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Solothurner Filmtage 2011

46. Solothurner Filmtage. CH 2011. L: Ivo Kummer.
Solothurn, 20. – 27.1.11
Paul Riniker erhielt für Sommervögel den »Prix du Public« (© eddymotion.ch)

Schweizer Spirit

Von Sabine Könner Von Deutschland aus betrachtet ist die Schweiz ein eher kleines Land mit hohen Gipfeln und tiefen Tälern, beträchtlichen Geldbergen auf den Banken und einer freizügigen Sterbehilfe namens »Exit«. In der Schweiz kann man ausgiebig Skifahren und gut essen, und wenn man von einem Bulgarienurlaub zurückkommt erscheint einem die Alpenrepublik wie eines der überreguliertesten Territorien auf diesem Planeten. Doch diesmal fuhr man mit dem Zug dahin und der Schaffner wußte beim Anblick des Tickets sofort, daß es zu den »Solothurner Filmtagen« ging. Zum 46. Mal fanden sie statt, man kann das Festival mit Fug und Recht als ein »Schweizer Großereignis« bezeichnen. 55.000 Besucher zählte man innerhalb von acht Tagen, die ebenfalls acht Abspielstätten variierten zwischen randvoll und gut gefüllt. Während an der Kinokasse die einheimischen Produktionen von den amerikanischen Blockbustern zuschauermäßig in die hinteren Ränge verwiesen werden (Inception, USA, schweizweit 432.290 Zuschauer, Sennentuntschi, der bestfrequentierteste inländische Film, 125.606 Eintritte im gleichen Zeitraum 2010) legte das Festival kräftig zu in punkto Publikum.

Schweizweit reist man an um Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme zu sehen, reine eidgenössische Produktionen ebenso wie Kofinanzierungen mit minoritärer schweizerischen Beteiligung. Daneben gab es eine Hommage an Ruth Waldburger mit einer kleinen Auswahl der von der züricher Produzentin ermöglichten Filme (Godard, Silvio Soldini, Gianni Amelio, Robert Frank, Alain Resnais…) und die Reihe »Passages«, die Werke aus dem europäischen Alpenraum in Solothurn als Schweizer Premieren zeigte.

Zwar dominiert der Film und das dazugehörige Völkchen während acht Tagen die Gassen der mittelalterlichen Stadt an der Aare, doch geschieht das mit der üblichen deutsch-schweizerischen Wohltemperiertheit. Statt rotem Teppich und Starkult Gespräche am Abend an langen Holztischen im Restaurant Kreuz. Der nächtliche Nachhauseweg vorbei an alten Gebäuden erscheint ebenso romantisch wie unschuldig, außer ein paar sich anfunkelnde Katzen keine besonderen Vorkommnisse.

Thrill und Suspense stattdessen anderntags im Kino, Michel Roddes Impasse du Désir windet sich tief in die Höhlen und Gänge der Psychoanalyse. Der 50jährige Psychiater Robert Block wird von seiner deutlich jüngeren Frau erst betrogen und dann verlassen und rutscht selbst so in jene Untiefen, aus denen er üblicherweise seine Patienten zu befreien sucht. Randvoll mit Schmerz und Eifersucht beginnt Block in einem diabolischen Spiel einem seiner psychotischen Patienten ein Modell von Übertragung einzureden, was dazu führt, daß dieser Blocks Exfrau verfolgt und körperlich zu attackieren beginnt. Das was sich der Seelendoktor nicht traut selbst auszuführen wird delegiert und seine Macht über die ihm anvertrauten Menschen verwandelt sich in seiner eigenen Notlage zu einem Pfund, mit dem er wuchern kann. Dabei ist er von Anfang an nicht besonders sympathisch, dieser Dr. Block, und man wäre weit davon entfernt, ihm die eigene Seele oder die seines Kindes anzuvertrauen, hätte man auf ihn die Außensicht, die Michel Rodde bietet. Von daher auch ein Film über Machtverhältnisse im Arzt-Patienten-Schema und über die bis hin zur Selbstzerstörung dominierende Macht der Liebe. Doch Impasse du Désir ist kein Tatort, man muß den Drehungen und Wendungen sehr aufmerksam folgen, um mitzukommen, die Dialoge sind wichtig. Wer Michel Rodde von früheren Filmen kennt, weiß, das hier ein Experte für menschliche Abgründe am Werke ist.

