Rotterdam, Locarno oder das brasilianische Hinterland
Von Tina Hedwig Kaiser
Zum strahlenden 5. Jubiläum des »Around The World In 14 Films«-Festivals hatten sich in diesem Jahr erneut allerhand illustre Filme sowie zahlreiche sie begleitende Gäste und Paten, (zum Spezialprogramm kam u.a. Jeanne Balibar) im Berliner Babylon Kino eingefunden. Festivalmacher Bernhard Karl präsentierte dem Publikum, das sich auch mitten in den Berliner Winterstürmen konstant zu den Filmen versammelte, dabei mal wieder eine Weltreise besonderer Art: auf internationalen Festivals 2010 ausgewählte cineastische Festivalperlen, darunter viele Preisträger aus Rotterdam, Locarno, Venedig und Cannes.
Daß jedoch nicht jeder Preisträger gleich Preisträger ist, veranschaulichten zur Festivalmitte gleich sehr spannend die beiden asiatischen Beiträge.
Winter Vacation des chinesischen Regisseurs Li Hongqi, seltsamerweise Gewinner des diesjährigen Goldenen Leoparden in Locarno, veranschaulichte einmal mehr, wie sehr er hinter den diesjährigen Rotterdam-Gewinner
Mundane History der thailändischen Regisseurin Anocha Suwichakornpong zurückfällt. Selbst mit einem von Anfangsoptimismus geprägten Blick wird man alsbald der aufgesetzten und durchkalkulierten Stoizität von
Winter Vacation überdrüssig, auch wenn eine schöne Kamera und grundsätzlich charmante Darsteller teilhaben an dieser kleinen Geschichte aus dem chinesischen Hinterland. Und dennoch: im Verlauf des Films wird der nächste ach so unmotivierte Witz zur angewandten Lachkalkulation am Publikum. Dies spüren zu lassen ist wohl das größte Manko des ansonsten bildhandwerklich geschickt und sehr gewollt-sperrigen Films. Umso besser ist es also danach
Mundane History sehen zu können: Das Rotterdamer Festival zeichnet sich mit diesem Festivalgewinner einmal mehr als eines der besonders ernstzunehmenden Festivals weltweit aus, das einen mehr als langjährig geschulten Blick gerade für asiatisches Independent-Kino mit sich bringt. Schönerweise wurde der Film dann auch beim Berliner Abschlussabend des Berliner Festivals mit dem IFA-Award ausgezeichnet. Zur Begründung die Jury unter Cristina Nord: »Es gibt Filme, die sich mit offensichtlich interkulturellen Thematiken auseinandersetzen und solche Filme, die uns durch ihre besondere Erzählweise in eine andere Wahrnehmung der Welt hineinziehen und uns dadurch ermöglichen, die Welt durch die Augen einer anderen Kultur neu zu betrachten.
Mundane History ist einer von ihnen. Leise und behutsam führt die Regisseurin ihr Publikum in bisher unbekannte Sphären, das macht den Film so wertvoll.« Eine Begründung also, die einmal mehr zeigt, daß auch die Festivalmacher in der Auswahl gerade dieses Films ihrem selbstgewählten Auftrag eines Weltkinofestivals mehr als gerecht wurden.
Ein völlig anderer und nahezu unerwarteter Film, der mit oberflächlichem Blick dieses Jahr leicht als Wikingerspektakel abgetan wurde, war
Valhalla Rising des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn. Selbst die Hintergründe, weshalb er dann ganz knapp doch noch in Venedig lief, sind ein Bravourstück auf jene voreingenommenen kurzgefaßten Auswahlblicke, sobald ein langhaariger Mads Mikkelsen als Wikinger in einem archaischen Actionmassaker zu vermuten ist. Doch auch hier hat sich das Berliner Festival schönerweise nicht beirren lassen und hinter die verfälschende Trailerfassade des Films geschaut. Zu finden ist da ein Meisterwerk, das mit viel Ruhe und Konzentration auf Mimik und Landschaft die Verhältnisse einer historischen Zeitenwende nachzeichnet. Heidnisches Brauchtum und die Anfänge des Christentums treffen dabei in einer existentialistischen Postwestern-Attitüde, wie man sie ansonsten eher dem New Hollywood-Film der 1970er Jahre zuschreiben würde, aufeinander und bescheren nicht zuletzt auch Mads Mikkelsen selbst eine seiner wohl besten Rollen.
