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Max Ophüls Preis 2011

32. Filmfestival Max Ophüls Preis. D 2011. L: Gabriella Bandel, Philipp Bräuer.
Saarbrücken, 17. – 23.1.11
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Ausgezeichnet

Von Cornelis Hähnel Ach ja, so eine Festivalwoche ist doch immer weitaus schneller rum als man denkt. Da hat man sich gerade erst an das Kinosaal-Hopping gewöhnt, noch Filme auf die To-Do-Listen gesetzt und dann heißt es auch schon wieder: auf zur Preisverleihung.

Am Samstag wurden in Saarbrücken zum 32. Mal die Preisträger des Filmfestival Max Ophüls Preis bekannt gegeben. Die Jury, bestehend aus den Regisseuren Dani Levy und Maximillian Erlenwein, den Schauspielern Gottfried John, Heio von Stetten und Cosma Shiva Hagen sowie dem Kameramann Benedict Neuenfels, haben es in diesem Jahr besonders schwer gehabt, so Levy bei der Preisverleihung. Nach kräftigem Aussieben blieben noch immer 12 von 17 Filmen im Rennen, erst sechs Stunden und neun Flaschen Wein später konnte man sich einigen. Aber scheinbar nicht so richtig, gab es neben dem Gewinner der Sektion Langfilm zudem gleich zwei lobende Erwähnungen und einen Spezialpreis der Jury. Lobend erwähnt wurden Tage die bleiben von Pia Strietmann, ein Drama um eine Familie über den Zeitraum vom Tod der Mutter bis zur Beerdigung und 180° vom Schweizer Cihan Inan, ein tragischer Episodenfilm über den Tag eines Amoklaufes.

Über den Spezialpreis konnte sich Barbara Eder, die sichtlich gerührt war, freuen, die mit Inside America eigene Erlebnisse, die sie als Siebzehnjährige bei einem Austauschjahr in Brownsville, Texas, nahe der mexikanischen Grenze, erfahren hatte, mit Laiendarstellern in eine narrative Form gebracht hat. Jugendliche zwischen Zukunftsangst und Kriminalität, Hoffnungslosigkeit und der Frage nach der richtigen Nationalität und dem Glauben an den amerikanischen Traum.

Um die beiden letztgenannten Aspekte geht es, in ähnlicher Form, auch beim Gewinnerfilm des 32. Max Ophüls Preis: Der Albaner von Johannes Naber. Die Geschichte des jungen Albaners Arben, der in Deutschland Geld für seine Familie verdienen möchte und dabei auf die schiefe Bahn gerät, hat die Jury letztlich überzeugt.

Der große Gewinner des Festivals aber war die Schweiz. Alle fünf schweizerischen Produktionen, die im Wettbewerb liefen, wurden mit Preisen bedacht. Publikumsliebling wurde Der Sandmann von Peter Luisi, eine surrealistisch geprägte Komödie über einen Mann, dem wortwörtlich die Zeit davonrinnt, um endlich ehrlich zu sein.

Der saarländische Ministerpräsident war froh, etwas zu lachen zu haben, der von ihm protegierte Preis ging an Güzin Kars Fliegende Fische müssen ins Meer. Kar erzählt in der schweizerisch-deutschen Produktion die Geschichte einer unkonventionellen Mutter, die endlich Halt in ihrem Leben finden möchte. Zumindest Meret Becker als verfeierte und geläuterte Mutter war überzeugend.

Für Stationspiraten, eine Tragikomödie über krebskranke Jugendliche, erhielt Michael Schaerer den Preis der Jugendjury. Dieser Preis freute Schaerer umso mehr, da er während der Produktion immer wieder hören mußte, Jugendliche würden sich für Filme über existentielle Ängste nicht interessieren. Doch wenn das harte Thema ohne sentimentalen Kitsch und mit so viel Hoffnung und Lebensfreude umgesetzt ist wie Stationspiraten, dann verwundert diese Auszeichnung überhaupt nicht.

Christine Repond erhielt für Silberwald den Preis der Interfilm Jury. Mit Laiendarstellern erzählt sie das Lieblingsthema der 1990er Jahre: Jugendliche sehen sich mit den Verlockungen der rechtsradikalen Szene konfrontiert. Es ist eine mutige Entscheidung, sich an dieses Thema zu wagen, da es gefühlt nicht nur totverfilmt, sondern scheinbar auch nur noch als eigenes Klischee auftauchen kann. Zumal auch das Thema nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat, sondern nicht mehr im Blickfeld der Medien ist. Deswegen ist es noch erfreulicher, daß Repond es schafft, immer wieder die Fallen des stereotypen Neonazi-Films zu umgehen bzw. zu verlassen und sich ganz auf die Innenleben ihrer Protagonisten konzentriert, das immer wieder mit dem Umfeld kollidiert. Und ihr gelingt es, den Moment der Entscheidung und der damit verbunden Verantwortung für das eigene Handeln als eigentliches Zentrum des Films herauszuarbeiten. Die beiden letztgenannten Produktionen kamen ebenfalls aus der Schweiz.

Der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an The Other Chelsea von Jakob Preuss. Der Film zeichnet ein Portrait der Stadt Donezk, tief im Osten der Ukraine, einem Teil des Landes, der sich »russisch« fühlt und die Revolution von 2004 als »Putsch« ansieht. Während der hiesige Fußballclub »Schachtjor Donezk« die UEFA-Cup-Leiter empor klettert, und Kolja, ein junger Politiker, seinen Weg an die Macht beginnt, steigen die Kohlekumpel von Donezk unter widrigsten Bedingungen in die tiefen Kohleschächte hinab.

Anhand des Fußballs gelingt es Preuss einen Einblick in die ukrainische Gesellschaft zu geben, Ungerechtigkeiten und Fragwürdigkeiten aufzudecken und ganz nebenbei die politische Stimmung der Region einzufangen. Die Spannung durch den UEFA-Cup Aufstieg des Vereins ist dabei ein Glücksfall für die Dramaturgie, verhilft sie doch dazu, die drei Haupterzählstränge in Bewegung zu halten.

Man muß am Ende dieser Festivalwoche feststellen, daß sich der deutsche Nachwuchs – zumindest thematisch – nicht mehr genug ist. Das reine Coming-of-Age-Drama ist nicht mehr ansatzweise so dominant wie vor ein paar Jahren, vielmehr sieht man sich verstärkt mit gesellschaftsrelevanten Problemen und Fragen konfrontiert, die in ihrer Vielfalt und Ungeschmücktheit überzeugen können. Dabei geht ein Großteil der Filmemacher selbstbewußt und unbefangen ans Werk und zeigt damit, daß die Bezeichnung Nachwuchs letztlich nur ein Fakt und keine filmische Definition ist. 2011-01-24 15:46

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