenpartie nicht deuten. Noch dröger als die Kulisse, durch die der eher null- als dreidimensionale Held zu leierndem Billig-Blues stapft, ist bloß ihre Inszenierung, die einfach nicht an Fahrt aufnehmen will und sich am Ende in übelstem Kitsch suhlt. Auch die Möglichkeiten der Raumdimension bleiben auf stupende Weise ungenutzt.

Ein englischer Blogger merkte im Vorfeld der Berlinale an, The Mortician wäre ein Beispiel dafür, daß auch schmal budgetierte Filme künftig nicht ohne 3D-Technik auskommen müßten. Diese Vorstellung einer dreidimensionalen Inflation, wie sie hier angedeutet wird, läßt mit Blick auf James Camerons Phantasma nichts Gutes ahnen – denn für diese Art von Film ist einst nicht die Stereoskopie, sondern die Goldene Himbeere erfunden worden. Gleichwohl ist es unwahrscheinlich, daß The Mortician außerhalb der Berlinale noch einmal die Aufmerksamkeit erhalten wird, wie es bei der Weltpremiere am Samstag der Fall war: Die Schlange vor dem Einlaß erstreckte sich über drei (!) Etagen.

Womit wir einerseits bei Werner Herzog und andererseits nicht bei Werner Herzog wären. Denn eigentlich sollte an dieser Stelle von dessen 3D-Doku Cave of Forgotten Dreams gesprochen werden, doch leider überstieg bei der anberaumten Pressevorführung das Interesse der Medienvertreter bei weitem das Fassungsvermögen des Kinosaals. Ersatzweise fand der Autor dieser Zeilen dann den Weg in ein recht dramatisches Kurzfilmscreening – dramatisch nicht, weil auch hier Platznot herrschte, sondern allein der großen Emotionen auf der Leinwand wegen.

Eine Frage allerdings bleibt: Es ist ja beileibe nicht so, daß man bei Produktionen aus Chile nicht damit rechnen würde, daß irgendwann ein Verweis auf die Militärdiktaur unter Pinochet fällt. Aber muß tatsächlich, wie im Fall von Blokes, in eine grundsympathische und klug beobachtende Erzählung von einem Jungen, der sich spielerisch auf die Suche nach der eigenen Sexualität macht, urplötzlich eine Sequenz hineinbrechen, in der sich Gewehre an Kinderschläfen drücken? Immerhin versucht der Film am Ende, beide Stränge mtieinander zu verbinden. Trotzdem ist es vielleicht an der Zeit darüber nachzudenken, ob eine Methode der Traumabewältigung nicht auch die graduelle Entpolitisierung von Kurzfilmprogrammen sein könnte. 2011-02-14 20:00

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