Doch es gelingt ihm, sein Sujet so zu verpacken, daß man auch Augenschmaus hat und nicht nur mit rauchendem Kopf im Kino sitzt. Natacha Régnier spielt die zwischen sicherem Luxusleben und wildem Sex mit dem Liebhaber hin und her gerissene jungen Frau mit Engelsgesicht und Empfindsamkeit und jener Portion überzeugender Zwiespältigkeit, die man haben muß, um die unterschiedlichen Pole ihres Lebens auszuhalten. Mit Bernard Cavalié gelang es Rodde, einen Kameramann zu engagieren, der dem intellektuellen Puzzle die richtigen, weil sinnlichen und ausdrucksstarken Bilder hinzufügt. Als Fotos extrahiert würden einige Teile des Films auf jeder Kunstmesse bestehen. Impasse du Désir feierte seine Premiere beim Festival von Montreal und gehörte dort zu den absoluten Publikumslieblingen, in Solothurn schien man eher etwas erschlagen von der Wucht des Films.

Der »Prix du Public«, dotiert mit 20000 Schweizer Franken, ging an Paul Rinikers Sommervögel. Es bleibt ein wenig ein Geheimnis, welche Filme für den »Prix du Public« nominiert werden und nach welchen Kriterien (13 Nominationen von Filmen aus dem Abendprogramm), doch Sommervögel gelang es, die Herzen der Menschen zu berühren, das ahnte man schon nach der Vorführung in der knallvollen, überheizten »Reithalle«.
Der Zürcher Riniker, der lange beim Schweizer Fernsehen arbeitete, dort eine Vielzahl von Dokumentationen drehte und überdies für die Vergabe der Gelder im Dokumentarfilmbereich zuständig war, schon als Autor reüssierte und viele junge Talente förderte, legte nun mit 64 Jahren sein Spielfilmdebüt vor.

Bing, Treffer: Sommervögel zielte direkt ins Herz und zwar in die echte, pulsierende Hälfte und nicht in das falsche Styroporgebilde daneben. Riniker erzählt die Outsidergeschichte von Greta und Res, sie eine leicht behinderte (oder auch nur verhaltensauffällige?) junge Frau, er ein eben aus dem Knast entlassener Biker, die sich zufällig auf dem Campingplatz einer gemeinsamen lesbischen Bekannten über den Weg laufen. Sommer, Sonne, See und viel zu reparieren… auch die beiden wunden Seelen der Protagonisten gehören dazu. Während sich Res nach dem Knast durch den Campingplatzjob ein erstes Auskommen sichert und dadurch wieder, wenn auch nur im Wohnwagen, ein eigenes Dach über den Kopf organisiert, lebt Greta noch wohlbehütet bei ihren Eltern. Doch mit 33 ist das zuwenig, deshalb geht sie in die Offensive, als sie Res erblickt. Das Ganze könnte nun kitschig oder süßlich werden, doch Riniker hat in seiner langen Arbeit als Dokumentarfilmer wohl so viel Realitätserfahrung gesammelt, daß er den Ton genau trifft und jede Gefühlsregung echt erscheint. Dafür darf er dann auch ein utopische Ende setzen, in dem Greta Res im letzten Moment vor der drohenden Verurteilung durch Mißbrauch rettet. Sommervögel vereint wahre Gefühle mit einem Schuß Weltverbesserung aufs Allerschönste. Sabine Timoteo spielt eine emotional gefesselte, doch mit aller Macht an ihren Ketten reißende junge Frau und Roeland Wiesenekker gibt den charmanten Macho, der zuerst nichts mit »einer Behinderten« am Hut hat. Anna Thalbach komplettiert dieses Trio als mit beiden Beinen im Leben stehende lesbische Campingplatzbetreiberin, deren Herz sich zwar auch nach Liebe sehnt, die jedoch im Moment andere Prioritäten setzt.

