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FILMZ 2010

FILMZ – 10. Festival des deutschen Kinos. D 2010. L: Urs Spörri, Linda Kujawski, Chris Eschhofen, Tiziana Calo.
Mainz, 23. – 28.11.10
Oliver Haffners Mein Leben im Off

Familienbande

Von Susan Noll Das Mainzer Festival des deutschen Kinos FILMZ 2010 erzählt von Familien, Paaren und Menschen, die es werden wollen. Oder eben auch nicht.

Daß man das Gefühl nicht los wird, im beschaulichen Mainz einer großen Familie anzugehören, hat sich auch beim diesjährigen FILMZ Festival wieder bestätigt. Bekannte Gesichter und Namen, die schon oft bei FILMZ zu Gast waren und sich freuen, ein weiteres Mal eingeladen zu werden. Das liegt nicht zuletzt an der Organisationsform des Festivals, daß durch eine Vielzahl ehrenamtlicher Helfer, die meisten davon Studenten, auf die Beine gestellt und getragen wird. Aus diesem Grund kann sich FILMZ auch in diesem Jahr wunderbar zwischen Professionalität und undistanziertem Charme behaupten. Es gibt keine Berührungsängste, man teilt einfach die Lust am Kino, in den Vorführungen und Gesprächen, auf den Partys und bei den Veranstaltungen des Rahmenprogramms. Wie in einer großen Familie. Ein neuer Besucherrekord mit 6700 Besuchern gibt den Organisatoren Recht.

Zur Eröffnung gab es in diesem Jahr einen besonderen Film. Das Lied in mir von Florian Cossen erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die am Flughafen von Buenos Aires eine ungewöhnliche Entdeckung macht: Sie erkennt ein Kinderlied wieder, obwohl sie kein Spanisch spricht und auch noch nie in Südamerika war. Als sie am Telefon ihrem Vater davon berichtet, steht dieser am nächsten Tag vor ihrer Tür und macht ihr kurz darauf ein Geständnis, welches das Leben der jungen Frau von Grund auf verändern wird. Zusammen begeben sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie, die eng mit der Geschichte Argentiniens verbunden ist. Die von der Hitze und Hektik der Stadt getriebenen Bilder des Films kollidieren mit dem emotionalen Zwiespalt, der sich zwischen der jungen Frau und ihrem Vater auftut. Jessica Schwarz zeigt, daß sie alle Spielarten der menschlichen Seele darstellen kann und Regisseur Cossen weiß, wie er seine Schauspieler durch einen kleinen, aber mutigen Film zu führen hat.

Das Thema Familie, Zweisamkeit und die Schwierigkeiten derselben, haben sich wie ein roter Faden durch den Langfilmwettbewerb des Festivals gezogen. Sei es in der Sozialstudie Die Entbehrlichen von Andreas Arnstedt, die die Lebenswelt des jungen Jakob und seiner alkoholabhängigen Eltern darstellt, in dem Thriller Der letzte Angestellte von Alexander Adolph, in dem sich Christian Berkel als psychotischer Familienvater durch einen waschechten Genrefilm gruseln darf oder dem Historienfilm Poll von Chris Kraus, der die Geschichte eines jungen Mädchens und ihrer ersten, unmöglichen Liebe in Estland kurz vor dem ersten Weltkrieg nachzeichnet. FILMZ räumt neben den langen Filmen auch den Zwischenformen viel Raum auf dem Festival ein. Die mittelangen Filme zwischen 20 und 45 Minuten geben die Möglichkeit für ästhetische Experimente und müssen sich trotzdem dramaturgisch den Langfilmen annähern. In diesem Jahr wurde für sie zum ersten Mal ein Publikumspreis vergeben, der letztendlich an den Film Live Stream von Jens Wischnewski ging. Auch die Dokumentationen werden mit einer eigenen Reihe bedacht und haben ebenfalls 2010 einen eigenen Wettbewerb ausgerichtet. Den Preis erhielt Heike Bacheliers Studie Feindberührung über zwei Freunde, von denen der eine den anderen in der DDR bespitzelt hat und die sich nun nach langen Jahren wiedertreffen.

Der Kurzfilmwettbewerb war wie in jedem Jahr der heißbegehrte Abschluss des Festivals, der die kurze Kunstform feierte. Doch hat sich in diesem Jahr gezeigt, daß der experimentelle kleine Kunstfilm weniger gut beim Publikum ankommt als die kurze erzählende Form. Denn die drei einzigen narrativen Kurzfilme im Wettbewerb belegten letztendlich auch die ersten drei Plätze. Sieger wurde der Film Wattwanderer von Max Zähle, der ebenfalls eine Familie und ihre Kommunikationsschwierigkeiten im Zentrum hat und deren Ausflug ins Watt der Regisseur auf sehr humoristische Weise darzustellen weiß. Verdienter Gewinner des Langfilmswettbewerbs wurde schließlich die Tragikomödie Mein Leben im Off von Oliver Haffner, in der ein erfolgloser, schwuler Schriftsteller unfreiwillig als Ersatzvater engagiert wird. Haffners Film konnte nicht nur durch seine hervorragenden Darsteller Thomas Schmauser und Katharina Marie Schubert überzeugen, sondern bestach besonders durch seine pointiert witzigen Dialoge und die berührende Geschichte um Leben und Tod, Familie und ihre Alternativen. Lange hat man keine solch feine Komödie mit traurigen Tönen mehr in Deutschland gesehen, die gleichzeitig zu erheitern und zu bewegen weiß.

Zu allem Überfluß feierte das Festival in diesem Jahr seinen zehnjährigen Geburtstag. Die Rückblendesektion war aus diesem Grund nicht einem Filmemacher oder Schauspieler gewidmet, sondern als Retrospektive der Festivalgäste der letzten zehn Jahre konzipiert. So konnte man Werke von Roland Klick, Margarethe von Trotta und Peter Schamoni bestaunen, die in den letzten Jahren auf dem Festival zu Gast gewesen waren. Das extrem verdichtete Programm mit seinen vielen Sektionen, Reihen und Nebenveranstaltungen hat wieder für eine knappe Woche Filmgenuß gesorgt, vielen Filmschulabsolventen die Möglichkeit gegeben, ihre Filme vor einem größeren Publikum zu zeigen und auch die Augen für die ungewöhnlicheren Formen des filmischen Erzählens zu öffnen. Schade also, wenn man den Kreis der Familie jetzt verlassen muß, aber man weiß ja, in einem Jahr sieht man sich wieder! 2010-12-03 15:03
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