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Max Ophüls Preis 2011

32. Filmfestival Max Ophüls Preis. D 2011. L: Gabriella Bandel, Philipp Bräuer.
Saarbrücken, 17. – 23.1.11
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Die Härte des Lebens

Von Cornelis Hähnel Es gibt Themen, die sind so schwer und komplex, daß es größten Fingerspitzengefühls bedarf, um sie angemessen auf die große Leinwand zu bringen. Regisseurin Brigitte M. Bertele erzählt in ihrem Film Der Brand die Geschichte von Judith, die mit den Folgen ihrer Vergewaltigung zu kämpfen hat. Der Täter, den sie auf einem Tanzabend kennengelernt hat, ist ein hochangesehener Arzt mit Vorzeigefamilie, und so wird die Anzeige bald fallen gelassen. Daraufhin beschließt Judith, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Mit ungewöhnlichen Mitteln.

Der Brand erzählt von den traumatischen Nachwirkungen einer Vergewaltigung und schafft es dabei glücklicherweise, Klischees und Plattitüden zu vermeiden. Präzise seziert der Film die »zweite Hölle« nach der Tat, die Zeit der Anzeige und die darüber hinaus. In aller Deutlichkeit, doch ohne provokante Drastik, wird der Leidensweg Judiths verfolgt, ihr Kampf um Gerechtigkeit präsentiert, ohne jedoch sie als fanatische Rachsüchtige darzustellen. Neben dem wirklich gelungenen Drehbuch ist es vor allem Maja Schöne als Judith, die den Film prägt und ihre Figur würdevoll durch den Abgrund manövriert. Ein eindringlicher und sehenswerter Film, der sich wohltuend (und das bedeutet eigentlich in diesem Fall bedrückend) von anderen Werken über die Thematik unterscheidet.

Einem anderen Reizthema widmet sich der Dokumentarfilm Auf Teufel komm raus von Mareille Klein und Julie Kreuzer. Als der mehrfach verurteilte Kinderschänder Karl D. aus der Haft entlassen wird und ins Haus seines Bruders zieht, steht der kleine Ort Kopf – vor allem, da Karl D. noch immer als gefährlich gilt. Vor dem Haus versammelt sich täglich eine Gruppe von Demonstranten, drinnen verbarrikadieren sich die Familie und ihr Gast. Die Fronten sind verhärtet. Die beiden Regisseurinnen zeigen in ihrem Film beide Seiten. Sie sind drinnen und draußen. Zehn Monate waren sie vor Ort und beobachteten das Geschehen. Und sie suchen glücklicherweise nicht nach der »Wahrheit«, sondern geben den Lagern die Möglichkeit, ihre Ängste und Emotionen zu äußern. Dabei unternehmen sie nie den Versuch, Karl D. zu rehabilitieren; seine Taten, die er in zwei Fällen weiterhin leugnet, bleiben stets präsent. Und doch steht das Dilemma der Situation im Vordergrund, ein für beide Lager unerträglicher Zustand, für den auch der Film keine Lösung weiß und auch nicht versucht, eine zu finden.

Bemerkenswert ist auch die Schnittleistung von Editorin Mechthild Barth, die es schafft, eine Balance zwischen den beiden Lagern herzustellen, die, wenn es bei diesem Thema überhaupt möglich ist, versucht, eine Neutralität zu wahren, ohne Fakten zu verdrehen oder falsche Sympathien zu wecken. Auf Teufel komm raus ist ein beeindruckender Film von unglaublicher Intensität, der viele Fragen aufwirft und den Zuschauer zwingt, weiterzudenken. Ganz großes Kino, das lange nachwirkt.

Überhaupt präsentiert sich der Dokumentarfilm auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis von seiner besten Seite. Gangsterläufer von Christian Stahl, der ebenfalls im Wettbewerb Dokumentarfilm läuft, ist das Portrait des jugendlichen Intensivstraftäters Yehya, der mit 17 Jahren zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt wurde. Stahl, der Yehya zuerst nur als Nachbarsjungen kannte, begleitete ihn über Jahre mit der Kamera – und damit auch dessen Familie, die als palästinensische Flüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland kam, um ihren Kindern ein besseres Leben bieten zu können. Yehya ist dabei stets der Mittelpunkt, auch während seiner Zeit im Gefängnis, und entpuppt sich nicht nur als Problemkind und ehemaliger »Boss der Sonnenallee«, sondern auch als charmanter und selbstreflektierender junger Mann. Ohne falsche Betroffenheit und fernab vom Schlagwort »Endstation Neukölln« erzählt Gangsterläufer am Beispiel von Yehya über die Sehnsucht nach Anerkennung und dem Versuch, die eigene Position in der Gesellschaft zu finden.

Der deutsche Dokumentarfilm hat seine Position gefunden, denn die durchweg hohe Qualität der unterschiedlichen Produktionen zeigt – allen Unkenrufen zum Trotz – daß diese Filme ins Kino gehören. Um den Nachwuchs braucht man sich an dieser Stelle scheinbar nicht zu sorgen. 2011-01-21 16:48

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