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Berlinale 2011

61. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2011. L: Dieter Kosslick.
Berlin, 10. – 20.2.11
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Im Reich der Anführungszeichen

Von Matthias Wannhoff Es gibt Lebensläufe, bei deren Lektüre man nicht weiß, ob sie einem Hoffnung oder Angst machen sollen. Die Vita des Amerikaners Joe Swanberg ist so ein Fall. Mit seinen 29 Jahren hat er nicht nur bereits acht Spielfilme vorzuweisen, sondern steht mit seinem Werk an der Spitze eines augenzwinkernd als »Mumblecore« bezeichneten Neorealismus, der längst über seine No-Budget-Wellen hinaus Wellen geschlagen hat: Die unglaubliche Greta Gerwig wäre, hätte sie nicht mehrfach bei Swanberg gespielt, wohl kaum als Ben Stillers Partnerin in Greenberg gecastet worden. Daß Swanberg selbst schreibt, spielt und die Kamera bedient, versteht sich angesichts des »do it yourself«-Credos seiner Szene fast von selbst. Nebenbei engagiert er sich auch noch für den Vertrieb von Indie-Filmkunst im Internet. Doch dies ist bloß die eine Seite.

Swanberg leidet. Der Workaholic hat bereits eine Schaffenskrise hinter sich, die ihn laut Eigenaussage vom Filmemachen aus dem Grund abgehalten habe, daß er vor lauter Arbeit nicht mehr am Leben habe teilhaben können. Dies klingt kokett, ist aber mit Blick auf die beiden Filme, die als Double-Feature auf der Berlinale ihre Weltpremiere feierten, durchaus glaubwürdig: Sowohl in Silver Bullets als auch in Art History spielt Swanberg einen Filmemacher, der mit seiner Kunst, seinem Umfeld und vor allem mit sich selbst hadert. Das ist selbstredend nicht ganz frei von Prätention, hebt die hier praktizierte Ästhetik aber zugleich auf eine völlig neue Qualitätsstufe. Denn Swanberg befindet sich bereits jetzt dort, wo andere Filmschaffenden erst am Ende ihrer Karriere ankommen: im Reich der Anführungszeichen, im selbstreflexiven Spiegelstadium. So intelligent war ein Werk der »Mumblecore«-Bewegung noch nie.

Silver Bullets eröffnet denn auch tatsächlich mit einer Einstellung des Antihelden, wie er mittels digitaler Schnitt-Software einen Monolog von David Foster Wallace durchforstet, der dort die Ernüchterung angesichts des eigenen Erfolgs beklagt. Ganz ähnlich skandiert später auch der Regisseur, daß ihm weder das Drehen noch das Sichten von Filmen Freude bereite. Ebenso egal sei es ihm, ob die Leute sein Schaffen lieben oder hassen würden. Die Inanspruchnahme von Wallace' Statement weist hierbei weniger mangelnden Respekt vor dem Toten aus, als es Swanbergs Figur durch den Kakao zieht. Wie überhaupt die von drohenden Stakkato-Streichern befeuerten Silver Bullets bestimmt werden von ständiger Selbstkritik und -ironie, die an der Demontage einer Künstlerfigur zimmern.

Dabei ist diese Demontage nur die erzählerische Klammer um eine beinahe medienphilosophische Frage: Was unterscheidet einen Film, der versucht, die Realität einzufangen, von eben jener? Die Antwort, die Silver Bullets andeutet, läuft allenfalls auf eine weiche Differenz hinaus: Als seine Freundin die Hauptrolle in einem Horrorfilm bekommt, packt den Regisseur die Mißgunst, woraufhin er eine ihrer Freundinnen für Sexszenen castet – in denen er selbst den männlichen Part übernimmt. Man denkt an Deleuze und seine Verwunderung darüber, daß die Buchstabenfolge AZERT eine Botschaft ist, wenn man sie aufschreibt, nicht aber, wenn man sie auf der Tastatur einer Schreibmaschine vorfindet. Ist es kein Sex, nur weil dabei eine Kamera läuft?

Auch Art History spielt mit dieser Thematik: Wir sehen zwei Menschen, die den Beischlaf im Dienste der Filmkunst zelebrieren, wobei das Drehbuch nach dem »trial and error«-Prinzip ad hoc am Set verfaßt wird. Irgendwann nehmen die beiden Akteure keine Rücksicht mehr darauf, ob die Kamera läuft oder nicht. Auch hier tritt eine selbstbezügliche Matrioschka-Logik zu Tage: Denn ohne Drehbuch entsteht auch ein großer Teil der »Mumblecore«-Filme, die damit die Grenze dazwischen übertreten, was man einst Darstellung und Stoff nannte. Oder aber, wie es im Film zwar beiläufig, aber bezeichnend heißt: »Have you ever tried to say ›sneeze‹ when sneezing?« Kein Wunder, daß den erneut von Swanberg verkörperten Regisseur urplötzlich die Eifersucht plagt. Was heißt hier wahrhaftig? Immer wieder zeigt Art History anrührende Dialogszenen voller Melancholie und Wortwitz – und entlarvt sie gnadenlos mit dem Rewind-Button des Schnittprogramms als Film im Film. Bei aller Verwirrung, eines ist ohne Zweifel: Die Schauspieler, woher auch immer Swanberg sie nimmt, sind phantastisch, ausnahmslos. Doch wie gesagt: Vielleicht haben wir es hier mit dem falschen Begriff zu tun. Künstler sein hieße dann: am Leben sein. Bleibt nur zu hoffen, daß Swanbergs brutale Filmenden in der sicheren Welt des Mediums bleiben. 2011-02-14 11:52

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