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Kinofest Lünen 2010

21. Festival für deutsche Filme. D 2010. L: Michael Wiedemann.
Lünen, 11. – 14.11.10
Verunsichert und wirft Fragen auf: Im Alter von Ellen von Pia Marais

Wirklich die Härte

Von Carsten Happe Unwetterwarnungen fegten über NRW, in manchen Teilen auch die angedrohten Unwetter selbst, wovon sich in Lünen am nördlichen Ruhrgebietsrand niemand abhalten ließ, die Eröffnung des 21. Festivals für deutsche Filme zu stürmen. Nach wie vor ist Lünen ein Phänomen – die Begeisterung und das Engagement in der Stadt für das Kinofest ist mehr als bemerkenswert, der Andrang zur Eröffnungsgala immens. Soviel berechtigter Stolz auf das Festival treibt manchmal bizarre Blüten wie die spontane Preisvergabe des Kinokomitees an das Kinofest (oder war es andersherum?) für das beste Festivalplakat in 21 Jahren. Manchmal ist Lünen, wie der Festivalslogan suggeriert, wirklich die Härte.

Umso leichter dagegen der Eröffnungsfilm, der launige Beziehungsreigen Die Relativitätstheorie der Liebe von Otto Alexander Jahrreiss. Katja Riemann und Olli Dittrich dürfen sich in jeweils fünf verschiedenen Rollen und Masken an den Launen und Spielarten der Liebe abarbeiten, nicht episodisch, sondern bisweilen gewitzt miteinander verwoben, doch der Eindruck einer Nummernrevue für die Comedyschiene eines TV-Senders läßt sich nie ganz abschütteln, insbesondere mit der Erinnerung an die »Blind Date«-Episoden im Hinterkopf, durch die sich einst Olli Dittrich und Anke Engelke improvisierten. Dafür sind die Figuren einfach zu stereotypisiert, die Settings zu klischeehaft und die Inszenierung zu konventionell, als daß hier wirklich großes Kino entstanden wäre. Unterhaltsam ist es nichtsdestotrotz allemal, was natürlich vor allem am Verwandlungstalent Olli Dittrichs liegt, dem Katja Riemann erstaunlicherweise kaum nachsteht. Die Spielfreude ist ihnen in jeder Szene anzusehen und mitunter gelingen ihnen außerordentlich berührende oder komische Momente, die das Premierenpublikum wohlwollend goutierte. Solch leichte Kost ist ja letztlich auch ein idealer Eröffnungsfilm, der perfekt zum Fingerfood-Büffet im Foyer paßt. Liegt nicht schwer im Magen, ist schnell verdaut.

Eine gänzlich andere Gravität beweist dagegen Florian Cossen mit seinem Diplomfilm Das Lied in mir. In beeindruckend atmosphärischen Cinemascope-Bildern erzählt der Filmakademie-Absolvent die aufwühlende Geschichte der jungen Maria, die sich durch ein argentinisches Kinderlied an eine verschüttete Vergangenheit erinnert, die ihre bisherige Existenz vollkommen auf den Kopf stellt. Bemerkenswert souverän inszeniert Florian Cossen die schmerzliche Spurensuche in einer fremden Welt, und Hauptdarstellerin Jessica Schwarz zeigt einmal mehr, daß sie eine der interessantesten Darstellerinnen ihrer Generation ist. In Lünen wurde Das Lied in mir mit dem Berndt-Media-Preis für den besten Filmtitel ausgezeichnet. Ein Preis, der sich im ersten Moment ein wenig absurd anhört, aber wenn man sich nur kurz verdeutlicht, wie oft man sich schon über verunglückte Filmtitel(-übersetzungen) geärgert hat, ist er ein durchaus bedenkenswertes Korrektiv.

Auch Pia Marais' zweiter Langfilm Im Alter von Ellen wäre ein verdienter Gewinner in dieser Kategorie gewesen, denn der Titel verunsichert und wirft Fragen auf, ebenso wie der Film selbst, eine irrlichternd unvorhersehbare Studie eines Zusammenbruchs, glänzend gespielt von der französischen Aktrice Jeanne Balibar wie auch den allzu selten auftretenden Eva Löbau und Julia Hummer. Den Jurys in Lünen war Im Alter von Ellen sowohl der Preis für die Beste Filmmusik wert, der verdientermaßen für den dissonanten Score der Komponisten Horst Markgraf und Yoyo Röhm verliehen wurde, als auch die erstmals vergebene Auszeichnung für das Beste Drehbuch.

Nicht alle Filme im Wettbewerb hatten das Niveau dieser beiden Beiträge. Mein Leben im Off etwa, Oliver Haffners Abschlußfilm an der HFF München, läuft nach einem vielversprechenden Auftakt ziemlich ins Leere, leider auch im Wortsinn. Vielleicht hat sich die fehlende Sender-Beteiligung beim Budget bemerkbar gemacht, da sich der Film streckenweise unangenehm unbehaust anfühlt und vielmehr wie eine Versuchsanordnung im Reagenzglas.

Weitaus mehr Leben und Elan steckt in Ayse Polats Multikulti-Komödie (darf man das noch sagen?) Luks Glück, die aus einem gemeinschaftlichen Lottogewinn ein amüsantes Hauen und Stechen innerhalb und außerhalb einer türkischen Großfamilie destilliert. Die Eltern wollen ihren Traum von einem eigenen Hotel in der Türkei verwirklichen, Sohn (Ha)Luk hat seinen Anteil schon längst für eine hoffnungslose Musikkarriere, die ihn auch mit seiner bezaubernden Ex-Freundin Gül zusammen bringen soll, verpulvert. Die auseinander driftenden Vorstellungen und Begehrlichkeiten münden in eine turbulente, temporeiche Farce über falsche Erwartungen und Traumwelten, die zwar nicht jedes Klischee stilsicher umschifft, aber doch angenehm unterhält.

Während in den vergangenen Jahren reine Fernsehproduktionen auch im Wettbewerb in Lünen auf dem Vormarsch waren, hat man diesbezüglich rechtzeitig die Handbremse angezogen – und Filme wie Das Lied in mir und Im Alter von Ellen zeigen, daß großes, intelligentes Kino auch hierzulande nach wie vor möglich ist. 2010-11-23 18:28
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