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Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2010

59. Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg. D 2010. L: Dr. Michael Kötz.
Mannheim und Heidelberg, 11. – 21.11.10
Gewann hochverdient den Großen Preis für den Besten Film: 10 ½ von Daniel Grou

Im Zelt um die Welt

Von Kirsten Kieninger Die Preisskulptur des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg ist jung, das Festival selbst ist eines der ältesten Deutschlands. Dieses Jahr ging es in seine 59. Runde und erstmalig gab es für die prämierten Filme bei der feierlichen Preisverleihung im Mannheimer Stadthaus auch eine neu geschaffene Preisskulptur in die Hände der Filmemacher aus aller Welt.

Bei Filmemachern ist das Festival beliebt und wird von den eingeladenen Regisseuren gerne weiterempfohlen, denn die einzelnen Werke und ihre Regisseure werden von den Machern von Mannheim-Heidelberg bewußt in den Mittelpunkt gestellt. »Weniger ist mehr« ist dabei das Motto des langjährigen Festivalleiters Dr. Michael Kötz, der auch für das Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen verantwortlich zeichnet. Anstatt das Programm mit über hundert Filmen zu überfrachten, beschränkt man sich lieber auf eine überschaubare Filmauswahl, der man während der elf Festivaltage im November mit vielen Filmtalks und Publikumsgesprächen einen breiten Rahmen bietet. Das Publikum weiß das mit reger Beteiligung an den Diskussionen mit den Filmemachern zu schätzen. »Das Beste an diesem Festival ist das Publikum«, ist daher das Fazit von Kötz, der sich auch über die Zuschauerzahlen zufrieden zeigt. Über 53.000 waren es in diesem Jahr.

Während das Festival in Mannheim im Stadthaus schon länger eine Heimstätte gefunden hat, sind in Heidelberg dagegen die zwei Kinozelte, mit denen das Festival seit Beginn der Kooperation durch die Stadt »vagabundiert«, eine lieb gewonnene Tradition mit ganz eigenem Charme. Nun wurden die Zeltnägel das erste Mal im Park des Heidelberger Schlosses eingeschlagen.

Es ist fast ein wenig schade, daß es an diesem illustren Veranstaltungsort in diesem Jahr keinen »Master of Cinema« zu Ehren gab. Im letzten Jahr ging dieser Preis im Rahmen einer Gala an Atom Egoyan, der 1984 seinen ersten Film Next of Kin – Die nächsten Angehörigen in Mannheim präsentierte. Stattdessen wurde ein neuer Weg eingeschlagen: Im »Discoveries Trail« werden erfolgreiche Regisseure vorgestellt, deren Karriere in Mannheim-Heidelberg begann, aber eben noch nicht den Ehrentitel »Master of Cinema« verdienen.

So eröffnete der Chilene Matías Bize, der 2003 in Mannheim mit seinem Debüt Sábado den Rainer-Werner-Fassbinder-Preis gewann, in diesem Jahr mit seinem mittlerweile fünften Spielfilm La vida de los peces außer Konkurrenz das Festival. Der Film ist ein melancholisches Kammerspiel: ein Haus, eine Nacht, eine Party. Gespräche, Blicke, Nahaufnahmen. Und doch entfaltet sich darin nach und nach das Panorama eines Lebens, mitsamt der Entscheidungen und verpaßten Chancen der Vergangenheit, der Hoffnungen für die Zukunft und der Desillusionierungen der Gegenwart. In einzelnen Szenen entsteht – dank der sensibel agierenden Handkamera und auch dank des subtilen und nuancenreichen Spiels von Hauptdarsteller Santiago Cabrera – eine Intensität, die den Film mit seinem ruhigen Tempo trägt.