Der kanadische Beitrag
Curling von Denis Côté sowie der US-amerikanische Beitrag
Life During Wartime von Todd Solondz machten wiederum den Blick auf ganz andere Verhältnisse der Jetztzeit bewußt: Zwei Kinder um die zwölf, inmitten von kruden Erwachsenenwelten, versuchen hier ihre eigene Orientierung im für sie nahezu unverständlichen Alltagsgeschehen zu finden. In
Curling ist es die überbehütete Tochter Julyvonne, die nicht einmal zur Schule gehen darf und deren soziales Manko sich somit nach und nach in der verschneiten Landschaft des Quebecer Hinterlandes abzeichnet. Côté schafft es hierbei stets die schwere Balance zwischen der Spannung ungeklärter Hintergründe und dennoch ganz alltäglicher Momente zu halten, die nie in ein Zuviel umkippen. Kein Unglück wird Vater und Tochter eigentlich bedrohen, auch wenn man es die ganze Zeit befürchtet. Stattdessen suchen und finden sich hier zwei, die ansonsten ziemlich offensichtliche Kommunikationsprobleme haben, aber eben auch gerade darin nie denunziert werden. Anders bei Solondz in
Life During Wartime: der minderjährige und ebenfalls überbehütete Hauptdarsteller hat ein klar definiertes Familienproblem und befindet sich folglich einmal mehr im mittlerweile berühmten Solondzschen
Dollhouse. Keine Figur bleibt bei Solondz verschont von Klischee, Überreizung und Überzeichnung, so daß die Denunziation seiner Figuren einmal mehr ins Auge fällt. Allein der straffällige Vater darf aus diesem Figurenraster herausfallen.
Doch zu wiederum völlig anderen Welten: Zwischen dokumentarischem Essayfilm und essayistischem Spielfilm zeigten sich die zwei experimentellsten Beiträge des diesjährigen Festivals.
Of Time And The City des englischen Regisseurs Terence Davies und, dazu auch noch inoffizieller Preisträger des schönsten Filmtitels des Festivals,
I Travel Because I Have To, I Come Back Because I Love You aus Brasilien von Marcelo Gomes und Karim Ainouz. Davies zeichnet in _Of Time And The City_ein sehr persönliches Portrait seiner Heimatstadt Liverpool und versammelt hierzu faszinierendes Archivmaterial von Stadt, Arbeit und Alltag, eine pathetisch-witzige Erzählerstimme und musikalisch-poetische Bildpassagen. Ein Dokumentarfilm also, bei dem sich 74 Minuten tatsächlich dann wie eine fliegende halbe Stunde anfühlen konnten und vielleicht auch dadurch Liverpools Vergangenheit noch melancholischer erscheinen lassen.
I Travel Because I Have To, I Come Back Because I Love You setzt dies dann mit einer ebenso persönlichen Off-Erzählerstimme auf der Ebene des Essayspielfilms um. Ein einsamer Reisender, keine festen Orte und subjektive Fahrtaufnahmen ohne Ende vereinen den melancholischen Gedankenstrom des Einzelnen mit verwischten, unscharfen Autoausblicken aufs karge brasilianische Hinterland. Den Reisenden selbst werden wir nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, stattdessen sehen wir immer durch seine allgegenwärtige Handkamera. Ein schöner Spätabendfilm nachdem man sich fühlt, also würde man direkt aus dem staubtrockenen brasilianischen Hinterland bestens vorbereitet in den trockenen Berliner Pulverschnee stolpern können.
2010-12-14 16:22