Nicht die Liebe, sondern Alter, Krankheit, Tod und die Aufarbeitung von Familiengeschichten schienen die Autoren in den letzten Jahren besonders interessiert zu haben. Im Spielfilmbereich überzeugte Léa Pools La dernière fugue. Ein Vater von vier erwachsenen Kindern ist alt geworden und leidet stark an Parkinson. An Weihnachten trifft sich die ganze Familie und entzweit sich darüber, ob man den Vater zu gesundem Essen und einem therapeutischen Lebensstil überreden soll, oder man ihn machen läßt, was er will und er schaut dann dementsprechend dem früher eintretenden Lebensende genußvoll entgegen. Léa Pool bezieht deutlich Position, für ein selbstbestimmtes Leben ohne Zwänge. Sie inszeniert die Familie als zerstrittenen Haufen, in dem die Kinder die alten Eltern nicht loslassen wollen, aus Egoismus, auch wenn es diesen auf der Welt schon nicht mehr gefällt. Die mit 25 Jahren nach Kanada emigrierte, aus der Schweiz stammende Regisseurin ist Stammgast in Solothurn und verzaubert das Publikum seit Jahren durch ihr ebenso sinnliches wie intelligentes Kino. »Es sind dieselben Dinge, an die man sich erinnert, doch man erinnert sich unterschiedlich« sagt der Sohn, der unter seinem Vater, als dieser noch jung und stark war, häufig gelitten hat. Léa Pool arbeitet mit Rückblenden, legt die heutige Wirklichkeit neben die vergangene und erläutert so Schicht für Schicht eines komplizierten Beziehungsgeflechts.

Da wo die Schweiz-Kanadierin entlarvt, aufdröselt, provoziert und überraschende Wendungen inszeniert, bleibt bei Res Balzlis Bouton nur ein schaler Nachgeschmack. Er möchte ein Portrait der an Krebs erkrankten Johana, einer 33jährigen Puppenspielerin zeichnen, als privater Erinnerungsfilm sicher wertvoll, für ein größeres Publikum ob seines Pathos und seines Hanges dazu, an entscheidenden Stellen nicht konkret zu werden, sondern einen imaginären Schleier zu ziehen, eher ein wenig ärgerlich.

Interessante Dokumentationen gab es jedoch zuhauf in Solothurn. Man erweitert gerne die Grenzen der kleinen Schweiz und schweift in die Ferne. Nach Indien in Guru-Bhagwan, His Secretary & His Bodygard von Sabine Gisiger und Beat Häner, oder nach Bali in Sacred & Secret - Das geheime Bali von Basil Gelpke. Beide Filme kratzen nicht nur an der Oberfläche, sondern bereichern den Zuschauer auf eigene Weise. »Am richtigen Platz, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Leuten gewesen zu sein«, das Geheimnis von Baghwan zu erkunden ist nicht leicht und er war sicher mehr als nur ein Verführer und cleverer Geschäftsmann. Wann er jedoch zu letzterem wurde und seine Spiritualität verlor, erkunden die Filmemacher in Interviews mit seinen ehemaligen Nächsten. Basil Gelpke läßt sich von Bali bezaubern und versucht dort, mit der unsichtbaren Welt in Kontakt zu treten: »Es gibt zwei Welten, die, die man sieht, und die andere…«

Als wären die Filme über die begrenzenden Linien der Leinwand getreten, Solothurn 2011 war eine der tiefgründigsten und spirituellsten Schweizer Filmwerkschauen seit langem. 2011-02-03 15:17
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