25 Filme wurden im »Internationalen Wettbewerb« und den »Internationalen Entdeckungen« vorgestellt, wobei zum Wettbewerb nur Filme von international noch unbekannten Regisseuren zugelassen werden, die noch nicht in den Wettbewerben von Cannes, Venedig, Locarno, Berlin und allen anderen deutschen Filmfestivals gelaufen sein dürfen. In der diesjährigen Auswahl fanden sich einige Entdeckungen und Überraschungen, allerdings entpuppte sich ausgerechnet die einzige echte Weltpremiere im Programm als veritable Enttäuschung. Just Inès des Briten Marcel Grant erzählt die Geschichte von Tom, der seine Frau brutal zusammenschlägt, als sie ihn verlassen will. Er wird verurteilt, kommt ins Gefängnis und einen Schnitt später schon wieder raus. In der folgenden langen Stunde wird dem Zuschauer vorgeführt, daß Tom ja eigentlich ein ganz Netter ist, der alten Frauen die Tasche trägt, kleine Jungs vom Prügeln abhält und sich Sorgen um seine neue Nachbarin macht, die immer weint. So wie das Drehbuch angelegt und der Film umgesetzt ist, muß sich weder die hübsche Nachbarin noch der Zuschauer Sorgen machen, daß Tom wieder gewalttätig werden könnte. Filmsprachlich manieriert steuert der mit zuckersüßer Filmmusik übergossene Film zäh auf sein vorhersehbares Happy End zu. Eher fragwürdig in seiner Aussage ist Just Inès kaum ein filmisch adäquater Beitrag zum komplexen Thema Frauen prügelnde Männer.

Ganz im Gegensatz zu 2 fois une femme (Twice a Woman), dem mittlerweile vierten Spielfilm des Frankokanadiers François Delisle. Inhaltlich und filmsprachlich sensibel und unkonventionell nähert sich der Regisseur dem Thema – und betrachtet dabei auf einfühlsame Art ausschließlich die weibliche Seite der Geschichte. Der Film schafft es mit seinem sehr langsamen Rhythmus, der im Zusammenspiel mit den eigentümlich verwaschen wirkenden Bildern einen ganz eigenen Sog ausübt, den Zuschauer mit auf den langen und schwierigen Weg zu nehmen, den die geschlagene Frau beschreitet, als sie zusammen mit ihrem jugendlichen Sohn den gewalttätigen Ehemann verläßt.

Solche thematischen Doppelpacks fanden sich viele im diesjährigen Programm. So lieferten zum Beispiel die beiden Wettbewerbsbeiträge Act of Dishonour von Nelofer Pazira und Kandahar Break von David Whitney ein echtes Kontrastprogramm zum Thema Afghanistan. Während die afghanischstämmige Filmemacherin sich mit differenzierendem Blick dafür interessiert, welchen Einfluß die Anwesenheit westlicher Fremder auf das Leben der einheimischen Familien und Frauen hinter den Mauern und unter den Burkas hat (was der Internationalen Jury eine Lobende Erwähnung wert war), scheint sich der junge britische Regisseur dagegen nur dafür zu interessieren, was das Thema an Konflikten, Settings und Staffage für einen Action-Reißer hergibt, der mit Hannes Jaenicke statt Shaun Dooley in der Hauptrolle auch gut und gerne als echter TV-Event-Film durchgegangen wäre.

Als weiteres thematisches Double-Feature erwiesen sich die Debütfilme zweier Regisseurinnen: Mareike, Mareike der Belgierin Sophie Schoukens und Till det som är vackert (Pure) von Lisa Lanseth aus Schweden. Beide Filme erzählen nah an ihren jeweils 20jährigen Protagonistinnen davon, wie sich die Suche nach Zugehörigkeit mit Sex vermischt. Während Mareike in den Armen alter Männer Wärme sucht und findet, während sie eigentlich über den Verlust ihres Vaters hinwegkommen will, stolpert Katharina fast darüber, daß sie sich mit dem verheirateten Dirigenten einläßt, nachdem sie ihren Weg aus den asozialen Verhältnissen ihres Zuhauses hinter den Empfangstresen der Göteborger Philharmonie gefunden hat. Für ihre eindrucksvolle Darstellung der Borderline-Persönlichkeit Katharina, die über Grenzen geht, wenn sich ihr jemand in den Weg stellt, wurde Alicia Vikander mit einer Lobenden Erwähnung der Internationalen Jury bedacht. Till det som är vackert weiß durchaus auch das Potential klassischer Musik für seine Dramaturgie zu nutzen, wenn sich die Ereignisse zu Mozarts »Requiem« zuspitzen.

Die Filmmusik ist auch einer der Schlüssel zu dem dänischen Wettbewerbsbeitrag Hold om mig (Hold Me Tight) von Kaspar Munk. Der Film schafft es durch sehr sensible Schauspielführung und einen genauen Blick, aber eben auch nicht zuletzt durch die Filmmusik, den Zuschauer mit in die Gefühlswelten seiner jugendlichen Protagonisten zu holen. Das auf vierundzwanzig Stunden Erzählzeit verdichtete sensible Drama um eine simulierte Vergewaltigung unter Mitschülern wurde mit dem Preis der Ökumenischen Jury und dem Publikumspreis (ex-aequo vergeben an den Eva y Lola von Sabrina Farji) ausgezeichnet.

