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Alfilm 2010

Arabisches Filmfestival Berlin. D 2010. L: Dr. Issam Haddad.
Berlin, 3. – 11.11.10
Elia Suleimans herausragender The Time That Remains

Arabisches Potpourri

Von Arezou Khoschnam Die arabische Filmlandschaft ist hierzulande, aus verschiedensten Gründen, weitestgehend unbekannt, was mitunter auch einer fehlenden Plattform zuzuschreiben ist. Jedenfalls bislang. Mit der Einführung des Arabischen Filmfestivals Berlin im Jahr 2009 ist endlich ein wichtiger Schritt in eine notwendige Richtung gemacht worden. Mit einer bunten Auswahl von über 30 Filmen, darunter Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, feierte Alfilm vom 3. bis 11. November 2010 zusammen mit einem aufgeschlossenen Publikum (bereits) sein Zweijähriges.

Mit dem herausragenden Eröffnungsfilm The Time That Remains (2009) hat das Festival die Meßlatte für die weiteren Filme sehr hoch gelegt. Darin erzählt der palästinensische Regisseur Elia Suleiman in vier Episoden die Geschichte seiner Familie von 1948 bis in die Gegenwart.

Im Hauptprogramm wurden Filme berücksichtigt, die nicht älter als drei Jahre sind und entweder in Hinblick auf die Produktion, die Inszenierung oder den Inhalt als arabische Werke bezeichnet werden. Der Fokus des Festivals griff dieses Jahr das Thema Migration auf, womit die Festivalorganisation gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Debatten in der Bundesrepublik eine mehr als angemessene inhaltliche Wahl getroffen hat. Die Darstellung des Themas aus arabischer Sicht war dabei für den gemeinen Zuschauer der Festivalfilme eine erfrischende Bereicherung. In Harragas (2010), Amreeka (2009) und Messages from Paradise (2010) setzen sich die Filmemacher mit den Sehnsüchten der problemgebeutelten arabischen Bevölkerung nach einem Anderswo auseinander, welches zwangsläufig in Gestalt eines Europa oder Amerika daherkommt und beleuchten, welche Schwierigkeiten sich auftun, wenn das vermeintliche Ziel erst einmal erreicht ist. Ein stets präsentes Motiv ist das Hin- und Hergerissensein des Arabers zwischen der alten und neuen Heimat und die diese Kluft dominierende Frage nach der eigenen Identität.

So auch auf der Podiumsdiskussion, die alle Interessierten dazu einlud, mit Filmemachern, Filmwissenschaftlern und Kuratoren aus Orient und Okzident zum Thema »Fremdbilder und Selbstdarstellung von arabischen Migranten im Film« in Dialog zu treten. Unter den geladenen Diskutanten war auch der marokkanische Filmemacher Ahmed El-Maanouni, der sich für eine zunehmend autonome arabische Filmproduktion aussprach. Auch seine Kollegen stellten die berechtigte Frage, ob oder inwieweit ein Film mit arabischem Sujet auch dann noch arabisch ist, wenn er von Europäern gedreht wurde. El-Maanouni vertrat die Ansicht, man müsse aus der jeweiligen Gesellschaft stammen, um über ihre Probleme zu sprechen. Zudem berichtete der sympathische Erzähler von seiner Arbeit zu Burned Hearts (2007), einem beinah komplett in schwarz-weiß gedrehten Drama mit einer einnehmenden Ästhetik, in dem sich ein marokkanischer Heimkehrer mit seiner traumatischen Vergangenheit auseinandersetzt. Die Menge der geladenen Diskutanten ließ allerdings den Wunsch nach mehr Zeit aufkommen, als letztendlich zur Verfügung stand. Mit anregenden Gedanken zur Situation der arabischen Filmproduktion im Gepäck verließ man die Veranstaltung, so aber auch mit der Feststellung, daß eine kleinere Runde womöglich zu einem fruchtbareren Ergebnis geführt hätte.