Der Große Preis von Mannheim-Heidelberg für den Besten Film ging hochverdient an den frankokanadischen Film 10 ½ von Daniel Grou. Das verstörende Drama um den zehneinhalbjährigen Tommy, der mit seinen Aggressionen und Perversitäten die Erzieher im Heim an den Rand ihrer Kräfte bringt, ist eine unter die Haut gehende Studie über Gewalt, Gegengewalt und gesellschaftliche Verantwortung. Beklemmend dicht inszeniert, mit präziser Handkamera und auf den Punkt montiert ist dieser Film ein verstörender psychologischer Parforce-Ritt, auch schauspielerisch so intensiv, daß er ohne einen einzigen Ton Filmmusik auskommt.

Leichtere Kost, aber auch eine kleine Entdeckung ist Win/Win, der Debütfilm des Niederländers Jaap van Heusden, der mit einer Empfehlung der Jury der Kinobetreiber bedacht wurde. Bildsprachlich und im Rhythmus der Montage genauso spielerisch wie sein Protagonist Ivan vom Charakter her, verfolgt der Film, wie Ivan mit erfolgreichem Einstieg als Daytrader ins harte Börsengeschäft nach und nach seine Leichtigkeit, aber auch seine Bodenhaftung abhanden kommen. Mit sympathischem Hauptdarsteller zeichnet der Film einfallsreich und aus visuellen Details ein entlarvendes Gesamtbild der Innen- und Außenwelt der eigentlich nicht (be-)greifbaren Finanzwelt.

Aus einer ganz fremden Welt erzählt der Film, der sowohl mit dem Rainer-Werner-Fassbinder-Preis (für den Film mit unkonventioneller Erzählstruktur, vergeben durch die Internationale Jury) und dem Preis der FIPRESCI ausgezeichnet wurde und damit am Ende zu einem der wichtigsten Filme des Festivals gekürt wurde: Xun Huan Zuo Le (The High Life) des Chinesen Zhao Dayong erzählt aus dem postkommunistischen Alltag in der Millionenstadt Guangzhou. In langen statischen Einstellungen, in denen sich oftmals die Absurdität der Situation langsam entfaltet, beobachtet der Film Menschen, die ihre eigene Art gefunden haben, mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu leben. Erzählerisch spaltet sich der Film in zwei Hälften mit zwei verschiedenen Protagonisten, ein Kleinganove und ein Gefängnisaufseher, der die Häftlinge seine »Trash Poetry«-Gedichte vorlesen läßt. Die zwei eigenständigen Hälften irritieren zunächst, jedoch schafft der Film mit seiner eindrücklichen letzten Einstellung wieder den großen gesellschaftlichen Zusammenhang in dem die auf den westlichen Zuschauer sehr fremd anmutenden Versatzstücke ihren Kontext finden. Xun Huan Zuo Le ist kein einfacher Film, sondern erwies sich für viele Zuschauer des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg als echte Herausforderung.

Um die Hauptprogrammreihen »Internationaler Wettbewerb« und »Internationale Entdeckungen« herum gab es in diesem Jahr noch eine kleine Reihe mit vier Dokumentarfilmen unter dem Titel »Ganz schön wirklich«, eine Reihe mit Kinderfilmen und in der Mitternachtsschiene ein Überraschungsprogramm mit Kurzfilmen der eingeladenen Regisseure. Anstelle einer Retrospektive wurde unter dem Motto »Ist das Leben nicht wunderbar?« eine bunte Zusammenstellung bewährter Kinoklassiker von Eins, zwei, drei über Cinema Paradiso bis Die fabelhafte Welt der Amélie gezeigt. Mit dieser Reihe, im Nachhinein vom Festivalleiter selbst augenzwinkernd als »Kitsch-Reihe auf hohem Niveau« bezeichnet, wurde sicherlich auch ein wenig auf nach Romantik ausschauhaltende Besucher des Heidelberger Schlosses geschielt, zumal im Kinoticket auch die kostenlose Nutzung der Bergbahn inbegriffen war. Ob das Festival auch 2011 wieder zu Gast auf dem Schloßberg sein wird, bleibt abzuwarten. Aber eines steht schon fest: Das Programm des nächsten Jahres wird ein besonderes sein, denn es gilt, das 60. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu feiern. 2010-11-22 18:36
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