Die sehr abwechslungsreichen Filme aus den arabischen Ländern dieser Welt bestätigen, daß es problematisch, wenn nicht sogar falsch ist, über ›den‹ arabischen Film zu sprechen. Denn, um den lautesten Konsens der Festivalstimmen wiederzugeben: Es gibt weder ›den‹ arabischen Film, noch gibt es ›das‹ arabische Kino. Stattdessen existieren diverse arabische Kinematographien, die nach dem jeweiligen Herkunftsland zu unterscheiden sind. Wenngleich die Filmfiguren ihre eigene Identität suchen, ist ›das‹ arabische Kino nicht das erklärte Ziel der arabischen Filmemacher. Es gehe den Beteiligten nicht um die Etablierung einer einheitlichen Filmsprache, sondern um die Präsentation der Vielfalt.

Diese Ansicht teilt auch Mohammad Malas, einer der bekanntesten syrischen Autorenfilmer, dem die diesjährige Retrospektive gewidmet war. Vielfältig ist auch sein Werk, das Dokumentar- und Spielfilme einschließt und immer wieder neue Impulse aufgreift. Gefilmt in den palästinensischen Flüchtlingslagern in Beirut bildet The Dream (1981) ein dokumentarisches Mosaik, in dem die Vertriebenen von ihren Träumen erzählen. Dabei kommen viele zu Wort. Etwas zu viele, um den Zuschauer mit den Geschichten nachhaltig zu berühren, doch genügend, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und The Dream zu einem poetischen Zeitdokument zu verdichten. Ein gesellschaftlich engagierter Filmemacher wie Malas hat zwangsläufig mit der Zensur zu kämpfen. Seine Dokumentation On the sand, under the sun beispielsweise, in der ein Theaterregisseur über die Folgen seines Gefängnisaufenthaltes auf seine künstlerische Arbeit spricht, ist bis heute in Syrien verboten. Angesichts der in den arabischen Ländern weit verbreiteten Zensur erhält die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern eine zunehmende Gewichtung. In gewisser Weise liegt dadurch die künstlerische Freiheit der arabischen Werke in ihrer Hand.

Auch wenn sich alle Beteiligten vehement gegen eine Kategorisierung der arabischen Filme wehren, gibt es doch einige wiederkehrende Elemente. Darunter die Musik. Ihr Einsatz in den Filmen ist zumeist so dominant, daß sie weniger die Figuren im Hintergrund begleitet, als daß sie vom Gesang der Figuren begleitet wird und dadurch selbst eine tragende Rolle übernimmt. Eine weitere zu beobachtende Gemeinsamkeit der Filme ist wohl in der arabischen Mentalität verankert. Ungeachtet der Tragik des Gezeigten lassen die Regisseure Raum für humorvolle Momente. Indem sie einen ironischen Blick auf die schrulligen Eigentümlichkeiten ihrer Figuren werfen, fordern sie ihre Landsleute scheinbar dazu auf, dem Ernst ihrer persönlichen Lage mit einem Augenzwinkern zu begegnen.

Das Rahmenprogramm hingegen fiel leider etwas dürftig aus. Neben der Stimmung machenden Eröffnungsparty und dem begeistert aufgenommenen Abschlußkonzert mit dem Rabih Abou-Khalil Trio bot die erwähnte Diskussionsrunde die einzige Möglichkeit des Austausches dieser Art. Umso erfreulicher, daß nach Vorführung ihrer Filme Mohammad Malas und Ahmed El-Maanouni dem Publikum für Fragen zu Verfügung standen. Dabei führte die mangelhafte Übersetzungsqualität wie so üblich mal zur Erheiterung der Gäste, mal zur Beschwerde.

Alfilm ist noch jung und muß sich entwickeln und darf sich deshalb charmante Fehler erlauben. Der festivalerprobte Malas etwa spricht in Anbetracht der jungen Festivalgeschichte von einem überraschend hohen Niveau der Filme und freut sich auf die kommenden Jahre mit Alfilm. Gut Ding braucht Weile wissen wir. Der Araber sieht das ähnlich: Allah hat uns die Zeit geschenkt. Von Eile hat er nichts gesagt. Bis dahin erfreuen wir uns daran, daß wir eine Woche lang in eine faszinierende neue Filmlandschaft eintauchen durften. 2010-12-01 17:39
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